Süddeutsche Zeitung

Schule:Das mussten bayerische Abiturienten wissen

  • Am Freitag gingen für Tausende Schülerinnen und Schüler in Bayern die schriftlichen Abiturprüfungen zu Ende.
  • Wir dokumentieren eine Auswahl aus den Fächern Deutsch, Biologie, Geschichte, Mathematik und Kunst.
  • In den meisten Abiturfächern werden dem Schüler mehrere Aufgaben zur Auswahl gestellt. Darum - und auch aus Platzgründen - bilden die folgenden Angaben nicht die vollständige Abiturprüfung des jeweiligen Faches ab.

Deutsch

"Interpretieren eines literarischen Textes

a) Interpretieren Sie das Gedicht Winternacht von Gottfried Keller (Text A)! Überprüfen Sie dabei, inwiefern die in Text B formulierte Aussage für die Interpretation des Gedichts ergiebig ist!

Text A

Gottfried Keller (1819-1890)

Winternacht. (Erstdruck 1851; Orthografie und Interpunktion entsprechend der Werkausgabe von 2009)

'Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,

Still und blendend lag der weiße Schnee.

Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,

Keine Welle schlug im starren See.

.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,

Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;

An den Aesten klomm die Nix herauf,

Schaute durch das grüne Eis empor.

.

Auf dem dünnen Glase stand ich da,

Das die schwarze Tiefe von mir schied;

Dicht ich unter meinen Füßen sah

Ihre weiße Schönheit Glied um Glied.

.

Mit ersticktem Jammer tastet' sie

An der harten Decke her und hin,

Ich vergeß' das dunkle Antlitz nie,

Immer, immer liegt es mir im Sinn!'

Text B

Carl Gustav Carus (1789-1869), deutscher Arzt, Maler und Naturphilosoph

Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. (Erstdruck 1846; Orthografie und Interpunktion entsprechend dieser Ausgabe)

'Der Schlüssel zur Erkenntniß vom Wesen des bewußten Seelenlebens liegt in der Region des Unbewußtseins. [...] Daß fortwährend der bei weitem größte Theil des Reiches unseres Seelenlebens im Unbewußtsein ruht, kann der erste Blick in's innere Leben uns lehren. [...] Späterhin [...] werden wir erkennen, daß man in dieser Beziehung das Leben der Seele vergleichen dürfe mit einem unablässig fortkreisenden großen Strome, welcher nur an einer einzigen kleinen Stelle vom Sonnenlicht - d. i. eben vom Bewußtsein - erleuchtet ist. [...]'"

Biologie

"Heimische Singvögel

Innerhalb der Wirbeltiergruppe der Vögel stellen die Singvögel die größte Gruppe dar. In Deutschland sind rund 170 Arten bekannt.

1 Der Kolkrabe (Corvus corax) war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Nordostdeutschland weit verbreitet. Typisch für den in Deutschland größten Singvogel ist sein breites Nahrungsspektrum, das von an Meeresküsten angeschwemmten Schnecken und Muscheln über kleine Wirbeltiere wie Mäuse bis hin zu Aas reicht. Die unablässige Bejagung durch den Menschen führte am Anfang des 20. Jahrhunderts zum regionalen Aussterben des Kolkraben, wie z. B. im 107 km² großen Untersuchungsgebiet (UG) "Greifswald/Wolgast" im östlichen Teil Mecklenburg-Vorpommerns (eine Abbildung zeigt eine Karte des Gebiets, Anm. d. Red.).

Ein Wiederbesiedlungsversuch im Jahr 1955 in den Wäldern des UG zeigte nur langsam Erfolg: 1970 konnten lediglich drei Brutpaare mit jeweils eigenem Brutrevier gezählt werden. Die weitere Brutbestandsentwicklung des Kolkraben im Untersuchungsgebiet lässt sich folgender Tabelle (die Tabelle zeigt die Brutbestandsentwicklung des Kolkraben von 1970 bis 1988 im Untersuchungsgebiet, Anm. d. Red.) entnehmen. Die Revier- bzw. Brutdichte von 20,6 Revieren pro 100 km² im Untersuchungsgebiet "Greifswald/Wolgast" ist seit Ende der 1980er Jahre relativ stabil. Sie gehört zu den absoluten Höchstwerten im mitteleuropäischen Raum.

