Süddeutsche Zeitung

Keine Zivilisationskrankheit:Menschen leiden schon seit Jahrtausenden an Gefäßverkalkung

Kalkablagerungen in den Arterien, die zu Herzinfarkt und Schlaganfall führen können, gelten als Zivilisationskrankheit. Doch schon vor Jahrtausenden litten Menschen an Atherosklerose, unabhängig von ihrer Kultur. Das zeigt eine Studie an Mumien aus verschiedenen Weltregionen und unterschiedlichen Epochen.

Von Markus C. Schulte von Drach

Fettreiche Ernährung, zu wenig Bewegung und Rauchen gelten als wichtige Risikofaktoren für gefährliche Kalkablagerungen in den Arterien. Deshalb wurde bislang angenommen, dass es sich vor allem um eine moderne Krankheit handelt. Und da Atherosklerose zu einer Verengung der Blutgefäße und so zu Herzinfarkt und Schlaganfall führen kann, raten Ärzte zu fettärmerer Nahrung, Bewegung und Tabakabstinenz.

Doch möglicherweise liegt hier ein Irrtum vor. Darauf deutet zumindest eine Studie an Mumien. Wie ein internationales Forscherteam im britischen Fachmagazin The Lancet berichtet, zeigen Untersuchungen der Leichen mit Hilfe der Computertomografie, dass Menschen bereits seit mehr als 4000 Jahren unter Atherosklerose - einer Form der Arteriosklerose - leiden.

Die Wissenschaftler um Randall Thompson vom Saint Luke's Mid America Heart Institute in Kansas City, USA untersuchten 137 Mumien. 76 stammten aus Ägypten aus der Zeit zwischen 3100 vor und 364 nach Beginn unserer Zeitrechnung. 51 Mumien stammten aus Peru und waren etwa zwischen 1800 und 500 Jahre alt. Fünf gehörten zur Pueblo-Kultur im Südwesten der USA und stammten aus der Zeit zwischen 1500 vor und 1500 nach Christus, und weitere fünf waren Unangan, die zwischen 1756 und 1930 als Sammler und Jäger auf den Aleuten lebten, einer Inselkette, die zum US-Bundesstaat Alaska gehört.

Bei 47 Mumien, das sind 34 Prozent, gab es Hinweise auf Verkalkungen der noch vorhandenen Gefäßwände oder die Forscher fanden Kalkablagerungen dort, wo einmal Blutgefäße gewesen sein dürften.

Ein Zusammenhang mit der Kultur, aus der die Betroffenen stammten, konnten sie dabei nicht feststellen - obwohl die Bedingungen, unter denen sie lebten, sich deutlich unterschieden. So stammten einige Mumien aus Jäger- und Sammlerkulturen, andere aus Agrargesellschaften.

Zwar handelt es sich bei den Mumien aus Ägypten um Menschen von hohem Rang, die sich vermutlich anders - besser - ernähren konnten als die normale Bevölkerung, und die auf künstliche Weise konserviert wurden. So wurde bereits spekuliert, ob die Nahrung der Oberschicht im alten Ägypten besonders viel Fett mit gesättigten Fettsäuren enthalten hat.

Alle anderen Mumien aber sind aufgrund der Klimabedingungen noch gut erhalten. "Daher kann man annehmen, dass sie einen Querschnitt der damaligen Bevölkerung darstellen", sagt Thompson. "Die Tatsache, dass wir ähnlich viele Fälle von Atherosklerosis in allen untersuchten Kulturen gefunden haben, die alle sehr verschiedene Lebensstile und Ernährung aufwiesen, deutet darauf hin, dass die Krankheit in der Antike deutlich häufiger war als bisher gedacht."

Der einzige erkennbare Risikofaktor für Atherosklerose war das Alter. Je älter die Menschen zum Zeitpunkt ihres Todes gewesen waren, desto höher war die Wahrscheinlichkeit von Kalkablagerungen.

Das aber ist auch für heute lebende Menschen so. Da die Verkalkung mit der Zeit zunimmt und moderne Menschen eine höhere Lebenserwartung haben als unsere Ahnen, gehören die Folgen der Atherosklerose heute mit zu den häufigsten Todesursachen.

Aber aufgrund der Häufigkeit, mit der Menschen lange vor unserer Zeit unter Kalkablagerungen in den Gefäßen litten, "glauben wir, dass unser Verständnis der Ursachen für Atherosklerose unvollständig ist", sagte Thompson. "Die Krankheit könnte möglicherweise ein Teil des Alterungsprozesses des Menschen sein, und keine Eigenschaft irgendeiner besonderen Diät oder eines bestimmten Lebensstils", schreiben die Mediziner im Lancet.

Demnach würden Ernährung, Bewegungsmangel oder Tabakkonsum keine so große Rolle spielen. "Es ist außerdem zweifelhaft, dass der Versuch, Atherosklerose durch einen Lebensstil wie vor der Industriellen Revolution oder der Entwicklung der Landwirtschaft zu vermeiden, sinnvoll sein könnte", sagte Thompson.

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