Süddeutsche Zeitung

Schule:Dürfen Lehrer Schüler berühren?

Lesezeit: 3 min

Wie viel Distanz müssen Lehrer und Schüler zueinander halten? Und dürfen sie bei Facebook miteinander befreundet sein?

Von Matthias Kohlmaier

Die Leserfrage

Ich würde gerne wissen, wie vertraut Lehrer und Schüler miteinander umgehen dürfen. Stimmt es, dass Lehrkäfte ihre Schüler unter keinen Umständen berühren sollen? Ist es Lehrkräften und Schülern erlaubt, privat Zeit miteinander zu verbringen, zum Beispiel in Sportvereinen? Und welche Regeln gelten in den sozialen Netzwerken?

Die Antwort

Die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern ist besonders für die Pädagogen eine Gratwanderung: Sind sie zu nett und kameradschaftlich, haben die Schüler möglicherweise keinen Respekt vor ihnen; sind sie zu streng, riskieren sie eine Total-Opposition. Für ein produktives und angenehmes schulisches Miteinander dürfte also ein Mittelweg die beste Lösung sein - und der gilt auch für Teile Ihrer Fragen.

Denn prinzipiell ist es Lehrern nicht verboten, Schüler anzufassen. Berührungen zwischen Lehrkräften und Schülern sind nirgends schriftlich geregelt. Wo sollte auch die Grenze gezogen werden? Ist ein Händedruck in Ordnung, solange er maximal fünf Sekunden dauert? Nein, es geht immer um Einzelfallentscheidungen, und die können und sollen die Beteiligten nach pädagogischem Ermessen und mit logischem Menschenverstand treffen. Eine Gymnasiallehrerin erzählt, wie sie es hält:

"Natürlich habe ich schon einmal einer Schülerin, die offensichtlich sehr geknickt war, nachdem sie eine schlechte Zensur bekommen hatte, kurz tröstend die Hand auf die Schulter gelegt. In dem Moment fand ich das völlig in Ordnung und sehe dabei auch jetzt noch kein Problem. Bei männlichen Kollegen ist das in mancherlei Hinsicht oft etwas anderes. Ich kenne viele Lehrer, die niemals eine Schülerin anfassen würden aus Angst, es könnte ihnen daraus irgendwann ein Problem entstehen.

Ein Kollege führt zum Beispiel prinzipiell keine Einzelgespräche mit Schülern bei geschlossener Tür. Das halte ich für ein vernünftiges Vorgehen. Als ich kürzlich eine Nachhol-Schulaufgabe mit einem einzelnen Schüler geschrieben habe, habe ich auch die Klassenzimmertüre offen gelassen."

Lehrkräfte scheinen also im Zweifelsfall darauf bedacht zu sein, eine professionelle Distanz zu Schülern zu wahren und gar nicht erst in eine Situation zu kommen, die ein Beteiligter oder auch ein Außenstehender als allzu intim interpretieren könnte. Und in puncto Körperkontakt gilt in der Schule schlicht dasselbe wie auch außerhalb: In unserer Gesellschaft wird eine Berührung von vielen Menschen schnell als Distanzverletzung wahrgenommen. Daher schadet es nicht, zweimal darüber nachzudenken, ob und in welcher Form es gerade angebracht ist, das Gegenüber anzufassen.

Vielleicht auf die sechste Mass Bier verzichten

Unbedenklich sind erst einmal auch private Begegnungen zwischen Lehrkräften und Schülern im Sportverein. Man könnte ja auch schlecht einer Partei die Teilnahme am Yogakurs im Fitnessstudio verbieten, nur weil man sich dort gegebenenfalls über den Weg läuft. Was die Lehrer betrifft, gibt das bayerische Kultusministerium auf Anfrage nur zu bedenken, "dass die Grenze zwischen der Person als Lehrkraft und Beamter sowie als Privatperson fließend ist". Will heißen: Lehrer sollten auch in ihrer Freizeit ihre Vorbildfunktion nicht gänzlich vergessen und - zumindest in Gegenwart von Schülern - vielleicht auf die sechste Mass Bier beim örtlichen Frühlingsfest verzichten.

Bei Facebook ist Distanz angebracht

Etwas strikter geregelt ist die Begegnung zwischen Lehrern und Schülern in der digitalen Welt. "Freundschaftsanfragen einzelner Schülerinnen und Schüler sollten nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt der Gleichbehandlung grundsätzlich abgelehnt werden", schreibt das Kultusministerium. Auch sonst sei es wichtig, wenn Lehrer mit ihren Schülern digital kommunizieren wollten, dass dadurch niemand benachteiligt werde. Etwa weil Schüler "nicht über die technischen Voraussetzungen verfügen oder sich nicht an der Nutzung eines sozialen Netzwerks beteiligen wollen".

Im Endeffekt, und das gilt sowohl digital wie auch analog, wird es zwischen Lehrern und Schülern kaum Probleme geben, wenn beide Seiten höflich und freundlich miteinander umgehen. Ein bisschen professionelle Distanz schadet dabei nicht, die schließt eine positive Beziehung aber bestimmt nicht aus. Ein Sprecher des Kultusministeriums formuliert es so: "Wir alle sollten den Umgang zwischen Lehrern und Schülern nicht unnötig verkomplizieren."

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