Süddeutsche Zeitung

Lehrermangel:Konkurrenz verdirbt das Geschäft

  • In Deutschland herrscht Lehrermangel, die Bundesländer suchen händeringend nach neuen Lehrkräften.
  • Um Nachwuchs zu finden, sind fast alle Länder zu Verbeamtungen zurückgekehrt und haben teilweise die Gehälter erhöht.
  • Ein Ende der Wettbewerbsspirale ist nicht abzusehen - für finanzschwache Bundesländer ein großes Problem.

Von Jan-Martin Wiarda

Fragt man Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres, ob Lehrer auch in der Hauptstadt bald wieder auf den Beamtenstatus hoffen dürfen, wird sie schmallippig. Darüber, sagt die SPD-Politikerin, "diskutiere ich zurzeit nicht". Vor ein paar Jahren noch hätten die meisten Bildungsexperten ihr für so einen Satz applaudiert. Die Verbeamtung von Lehrern sei eine Mogelpackung, hätten sie gesagt, der Staat ersticke an den sich anhäufenden Pensionslasten. Und heute? Heute sind diese Argumente noch genauso richtig, aber Berlin das einzige verbliebene Bundesland, das seine Lehrer nur anstellt. Und Scheeres muss sich fragen lassen, ob das so bleiben kann - ob Berlin beim Wettbieten nicht mitziehen muss, um auf dem umkämpften Markt nicht den Anschluss zu verlieren.

Lehrer sind in Deutschland eine knappe Ressource und langfristiges Denken derzeit wenig gefragt. Es geht darum, sich einen kurzfristigen Vorteil zu verschaffen in einem Wettbewerb, der immer krassere Dimensionen annimmt. Weil der Lehrermangel dramatisch ist wie selten zuvor. Allein an den Grundschulen sollen bis 2025 laut einer Bertelsmann-Studie 35 000 Lehrer fehlen. In Berlin waren drei von vier zum laufenden Schuljahr neu eingestellte Lehrkräfte an Grundschulen keine ausgebildeten Grundschulpädagogen, wie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) berichtete. Über alle Schulformen hinweg beträgt der Anteil der Quereinsteiger in der Hauptstadt 38 Prozent.

Anderswo ist die Situation kaum besser, und so buhlen die Kultusministerien nach Kräften um die Lehrer. Außer dem Beamtenstatus, zu dem außer Berlin alle zurückgekehrt sind, bieten mittlerweile sieben Bundesländer voll ausgebildeten Grundschulpädagogen als Einstiegsgehalt A 13 oder planen diesen Sprung - auf ein Niveau, das früher Studienräten vorbehalten war. An der Stelle liegt Berlin übrigens gut im Rennen. Vergangenes Jahr hat Scheeres eine Gehaltserhöhung von 500 Euro pro Monat angekündigt. Schon Berufsanfänger kommen künftig auf fast 65 000 Euro im Jahr und damit fast auf das Nettoeinkommen eines Juniorprofessors.

Während die Länder sich gegenseitig in die Höhe treiben, diskutieren Bildungsexperten darüber, was der Wettbewerb eigentlich bringt - außer den höheren Kosten. "Dass der aktuelle Lehrermangel in Grundschulen durch mehr Bezahlung beseitigt wird, ist ein Mythos", sagt Dirk Zorn von der Bertelsmann-Stiftung. Solange der Arbeitsmarkt leergefegt sei, sagt Zorn, führten Gehaltsunterschiede höchstens zu Wanderungen von einem Bundesland ins andere - insgesamt ein Nullsummenspiel.

Länder werben sich gegenseitig Lehrkräfte ab

Womöglich ist es sogar noch schlimmer. Denn es gibt Länder, die bei dem Wettbewerb nicht mitziehen können. Bremens SPD-Bildungssenatorin Claudia Bogedan etwa lässt über ihre Pressesprecherin ausrichten: "Wir haben immer gesagt, dass Bremen als Haushaltsnotlageland und vor dem Hintergrund der Beobachtung durch den Stabilitätsrat in der Frage Aufstockung A 12 auf A 13 nicht voranschreiten kann." Mehr werde die Senatorin zu dem Thema nicht sagen.

