Süddeutsche Zeitung

Bildungspolitik der CSU:Die Hauptschule ist nicht zu retten

Kampf gegen den Berliner Geist: In Bayern hat man sich in die Bildung noch nie reinregieren lassen - weder von den Amis noch von den Preußen. Doch jetzt hat sich auch die CDU auf das Zwei-Säulen-Modell aus Gymnasien und Oberschulen festgelegt. Die CSU sollte mitziehen. Nicht wegen der CDU, sondern wegen der Kinder.

Tanjev Schultz

Nach dem Krieg wurde die CSU mit den Amerikanern fertig. Da wird sie es jetzt auch mit ihrer Schwesterpartei CDU aufnehmen können. So denkt man in Bayern; jedenfalls, wenn es um die Schulpolitik geht. Die Amerikaner fanden das gegliederte deutsche Schulsystem seltsam und wenig demokratietauglich. Doch die CSU widersetzte sich allen Versuchen, eine Gemeinschaftsschule einzuführen. Ihr Kultusminister Alois Hundhammer warnte vor einem Bruch mit den Traditionen und auch vor dem "Berliner Geist". In die Bildung der Bayern sollte niemand hineinregieren, weder die Amis noch die Preußen.

Nun, mehr als 60 Jahre später, bläst der bildungspolitische Wind wieder kräftig. Dass ihm die CSU erneut so lange standhalten kann, ist unwahrscheinlich. Das bildungspolitische Programm, das die CDU-Spitze beschlossen hat, setzt die Bayern gewaltig unter Druck. Plötzlich ist die CSU die einzige Partei, die immer noch kompromisslos an der Hauptschule festhält. Horst Seehofer mimt den Hundhammer. Kurzfristig mag er damit dem Ärger ausweichen, den sich die CDU bei konservativen Anhängern einhandelt. Die sehen ihre Partei nach der Energiewende jetzt auch in der Schulpolitik auf linken Pfaden wandeln. Langfristig ist die Hauptschule aber schon aus demographischen Gründen nicht zu retten. Der Rückgang der Schülerzahlen zwingt zu pragmatischen Modellen. Nur so wird man in ländlichen Regionen wohnortnahe Schulen erhalten können.

Sogar in Bayern gibt es mehr und mehr Kooperationen, und die CSU nennt die Hauptschulen aus Imagegründen nur noch selten bei ihrem Namen und spricht stattdessen lieber von "Mittelschulen". In den meisten Bundesländern ist die Fusion von Haupt- und Realschulen längst in vollem Gange. Die CDU vollzieht mit ihrem neuen Programm also keine spontane, überraschende Wende. Sie beschreibt und bekräftigt, was sich in den Ländern seit langem anbahnt. Dennoch ist der Abschied von der Hauptschule und das offensive Werben für ein Zwei-Säulen-Modell aus Gymnasien und Oberschulen für die Partei eine Zäsur. Der Weg, den Annette Schavan und der sächsische Kultusminister Roland Wöller eingeschlagen haben, ist für viele Konservative noch gewöhnungsbedürftig. Aber die Richtung stimmt.

Das Zwei-Säulen-Modell ist ein gutes Angebot für einen Schulfrieden in Deutschland. Es bietet Linken wie Rechten die Möglichkeit, ihr Gesicht zu wahren. Die Linken akzeptieren das Gymnasium. Und die Konservativen geben dafür die Hauptschule auf und lassen zu, dass es neben dem Gymnasium nur noch eine weitere Schulart gibt, die aber sämtliche Abschlüsse ermöglicht.

Die Hauptschule hat ihren Status als Haupt-Schule ohnehin längst verloren. Die Ansprüche und Anforderungen sind in vielen Berufen gewachsen. In zahlreichen Städten und Gemeinden besuchen längst mehr als die Hälfte der Kinder ein Gymnasium. Früher war es umgekehrt. Da war die Volksschule noch eine Schule für (fast) alle, und die Gymnasien waren kleine Eliteanstalten.

Das deutsche Schulsystem spiegelte im 19. Jahrhundert das Ständedenken wider, später lag ihm eine diffuse Begabungslehre zugrunde. "Dreierlei Menschen braucht die Maschine. Den, der sie bedient, den, der sie repariert und verbessert, schließlich den, der sie erfindet und konstruiert." So schrieb es 1955 der Pädagogik-Professor Heinrich Weinstock. Und er schloss daraus: "Offenbar verlangt die Maschine eine dreigegliederte Schule."

Noch heute argumentieren die Verteidiger der Hauptschule, es gebe nun mal unterschiedliche Talente. Ob ein Kind "praktisch" begabt ist, spielt bei der Überweisung an eine Hauptschule allerdings überhaupt keine Rolle. Es geht nur darum, dass das Kind im Rechnen und Lesen (noch) nicht so gut ist wie andere. Statt es besser zu fördern, wird es mit anderen Schlecht-Lesern und Schlecht-Rechnern in eine Klasse gesteckt. Dieses System ist nicht wirklich differenziert. Es ist erschreckend schlicht und pädagogisch wenig ambitioniert. Es sollte, wie die CDU zu Recht formuliert, eine "Vielfalt an Bildungswegen" geben. Für diese Vielfalt braucht man aber nicht lauter unterschiedliche Schularten. Man muss nur das Schlagwort der "individuellen Förderung" endlich mit Leben füllen.

Würden Politiker und Pädagogen ihren verbissenen Kampf um die richtige Schulstruktur beenden, könnte ihre ganze Kraft in einen besseren Unterricht und die individuelle Förderung der Kinder fließen. Vielleicht würde, um Frieden zu schließen, ein überparteilicher "Bildungsrat" helfen, wie ihn die CDU vorschlägt. Es gab so ein Gremium allerdings schon, in den sechziger und siebziger Jahren. Zur Befriedung der Schulpolitik hat der Bildungsrat damals nicht unbedingt beigetragen. Seitdem hat sich jedoch vieles gewandelt. Die pädagogischen Experten sind heute pragmatischer als früher - und die CDU ist es, wie sich zeigt, mittlerweile ja auch.

Nun müsste nur noch die CSU in Bayern einsehen, dass der "Berliner Geist" in der Schulpolitik nicht immer von Übel ist. Wenn sie über ihren pädagogischen Schatten springt, muss sie es ja nicht unbedingt der CDU zuliebe tun. Es würde reichen, wenn sie es für die Kinder tut.

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SZ vom 28.06.2011/jab
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