Süddeutsche Zeitung

Nähe zwischen Schülern und Lehrern:Liebeslied für Herrn Mayer

Ein selbstverfasster Roman, in dem er die Hauptrolle spielt, Kuchen und Muffins: Herr Mayer wird von zwei Schülerinnen mit Zuneigungsbekundungen bedacht. Anfangs findet Lehrerin Catrin Kurtz das zum Lachen - doch dann landet ein Video ihres Kollegen bei Facebook.

"Ist Herr Mayer da?" Zwei aufgebrezelte Achtklässlerinnen stehen mit Gitarre und rot glühenden Backen vor dem Lehrerzimmer. Sie verlangen nach dem bestaussehenden Kollegen der Schule. "Wir haben ein Lied für ihn geschrieben und wollen es ihm vorspielen."

Ich kann mich noch zusammenreißen, bis die Tür hinter mir zugefallen ist, dann informiere ich besagten Kollegen prustend: "Deine Stalker stehen vor der Tür!" Alle Lehrer haben das mittlerweile mitbekommen, denn das "Liebeslied" ist die Krönung einer ganzen Geschenkereihe, die Herrn Mayer seit einiger Zeit zuteilwird.

Er hat schon ein Fotoalbum mit Selfies und Aufnahmen der beiden in Modelpose bekommen, einen selbst verfassten Roman, in dem er und seine Verehrerinnen die Hauptrollen spielen, und eine Art Tagebuch, in das die beiden ihre Gedanken (über ihn) geschrieben haben. Daneben gab es selbstgebackene Kuchen und Muffins und unzählige Postkarten und Briefe. Nun also ein Liebeslied.

Liebesbeweis auf Facebook

Das anwesende Kollegium ist sich einig, dass wir bei dieser Performance gerne dabei wären. Herr Mayer, anfangs noch geschmeichelt, reagiert peinlich berührt bis genervt.

Da können wir alle noch nicht wissen, dass die beiden Mädchen das Musikstück daheim längst auf Video aufgenommen haben. Ziemlich professionell, ihre Gesangsdarbietung unterlegten sie mit Fotoeinblendungen von Herrn Mayer. Eine DVD landet wenig später als weiteres Präsent im Fach des Kollegen - und eine digitale Version auf den Facebook-Accounts von Nadine und Klara. Zu diesem Zeitpunkt findet Herr Mayer das alles gar nicht mehr lustig und auch uns Kollegen wird langsam mulmig zumute.

Gerüchte sind schwer einzufangen

Wie geht man als Lehrer damit um, wenn Schülerinnen oder, der seltenere Fall, Schüler Grenzen überschreiten? Die größte Furcht vieler männlicher Lehrer ist es, zu Unrecht der sexuellen Belästigung beschuldigt zu werden. Sicher, häufig gründet diese Angst auf irgendwelchen überlieferten Geschichten. Ich selbst habe einen derartigen Fall noch nicht miterlebt. Aber eines steht fest: Gerüchte sind an einer Schule schnell in der Welt, aber umso schwerer wieder einzufangen.

Auch den umgekehrten Fall hört man immer wieder: Lehrer/in verliebt sich in Schüler/in. Selbst wenn solche Paare nach Jahren angeblich glücklich verheiratet sind, bleibt doch immer ein fader Beigeschmack.

Im Studium ist das Thema (zu große) Nähe zu Schülern kein Thema. Klar, dass intime Beziehungen zu Schülern ein Tabu sind, muss nicht extra gesagt werden - aber wie soll sich Herr Mayer verhalten? Abstand halten ist in der Theorie wohl die naheliegendste Handlungsalternative, allerdings nicht immer einfach umzusetzen. Denn was, wenn eine der betreffenden Schülerinnen plötzlich große Probleme zu Hause bekommt, die Noten abfallen? Natürlich bespricht sich so was am besten mit dem Lehrer des Vertrauens - der wiederum ernsthafte Sorgen nicht einfach abwiegeln kann und will.

Konfrontation mit der Nebenbuhlerin

Herr Mayer holt zu solchen Gesprächen mittlerweile immer eine Kollegin dazu. Und er betont gegenüber Nadine und Klara gerne und oft, dass er glücklich verheiratet sei. Seit dem letzten Wandertag hat sich die Situation merklich entspannt - da haben Nadine und Klara Frau Mayer dann auch persönlich kennengelernt. Dem Hörensagen nach war man sich nicht sympathisch.

Nur gestern hatte ich ein Déjà-vu. Da standen Nadine und Klara mit einem Strauß roter Rosen vor dem Lehrerzimmer: "Ist Frau Huber da? Wir wollen ihr was geben - weil sie unsere allerliebste Lehrerin ist!"

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