Süddeutsche Zeitung

Arbeitszeit:Es tut gut, im Büro zu trödeln

Manche Unternehmen verkürzen den Arbeitstag - und bezahlen den vollen Lohn. Was verlockend klingt, bedeutet oft aber auch: Die Arbeit wird härter - und nicht unbedingt besser.

An der These für diesen Kommentar hat sie beim Plaudern mit Kollegen gefeilt, während des Schreibens war die Autorin zwischendurch Kaffeetrinken und hat private E-Mails gelesen. Es gelingt den wenigsten Beschäftigten, acht Stunden pro Tag konzentriert zu arbeiten, das belegen zahlreiche Studien. Naheliegend, aber dennoch revolutionär ist da das Konzept, weniger Stunden zu arbeiten, dafür produktiver - und das Gleiche zu verdienen. Doch der Fünf- oder Sechsstundentag bei vollem Lohnausgleich ist nicht nur schöne, neue Arbeitswelt. Er könnte Beschäftigte auch zu Effizienzmonstern mit Tunnelblick machen.

Die Unternehmen, die den verkürzten Arbeitstag ausprobieren, verfolgen zweifelsohne ein löbliches Ziel. Sie wollen ein Arbeitszeitmodell schaffen, bei dem das restliche Leben nicht um die täglichen acht Stunden Erwerbstätigkeit herum geplant werden muss, sondern in dem für Job und Freizeit ähnlich viel Platz sein soll. Doch ihre Umsatz- und Gewinnziele müssen auch die Pioniere erfüllen - allein schon, um die Mitarbeiter weiterhin voll bezahlen zu können. Also wird in weniger Stunden eben mehr rangeklotzt. Still und konzentriert arbeiten, möglichst ohne Ablenkung, das ist zwangsläufig Teil des Konzepts.

Die tägliche Zeit mit den Kollegen ist mehr als bloßer Broterwerb

Dabei geht manches verloren, was Arbeit zu mehr macht als zum bloßen Broterwerb: Sich mit der lieben Kollegin auf dem Flur zu verquatschen, in der Kantine über die Fußballergebnisse zu debattieren oder in mehr oder weniger spannenden Meetings zu sitzen, die plötzlich doch an Fahrt aufnehmen, weil ein Kollege eine steile These in den Raum wirft. Der Arbeitsplatz ist ein sozialer Ort - zum Glück. Wer das Arbeiten maximal verdichtet, macht es dadurch erst zum Ernst des Lebens. Natürlich können die Unternehmen ihre Beschäftigten zum Zusammensein nach der Arbeit einladen, um das Zwischenmenschliche nachzuholen, für das sonst keine Zeit mehr bleibt. Doch es ist fraglich, ob ein anberaumtes Treffen die Atmosphäre entfaltet, die im Berufsalltag oft spontan entsteht.

Am meisten Freude bereitet ein Job, wenn man abends das Gefühl hat: Ich habe richtig was geschafft, aber ich stand nicht ständig unter Strom. Damit das gelingt, helfen nicht nur nette Kollegen, sondern auch kleine Auszeiten. Mal ein Blick aus dem Fenster in die Ferne, mal einer ins Smartphone auf Instagram, eine kleine Kaffeepause, vielleicht etwas Lesezeit. Es ist schön, bei der Arbeit nicht immer nur funktionieren zu müssen wie ein Uhrwerk. In den Arbeitstag integrierte Pausen schaffen die Voraussetzung für einen entspannten Feierabend, in dem man nicht noch ständig an die Arbeit denkt.

Wer kürzer, aber unter Hochdruck arbeitet, braucht danach länger, um abzuschalten. Im schlimmsten Fall hat er oder sie sogar ein schlechtes Gewissen, "nur" einen halben Tag im Büro verbracht zu haben - und wirft abends doch noch einen Blick in die Präsentation für morgen. Berufliches und Privates verschwimmen in vielen Branchen ohnehin schon. Man muss es nicht noch darauf anlegen.

Einen Trumpf haben die Befürworter des verkürzten Arbeitstages freilich in der Hand: Wenn 25 oder 30 Stunden die neue Vollzeit wären, würden viele Frauen deutlich besser verdienen und Männer hätten mehr Zeit für die Care-Arbeit zu Hause, die bislang oft die teilzeitarbeitende Partnerin übernimmt. Doch mehr Gleichberechtigung bekommen andere Länder besser hin als Deutschland, auch ohne den flächendeckend verkürzten Arbeitstag. Aus alten Rollenbildern müssen die Menschen schon selbst herausfinden, währenddessen sollten Bund und Länder die Nachmittagsbetreuung für Schulkinder ausbauen. Und die Arbeitnehmer machen ganz entspannt Feierabend. Es muss ja nicht erst um 18 Uhr sein.

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SZ vom 31.08.2019
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