Auf die Spitze getrieben könnte der Konkurrenzkampf also dazu führen, dass strukturschwächere Länder ausgebildete Lehrkräfte einbüßen - obwohl gerade ein Land wie Bremen mit seiner hohen Quote bildungsfern aufwachsender Kinder sie dringend braucht. Wobei der Abwanderungseffekt vergleichsweise schwach bleiben dürfte, weil eine Grundannahme der Kultusminister nicht zutreffe, sagt Dirk Zorn: "Außerhalb der unmittelbaren Grenzregionen zwischen Bundesländern sind die allermeisten Grundschullehrer gar nicht bereit, wegen ein paar Hundert Euro Gehaltsunterschied in weite Ferne zu ziehen."

"So kann man wirklich nicht Politik machen"

Senatorin Scheeres sagt denn auch, bei der Gehaltserhöhung sei es ihr gar nicht nur um eine bessere Position Berlins im Bieterwettstreit gegangen. Es gebe einen langfristig mindestens ebenso wichtigen Grund, den Grundschullehrern mehr Geld zu zahlen: "Weil ihr Studium und ihr Referendariat mittlerweile genauso lang sind wie das von Lehrkräften an weiterführenden Schulen - und damit gleichwertig." Ein Argument, das in immer mehr Bundesländern zutrifft und zugleich die Vertreter der Gymnasiallehrer auf die Barrikaden bringt.

So gerecht die Erhöhung aus Sicht der Grundschullehrer sein mag, insgesamt zeichnet sich eine fast absurde Entwicklung ab: Die Landesregierungen investieren immer höhere Summen in die Lehrergehälter, die schon vorher in der internationalen Spitzengruppe lagen, wie der Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut betont. Gleichzeitig sind immer noch viele Lehramtsstudiengänge mit einem Numerus Clausus belegt. Motivierte Bewerber werden also abgewiesen, weil es bundesweit an ausfinanzierten Studienplätzen mangelt.

Ein Ende der Wettbewerbsspirale ist auch deshalb nicht abzusehen. Schuld an ihr will keiner sein. Beispiel Sachsen: Kultusminister Christian Piwarz (CDU) hatte erst vor wenigen Monaten angekündigt, zum Lehrerbeamtentum zurückzukehren. "Wir mussten notgedrungen nachziehen", sagt er fast entschuldigend. "Weil andere uns Lehrer abgeworben haben." Mit andere meint Piwarz vor allem den Nachbarn Thüringen. Der hatte schon Ende 2016 - mit Hinweis auf die anderen Bundesländer - entschieden, nach mehr als einem Jahrzehnt Pause ab sofort Lehrer wieder zu verbeamten. Woraufhin die Zahl der Bewerbungen in Sachsen einbrach.

Viele Kultusminister tun derweil immer noch so, als sei die Bewerbermisere wie schlechtes Wetter über sie gekommen. Dabei war der Engpass seit Jahren absehbar. Schon 2009 hatte Baden-Württemberg eine 375 000 Euro teure Abwerbekampagne gestartet. "Sehr guten Morgen, Frau Lehrerin" und "Sehr guten Morgen, Herr Lehrer" war damals auf Plakatwänden auch in Berlin zu lesen. Geworben wurde unter anderem mit einem Vorteil, den es in den meisten Ost-Ländern damals nicht gab: die Verbeamtung. Umso erstaunlicher sei, sagt Wößmann, wie etliche Länder noch Jahre später und trotz deutlich gestiegener Geburtenraten mit ihren Bedarfsprognosen danebengelegen hätten. "So kann man wirklich nicht Politik machen", sagt der Bildungsökonom.

Zuletzt haben immerhin etliche Bundesländer ihre Studienplatzkapazitäten mit reichlich Verzögerung hochgefahren. Die Absolventenzahlen steigen. Doch angesichts der gestiegenen Gehalts- und Pensionslasten werden die Länder in ein paar Jahren vor einer ganz anderen Frage stehen: Können sie sich die zusätzlichen Lehrer überhaupt noch leisten? Oder haben sie ihre finanziellen Spielräume im Bieterwettbewerb verfrühstückt?

Die Kultusministerkonferenz hat kürzlich endlich eine neue Prognose zum Lehrerbedarf vorgelegt. Zudem, heißt es aus der KMK, hätten sich die Länder verständigt, "eine am eigenen Bedarf orientierte bedarfsgerechte Ausbildung von Lehrkräften zu organisieren". Und vor allem strebe die Ländergemeinschaft eine transparente und zeitnahe Information im Rahmen der KMK an. Soll wohl heißen: Die Länder wollen sich besser abstimmen. Schaut man sich die aktuellen Alleingänge an, ist es bislang bei der Absicht geblieben.

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SZ vom 04.06.2018/mkoh
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