Süddeutsche Zeitung

Ausbildungsreport des DGB:Billig und immer einsatzbereit

Weniger Lohn, weniger Urlaub und mehr Überstunden: Die Benachteiligung von Frauen im Job beginnt schon in der Ausbildung.

Ob angehende Hotelfachfrau, Verkäuferin oder Arzthelferin - ihre Karriere beginnt häufig mit gravierenden Nachteilen, verglichen mit den Lehrlingen in klassischen Männerberufen: "Während zum Beispiel bei 61 Prozent in Männerberufen die Überstunden ausgeglichen werden, ist das nur in 46 Prozent der Frauenberufe der Fall", heißt es in der Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Große Unterschiede gibt es laut dem Ausbildungsreport auch bei den Urlaubstagen und bei der Vergütung: Junge Metallbauer oder Elektroniker haben im Durchschnitt drei Tage mehr Urlaub als etwa junge Friseurinnen oder medizinische Fachangestellte. Und der Verdienst liegt bei den Lehrlingen in Männerberufen um mehr als 100 Euro monatlich höher als in den Berufen, in denen überwiegend Frauen arbeiten.

Fachinformatiker an Platz eins

Im Durchschnitt verdienten die befragten Jugendlichen rund 573 Euro pro Monat. Das entspricht nicht ganz den Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung, das alle Auszubildenden erfasst. Demnach erhöhten sich die Vergütungen für die Lehrlinge 2008 in den alten Bundesländern um zwei Prozent auf 657 Euro monatlich. In Ostdeutschland lag der Durchschnitt bei 567 Euro.

Für die Untersuchung des DGB und des Instituts für Sozialpädagogische Forschung Mainz wurden fast 7000 Azubis aus den 25 häufigsten Ausbildungsberufen befragt. In dem Fragebogen sollten die Jugendlichen selbst angeben, wie sie ihre Ausbildung einschätzen. Am besten schneidet demnach der Beruf Fachinformatiker ab, ein vergleichsweise junges Berufsbild, das 2008 noch auf dem achten Platz des Rankings landete. Auf Rang zwei folgt der Industriemechaniker, im Vorjahr noch die Nummer eins. Angehende Bankfachleute belegen wie 2008 den dritten Platz (Grafik). "In diesen Berufen und auch bei den Industrie- und Bürokaufleuten können wir von einer überdurchschnittlich guten Ausbildung sprechen", sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock.

Lehrinhalte Nebensache

Am schlechtesten bewerten die Lehrlinge in Hotels und Gaststätten ihre Situation. Hier sei die Qualität der Ausbildung deutlich schlechter, kritisierte Sehrbrock. Der Alltag werde geprägt durch harte Arbeit, permanent viele Überstunden, einen oftmals rauen Ton und das Gefühl, ausgenutzt zu werden. "Die Vermittlung von Lehrinhalten wird häufig zur Nebensache", sagte die DGB-Frau. So berichten fast drei Viertel der zukünftigen Restaurantfachleute und 65 Prozent der angehenden Köche von regelmäßigen Überstunden. Zum Vergleich: Bei den Industriemechanikern sind es weniger als 20 Prozent.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) warnte deshalb vor einem Fachkräftemangel im Hotel- und Gaststättengewerbe. Dieser sei seit Jahren absehbar, "weil Auszubildende als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden", sagte die stellvertretende NGG-Vorsitzende Michaela Rosenberger. Viele Jugendliche in dieser Branche würden ihre Ausbildung abbrechen.

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Viel zu verlieren

Mehr Engagement für Gleichstellung

Auffällig in der DGB-Studie sind die Differenzen zwischen großen und kleinen Unternehmen. "Für den Aspekt Überstunden lässt sich das beispielsweise auf die Formel bringen: Je größer der Betrieb, desto weniger Überstunden für Azubis", sagte Sehrbrock. 42 Prozent der Befragten gaben an, regelmäßig Mehrarbeit leisten zu müssen, bei mehr als zwei Dritteln bezahlt in Form von zusätzlicher Freizeit oder Geld. Aber vor allem in Kleinbetrieben wie etwa in Friseurläden oder Zahnarztpraxen, in denen wiederum häufig Frauen eine Lehrstelle erhalten, besteht offenbar die Gefahr, dass es für die Überstunden keinen Ausgleich gibt. "Die Arbeit lastet auf wenigen Schultern und eine Dienstleistung muss auch dann erbracht werden, wenn eine Kollegin krank ist oder Urlaub hat", sagte die DGB-Vizechefin.

Sehrbrock forderte die Bundesregierung auf, sich mehr für das Thema Gleichstellung zu engagieren. Frauen dürften nicht länger dafür bestraft werden, "dass sie Dienstleistungen erbringen, Menschen pflegen oder beruflich Kinder erziehen. Warum sollte die Arbeit eines Elektronikers mehr wert sein als die Arbeit einer medizinischen Fachangestellten?", sagte sie. Es reiche nicht aus, auf eine gestiegene Frauenerwerbsquote zu verwiesen. Diese sei vor allem auf mehr Teilzeitarbeit zurückzuführen, wovon aber ein großer Teil unfreiwillig erfolge.

DGB-Jugendsekretär René Rudolf sagte, die Industrie- und Handelskammern müssten systematischer Ausbildungsbetriebe kontrollieren, auch ohne sich vorher anzumelden. Die Kammern befinden sich jedoch in einer Zwickmühle: Sie sollen für mehr Ausbildungsplätze werben, da könnten Kontrollen eher störend sein. Außerdem fehlt das Personal, um Misstände in Betrieben aufzudecken und zu bekämpfen. Die Lehrlinge selbst, die sich im Internet auch an den DGB wenden können (www.doktor-azubi.de), scheuen sich oft davor, sich zu beschweren. "Sie haben viel zu verlieren und lassen deshalb auch viel über sich ergehen", sagte Sehrbrock.

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SZ vom 28.8.2009/bön
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