Süddeutsche Zeitung

Medizin:Wenn die Angst hochkommt

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Von Felix Hütten

Es ist ein Drama und ein Unglück, aber es gibt auch gute Nachrichten von diesem Berg im Norden Thailands: Die zwölf eingeschlossenen Jugendlichen und ihr Trainer werden in der Höhle nicht erfrieren. In Steinhöhlen herrscht die lokale Durchschnittstemperatur, weshalb es in der thailändischen Höhle um die 20 Grad warm ist.

"Das ist maßgeblich dafür, dass die Kinder noch am Leben sind", sagt Nils Bräunig. Er ist Sprecher des Höhlenrettungsverbundes Deutschland und hat reichlich Erfahrung mit der Bergung von Höhlenbesuchern. In Höhlen im deutschen Mittelgebirge ist es mit sieben bis neun Grad deutlich kühler und damit gefährlicher für Eingeschlossene.

Eine extreme Belastung für die Jugendlichen ist hingegen das Ausharren in Dunkelheit. Möglicherweise konnte die Gruppe mit dem Strom ihrer Lampen haushalten, ansonsten aber herrschte Finsternis. Wenn der Rettungsexperte Bräunig Besuchergruppen durch Höhlen führt, macht er manchmal den Taschenlampentest: "Licht aus!" Die Teilnehmer sind dann meist erstaunt, welche sonderbaren Eindrücke das Gehirn wahrnimmt; etwa die Schatten der Hände, obwohl diese gar nicht zu sehen sind.

"Wir haben hier ein klares Gruppen-Führer-Verhältnis"

"Wir sind es nicht gewohnt, nichts zu sehen", sagt Bräunig. Was für Tourenteilnehmer ein Aha-Erlebnis ist, kann die eingeschlossenen Jugendlichen bald in eine psychische Extremsituation treiben: Panik macht sich breit. Aus ähnlichen Fällen mit eingeschlossenen Bergleuten weiß man, dass diese Angstattacken in den ersten Stunden besonders heftig sein können. Danach komme es sehr darauf an, ob jemand in der Gruppe besonnen reagiere und die anderen beruhigen könne, sagt Martin Keck, Klinikdirektor am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München.

Es sei zudem wichtig, dass die Jugendlichen nach ihrer Rettung psychologisch betreut würden, sagt Keck. Denn die Erinnerung versetze manche Überlebenden noch Wochen später zurück in die Finsternis, zurück in die Todesangst. Tatsächlich kann eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung die Erlebnisse noch Jahre später wieder hochkommen lassen.

Rettungsexperte Bräunig sieht im aktuellen Fall allerdings einen weiteren positiven Aspekt: Der Trainer der Jugendlichen ist bei ihnen und kann als Autoritätsperson Panikattacken womöglich abfangen. "Wir haben hier ein klares Gruppen-Führer-Verhältnis", sagt Bräunig. In einer Gruppe von Menschen, die sich nicht kennen oder die in der Hierarchie gleichgestellt sind, etwa unter Bergleuten, ist dieses Gefüge zunächst noch offen und wird manchmal über Machtkämpfe entschieden. Eine zusätzliche Tortur, die Eingeschlossene zermürben kann.

Weitere körperliche Probleme, welche die Dunkelheit mit sich bringt, sind Unwohlsein, Übelkeit und ein aus dem Takt gekommener Schlaf-Wach-Rhythmus, sagt Psychiater Keck. Denn Licht steuert im Gehirn maßgeblich die innere Uhr des Körpers und beeinflusst damit auch Temperatur, Blutdruck und die Aktivität von Genen. Erst nach Wochen in der Dunkelheit können durch Vitamin D-Mangel die Knochen brüchig werden. Die Augen der Jugendlichen allerdings dürften sich schnell erholen, wenn auch das erste Tageslicht schmerzhaft ist.

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Quelle:
SZ vom 04.07.2018
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