1.1 Fertigen Sie ausgehend von den Daten aus Text und Tabelle ein Diagramm der Populationsentwicklung des Kolkraben ab 1970 im gesamten Untersuchungsgebiet an und beschreiben Sie allgemein die darin erkennbaren Phasen einer Populationsentwicklung. [8 BE]

1.2 Wissenschaftler suchen einerseits nach Gründen für die Stabilität der Populationsdichte auf diesem hohen Niveau und andererseits auch nach Gründen für die Begrenzung des Populationswachstums. Sie haben als eine Hypothese formuliert, dass die Ursache für dieses hohe Niveau im Nahrungsangebot liegt. Geben Sie eine Begründung an, die diese Hypothese stützt, und stellen Sie zwei weitere Hypothesen auf, die als Grundlage für die Untersuchung der Begrenzung der Anzahl an Revieren dienen. [6 BE]

2 Der Stieglitz (Carduelis carduelis), auch Distelfink genannt, gehört zu den buntesten Singvögeln Europas. Er ernährt sich vornehmlich von den Samen verschiedener Blütenpflanzen.

2.1 Das auffällig bunt gefärbte Gefieder des Stieglitzes war schon im Mittelalter ein Motiv für Maler. Beschreiben Sie anhand von drei verschiedenen Aspekten den Nutzen auffälliger Farbmuster für die Kommunikation im Tierreich. Geben Sie für jeden Aspekt ein passendes Beispiel an. [6 BE]

2.2 Männliche Stieglitze beginnen im Frühjahr mit dem Balzgesang. Planen Sie ein Experiment, mit dem sich feststellen lässt, ob die Tageslänge der Auslöser für das Balzverhalten der Stieglitzmännchen ist. [5 BE]"

Geschichte

"Konfliktregionen und Akteure internationaler Politik in historischer Perspektive

1 Stellen Sie im Überblick wesentliche Entwicklungen und Faktoren der europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts dar, welche zur Gründung des Staates Israel beigetragen haben! [16 BE]

2 Im Rahmen eines Schulprojekts konzipieren Sie eine Webseite, auf welcher die komplexen Hintergründe und Enwicklungen des Nahostkonflikts anschaulich und informativ für Schülerinnen und Schüler dargestellt werden sollen. [28 BE]

2.1 Verfassen Sie einen Erläuterungstext für die Webseite, der wesentliche Ergebnisse des ersten Nahostkriegs 1948/49 (erster arabisch-israelischer Krieg) und deren Bedeutung für Israel und die Palästinenser aufzeigt! Ziehen Sie hierzu geeignete Karten aus dem Historischen Atlas heran. Sie finden diese unter den Obertiteln 'Israel und Palästina 1880 bis 1990' und 'Israel und Palästina 1991 bis heute'!

2.2 Zur Veranschaulichung Ihrer Ausführungen möchten Sie eine der Teilkarten aus dem Historischen Atlas in Ihren Text einbinden! Begründen Sie, welche der beiden Teilkarten 'Der Nahe Osten 1949 bis 1973' und 'Juden und Araber in Palästina 1923 bis heute' sich hierfür besser eignet, indem Sie diese hinsichtlich ihrer inhaltlichen Schwerpunktsetzung und Darstellungsweise gegenüberstellen!

3 Angesichts sich verschärfender Auseinandersetzungen legte Präsident George W. Bush 2002 in seiner 'Nahostrede' (M 1; die angehängte Quelle zeigt einen Ausschnitt aus Bushs Grundsatzrede, welche er am 24. Juni 2002 in Washington zum Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern hielt, Anm. d. Red.) zentrale Grundsätze eines Friedensplans aus Sicht der USA dar.

Erarbeiten Sie aus M 1 die konkreten Vorstellungen des damaligen US-Präsidenten für die künftige Gestaltung des Friedensprozesses im Nahen Osten und bewerten Sie diese differenziert! [22 BE]

4 'Eine liberale und stabile Weltordnung zu bewahren, bedarf der ständigen Anstrengung, um sie gegen autoritäre und Unordnung säende Akteure zu verteidigen.' (Der Journalist Clemens Wergin 2014 in einem Artikel über 'Amerikas Auftrag in der Zeitung Die Welt)

Diskutieren Sie am Beispiel einer militärischen Intervention der USA nach 1990 die Möglichkeiten und Grenzen der einzig verbliebenen Supermacht, eine 'liberale und stabile Weltordnung zu bewahren'! [24 BE]"

Mathematik

Vorbemerkung: Bayerische Schüler haben beim Matheabitur die Wahl zwischen klassischem Abitur und CAS-Abitur. Bei letzterem steht ihnen neben den gewohnten Hilfsmitteln (Formelsammlung, Taschenrechner etc.) noch ein Computeralgebrasystem zur Verfügung. Grundsätzlich besteht das bayerische Matheabitur aus zwei Teilen: Im ersten müssen Aufgaben ohne Hilfsmittel gelöst werden (Dauer: 90 Minuten), im zweiten dürfen Hilfsmittel verwendet werden (Dauer: 180 Minuten)

"Stochastik (klassisches Abitur, Hilfsmittel sind zugelassen, Anm. d. Red.)

