Süddeutsche Zeitung

Ärztemangel:Die Kehrseite des Spezialistentums

Die Medizinerverbände warnen vor einem grassierenden Mangel an Hausärzten, die gesetzlichen Krankenkassen sehen dagegen nur Lücken auf dem Land - und rügen, dass Studenten heute allesamt Spezialisten werden wollen.

Von Guido Bohsem

Die jungen Medizinstudenten wollten einfach mal dagegen halten. Gegen das Bild des Arztes, der rund um die Uhr einsatzbereit ist und auch bei Nacht und Wind kilometerweit fährt, um seine Patienten zu versorgen. Sie drehten ein Video, das in der Aussage gipfelt: "Wir sind für unsere Patienten da. Acht Stunden am Tag. 100 Prozent."

Ihre Botschaft ist einfach, aber deutlich: Hier wächst eine Generation heran, die nicht mehr den alten Rollenbildern nacheifern möchte und die auch noch Interessen neben dem Beruf hat. Engagiert und ehrgeizig sind auch die Nachwuchsmediziner. Sie haben aber vielfach eine völlig andere Vorstellung als die Altvorderen davon, wie das Verhältnis von Arbeit und Leben zu sein hat.

Diese Generation stellt die medizinische Versorgung des Landes immer mehr vor Probleme. Denn vor allem auf dem Land und im Bereich der Allgemeinmedizin fehlt es zunehmend an Nachwuchs. Nach jüngsten Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) sind schon jetzt bis zu 2600 Hausarztstellen unbesetzt. Auch bei den Fachärzten fehlten 2000 Mediziner.

In den kommenden Jahren würden mehr als 50 000 noch aktive Mediziner aus dem Bereich der haus- und fachärztlichen Grundversorgung in den Ruhestand gehen. Der Hausärzte-Mangel entwickele sich zu einem massiven Problem, urteilte der scheidende KBV-Vorstandschef, Andreas Köhler. Die Nachfrage nach medizinischen und psychotherapeutischen Leistungen werde wegen der demografischen Entwicklung weiter steigen.

Die gesetzlichen Krankenkassen beurteilen die Situation anders. Nach ihren Angaben fehlten nicht 2600 Hausärzte, sondern nur 1000. Die von der Ärzteschaft genannte Zahl habe eine Versorgung der Bevölkerung zu 110 Prozent zum Ziel, betonte der stellvertretende Vorstandschef des Spitzenverbandes der Kassen, Johann-Magnus von Stackelberg. Ausreichend ist nach seinen Worten aber auch eine Versorgung zu 100 Prozent. Und um die derzeit akut unterversorgten Gebiete mit Ärzten auszustatten, seien lediglich 100 zusätzliche Mediziner vonnöten.

Dennoch ist es nach Stackelbergs Einschätzung notwendig, vor allem im hausärztlichen Bereich mehr Nachwuchs zu gewinnen. Die Art des Medizinstudiums sowie die Planung der ärztlichen Versorgung und schließlich die Bezahlung der Mediziner führten zu einem krassen Missverhältnis von zu vielen Fachärzten und zu wenigen Allgemeinmedizinern.

Ärzte kritisieren "Flatrate-Mentalität" der Kassen

Es bestünden zu hohe Schranken für angehende Hausärzte. "Wir müssen diesen Hindernisparcours abbauen", sagte Stackelberg. Während des Studiums werde der Allgemeinmedizin zu wenig Raum eingeräumt, sagte er weiter. Stattdessen konzentriere sich die Ausbildung der Hochschüler darauf, die jungen Mediziner immer höher zu spezialisieren. Diese Art des - öffentlich finanzierten - Studiums gehe jedoch am Bedarf vorbei. "Da stimmt was nicht", sagte der Kassen-Vertreter.

Auch sei die von den Kassenärztlichen Vereinigungen geregelte Bezahlung der unterschiedlichen Ärztegruppen fehlerhaft. So würden technische Gerätschaften und ihre Anwendung deutlich besser honoriert als die sogenannte sprechende Medizin, in der es mehr um das individuelle Wohl des Patienten gehe. Die Kassen schlugen deshalb vor, die Honorierung etwa für Radiologen deutlich abzusenken, wenn sich deren Geräte erst einmal amortisiert hätten.

Die Kritik der Kassen stieß auf heftige Gegenreaktionen. Die Versicherer sollten endlich einen konstruktiven Beitrag leisten, um den niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten verlässliche Rahmenbedingungen mit festen Preisen zu ermöglichen. Die Flatrate-Mentalität nach dem Kassenmotto "Viele Leistungen zum kleinsten Preis" müsse endlich der Vergangenheit angehören.

Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, reagierte mit Kritik auf den Vorstoß der Kassen. Diese trügen in erheblichem Maße Verantwortung dafür, "dass das Gesundheitswesen mehr und mehr zu einer Gesundheitswirtschaft degeneriert".

Es sei illusorisch anzunehmen, dass die nächste Ärztegeneration weiterhin unbezahlte Überstunden leiste. "Hier bedarf es dringend gemeinsamer Anstrengungen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern", betonte Montgomery. Es seien insbesondere auch die Kommunen aufgefordert, die notwendigen infrastrukturellen Voraussetzungen zu schaffen. Die ewigen Neidkampagnen der Krankenkassen seien dagegen nicht hilfreich.

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SZ vom 28.02.2014
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