Süddeutsche Zeitung

Abgase in Innenstädten:Raus auf die Straße, in den Stau - und tief einatmen!

Das Umweltbundesamt hat neue Zahlen zu den Gesundheitsschäden durch Stickstoffdioxid veröffentlicht. Doch die Debatte um diesen Schadstoff lenkt von viel größeren Gefahren ab.

Wer den Unterschied zwischen gesetzeskonformen Fahrzeugemissionen auf einem Prüfstand und den schmutzigen Realbedingungen erfahren möchte, der sollte sich im Winter, am besten auf dem Fahrrad, zur Rushhour durch eine verstopfte Straße schlängeln.

So ist man dicht dran am Geschehen, also an den Auspuffen, und man atmet tiefer ein. Allein das, was der Gesetzgeber erlaubt (ohne Schummelsoftware in den Motoren), reicht bei kalten Außentemperaturen und kaltem Motor, weil es die Autobauer nicht anders hinbekommen, für ein sehr unangenehmes Gefühl in der Kehle bis weit hinunter in die Bronchien.

Das Umweltbundesamt UBA hat am Donnerstag beziffert, welche Gesundheitsschäden alleine das Stickstoffdioxid (NO₂) auslöst. 6000 vorzeitige Todesfälle aufgrund von Herzkreislauferkrankungen für das Jahr 2014 haben die Statistiker für Deutschland ermittelt. Die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO liegen sogar noch höher. Doch wie sinnvoll sind solche Angaben? Tatsächlich wäre es seriöser, die in der Gesamtbevölkerung verloren gehenden Lebensjahre zu nennen, sie passen nur nicht so gut in Schlagzeilen. Für Deutschland sind es 88 verlorene Lebensjahre pro 100 000 Einwohner.

Wie schwierig solche Berechnungen sind, zeigt die statistische Unsicherheitsspanne der Ergebnisse, die von 30 bis 146 verlorenen Jahren reicht. Doch das größte Problem dieser Untersuchung ist der einseitige Fokus auf Stickstoffdioxid. Das Gas ist schädlich, darüber gibt es kaum Zweifel - im Vergleich zu anderen Schadstoffen aus dem Straßenverkehr ist es jedoch eher harmlos.

Die Debatte um Stickoxide lenkt von viel größeren Gefahren ab. Deshalb ist es auch nicht beruhigend, dass die Belastung der Luft mit diesem Gas in den vergangenen Jahren sogar gesunken ist. Über die Feinstaubbelastung sagt das nichts aus. Und die droht gerade im Gerangel um Fahrverbote und technische Lösungen wie Nachrüstkits für manche Dieselautos völlig unterzugehen.

Alle Autos produzieren Feinstaub. Andere Quellen sind Holzöfen, Industrie und Landwirtschaft. Die Zahl der vorzeitigen Todesfälle durch Feinstaub beziffert das UBA für das Jahr 2014 auf 41 000 allein in Deutschland. Statt Dieselautos umzurüsten, damit sie weniger Stickoxide ausstoßen, sollte besser ein Umdenken einsetzen, das dafür sorgt, dass Autos generell weniger gefahren werden. Wenn die aufrüttelnden Zahlen des Umweltbundesamtes es nicht schaffen, etwas in Bewegung zu setzen in der Politik sowie in der Verkehrsplanung und in den Köpfen der Autofahrer, dann hilft nur das eigene Erleben: Raus auf die Straße, in den Stau - und tief einatmen.

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Quelle:
SZ vom 10.03.2018/fehu
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