Ein Großhändler bietet Samenkörner für Salatgurken in zwei Qualitätsstufen an. Ein Samenkorn der höheren Qualität A keimt mit einer Wahrscheinlichkeit von 95%, eines der Qualität B mit einer Wahrscheinlichkeit von 70%. Ein Anbaubetrieb kauft Samenkörner beider Qualitätsstufen, 65% aller gekauften Samenkörner sind von der Qualität A.

a) In einem Gedankenexperiment werden die eingekauften Samenkörner zusammengeschüttet und gemischt. Bestimmen Sie mithilfe eines beschrifteten Baumdiagramms [5 BE]

α) die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ein zufällig ausgewähltes Samenkorn keimt;

β) die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ein zufällig ausgewähltes Samenkorn, das nach der Saat keimt, von der Qualität B ist.

b) Der Anbaubetrieb sät 200 Samenkörner der Qualität B. Bestimmen Sie die Wahrscheinlichkeiten folgender Ereignisse:

  • E: Von den gesäten Samenkörnern keimen genau 140.
  • F: Von den gesäten Samenkörnern keimen mehr als 130 und wenigerals 150. [3 BE]

c) Beschreiben Sie im Sachzusammenhang die Bedeutung des Terms 1 - P (X ≥ 275), wobei X eine binomial verteilte Zufallsgröße mit den Parametern n = 300 und p = 0,95 bezeichnet. [2 BE]

d) Keimt ein Samenkorn, so wächst daraus eine Pflanze heran, die aufgrund schädlicher Einflüsse jedoch in manchen Fällen keine Gurken trägt. Bei einem gekeimten Samenkorn der Qualität A entsteht mit einer Wahrscheinlichkeit von 85% eine fruchttragende Pflanze, bei einem gekeimten Samenkorn der Qualität B mit einer Wahrscheinlichkeit von 75%. Vereinfachend wird davon ausgegangen, dass - unabhängig von der Qualität der Samenkörner - von jeder fruchttragenden Pflanze gleich viele Gurken geerntet werden können.

Ein Samenkorn der Qualität A kostet 17 Cent, eines der Qualität B 12 Cent. Entscheiden Sie durch Rechnung, ob es für einen Anbaubetrieb finanziell günstiger ist, sich auf Samenkörner der Qualität A zu beschränken, oder ob es finanziell günstiger ist, sich auf Samenkörner der Qualität B zu beschränken, wenn er alle Gurken zum selben Preis verkauft. [5 BE]

e) Der Großhändler behauptet, dass sich die Wahrscheinlichkeit für das Keimen eines Samenkorns der Qualität B durch eine veränderte Aufbereitung des Saatguts auf mehr als 70% erhöht hat. Deshalb soll die Nullhypothese "Die Wahrscheinlichkeit für das Keimen eines Samenkorns der Qualität B ist höchstens 70%." auf einem Signifikanzniveau von 5% getestet werden. Dazu werden 100 der verändert aufbereiteten Samenkörner der Qualität B zufällig ausgewählt und gesät. Bestimmen Sie die zugehörige Entscheidungsregel. [5 BE]"

"Geometrie (CAS-Abitur, keine Hilfsmittel zugelassen, Anm. d. Red.)

1 Gegeben sind die Punkte A(2 |1| -4) , B(6 |1| -12) und C(0 |1| 0) .

a) Weisen Sie nach, dass der Punkt C auf der Geraden AB, nicht aber auf der Strecke [AB] liegt. [3 BE]

b) Auf der Strecke [AB] gibt es einen Punkt D, der von B dreimal so weit entfernt ist wie von A. Bestimmen Sie die Koordinaten von D. [2 BE]

2 Gegeben ist die Ebene E : 2 x1 + x2 - 2 x3 = -18.

a) Der Schnittpunkt von E mit der x1-Achse, der Schnittpunkt von E mit der x2 -Achse und der Koordinatenursprung sind die Eckpunkte eines Dreiecks. Bestimmen Sie den Flächeninhalt dieses Dreiecks. [2 BE]

b) Ermitteln Sie die Koordinaten des Vektors, der sowohl ein Normalenvektor von E als auch der Ortsvektor eines Punkts der Ebene E ist. [3 BE]"

Kunst

"Aufgabe I 'Die Erscheinung' (die beschriebene Installation findet sich hier, Anm. d. Red.)

Aufgabe mit bildnerisch-praktischem Schwerpunkt

Fischli und Weiss (Künstlerduo: Peter Fischli, geb. 1952, David Weiss, 1946-2012): Die Erscheinung, 1984, Farbfotografie einer Rauminstallation, 47 x 37 cm (Maße der Fotografie)

1. Schriftlich-theoretischer Teil [20 BE]

1.1 Erster Eindruck und Beschreibung [6 BE]

Geben Sie zunächst Ihre ersten Eindrücke und Assoziationen zu der Installation Die Erscheinung wieder! Schildern Sie die Empfindungen, die ein Betrachter, der vor diesem Werk steht, haben könnte!

Beschreiben Sie anschließend präzise, was Sie auf der Fotografie sehen!

1.2 Formale Analyse [7 BE]

Klären Sie, wie die Wirkung der Rauminstallation in der Fotografie zustande kommt! Erläutern Sie die Auswahl und Anordnung der Gegenstände in dieser räumlichen Situation!

1.3 Interpretationsansatz [7 BE]

In vielen ihrer Arbeiten spielen Fischli und Weiss mit physikalischen Gesetzmäßigkeiten. Interpretieren Sie die vorliegende Arbeit unter diesem Gesichtspunkt sowie unter Einbezug des Titels Die Erscheinung. Deuten Sie darüber hinaus, wofür die Arbeit ein Sinnbild oder ein Symbol sein könnte!

2. Bildnerisch-praktischer Teil: Illustration [40 BE]

Verschiedene Besucher und Besuchergruppen sind in einer Ausstellung, in der die Rauminstallation Die Erscheinung gezeigt wird. Stellen Sie sich die unterschiedlichen Reaktionen der Betrachter des Werks von Fischli und Weiss vor! Malen Sie sich in Gedanken aus, wie die beaufsichtigten oder unbeaufsichtigten Museumsbesucher mit der Plastik umgehen, bzw. wie sie sich verhalten!

2.1 Vorbereitende Skizzen [15 BE]

Sammeln Sie mehrere unterschiedliche Einfälle zu möglichen Situationen und Handlungsabläufen und visualisieren Sie diese in raschen Skizzen und ggf. auch in Text-Bild-Kombinationen!

Erproben Sie außerdem einige Möglichkeiten der gestalterischen Weiterarbeit in Hinblick auf eine illustrierende Umsetzung! Steigern Sie die Bildwirkung durch die Präzisierung Ihrer Darstellungsabsicht, z. B. gezielt sachlich oder karikierend! Sie können dabei verschiedeneTechniken wie Tusche oder kolorierte Zeichnung anwenden.

2.2 Entwurf [25 BE]

Entwerfen Sie eine Illustration zu einer fiktiven Ausstellungssituation mit dem Werk Die Erscheinung! Entscheiden Sie sich, ausgehend von Ihren Skizzen, für eine Umsetzungsmöglichkeit entweder in der Komposition als Einzelbild oder als Bilderfolge, z. B. im Comic-Strip oder im Leporello (ziehharmonikaartig gefalteter Papierstreifen)! Arbeiten Sie eine treffende Darstellung einer oder mehrerer Situationen oder eines Handlungsablaufs aus!

Wenden Sie für Ihre Illustration passende bildnerische Mittel an, die Ihre Aussageabsicht unterstützen!

Materialien und Hilfsmittel

  • Reproduktion des Werks Die Erscheinung
  • Zeichenpapiere verschiedener Größen, Farben und Stärken bis DIN A2,Transparentpapier
  • Bleistifte verschiedener Härtegrade, Zeichenkohle, Tusche, Bunt- und Filzstifte, Flüssigfarben wie Gouache- oder Acrylfarben, Pastell- und Ölkreiden
  • Klebstoff, Schere, Cutter, Lineal"

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SZ.de/mkoh/lho
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