Süddeutsche Zeitung

Hochschulen:In der Nische

Seit Ende der 90er-Jahre gibt es in Deutschland Studiengänge nur für Frauen, doch kaum jemand schreibt sich ein. Warum eigentlich nicht?

Von Christine Prussky

Sie zählen so wenige Studierende, dass sie Vorlesungen in einem Seminarraum abhalten könnten - und jede Studentin hätte immer noch eine Reihe für sich. In Corona-Zeiten ist das gut. Doch irgendwann wird die Pandemie überwunden sein und dann sind die lichten Reihen in den ingenieurwissenschaftlichen Frauenstudiengängen wieder das, was sie immer waren: ein teurer Luxus oder ein notwendiges Statement, je nach Perspektive.

Frauenstudiengänge sind eine Bildungsidee aus den USA. Ungestört von männlichen Kommilitonen sollen Frauen hier lernen können. In den USA ist diese Monoedukation üblich und anerkannt - Hillary Clinton zum Beispiel studierte am Bostoner Wellesley College, einer privaten Spitzenhochschule speziell für Frauen. In Deutschland entstanden in den späten 90er-Jahren die ersten Frauenstudiengänge. Sie sollen die traditionell männerlastigen Ingenieur- und Technikwissenschaften für junge Frauen attraktiver machen und den Fachkräftemangel in der Branche lindern. Den Nimbus der Elite aber erreichten sie nie, im Gegenteil: Über die Nische sind die Frauenstudiengänge nicht hinausgekommen, die Zahlen sind verschwindend gering. Warum eigentlich? Wenn wie jetzt die Zeit der Einschreibungen naht, steigt die Spannung. Kommen genügend Frauen zusammen, um sinnvoll lehren zu können? Die Frage stellt sich aktuell nur noch für fünf Hochschulen. In Bremen, Jena, Furtwangen, Berlin und Mülheim sind die Mint-Frauenstudiengänge für Erstsemester offen - Mint steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Die Wilhelmshavener Jade-Hochschule legte ihr Angebot im Herbst auf Eis. Ein Neustart ist geplant, doch wann, ist unklar. Die Fachhochschule Stralsund macht ihren Frauenstudiengang sogar ganz dicht. Nach Jahren mit einstelligen Einschreibezahlen verkündete sie im Januar das Ende des Experiments.

"Ich will in angenehmer Atmosphäre vorurteilsfrei studieren", sagt eine Studentin

Hochschulen müssen haushalten. Sie müssen Studiengänge auslasten und Angebote vom Markt nehmen, wenn sie nicht genügend Studierende anziehen. Das ist ein Gebot der Bildungsökonomie. Doch im Stammbuch von Hochschulen steht eben auch eine gesellschaftliche Verantwortung. "Gleichstellung gehört zum Auftrag von Hochschulen", erklärt Ulrike Schleier, Leiterin des Frauenstudiengangs Wirtschaftsingenieurwesen an der Wilhelmshavener Jade-Hochschule. Und Alexandra Dorschu, Leiterin des Frauenstudiengangs Maschinenbau an der Hochschule Ruhr West in Mülheim, sagt: "Der Studiengang ist ein gesellschaftspolitisches Statement, das wir als Hochschule abgeben."

In den Mint-Fächern sind Männer traditionell in der Überzahl. Und viele von ihnen inszenieren sich gern als Nerds. Das bestimmt das Lernklima und macht es schwer, Fragen zu stellen, geschweige denn Verständnisprobleme zu offenbaren. Genau das aber gehört für Nadine Hortscht zu einer guten Lernkultur. "Ich will in angenehmer Atmosphäre vorurteilsfrei studieren", sagt sie. Deshalb habe sie sich für den Frauenstudiengang Maschinenbau in Mülheim entschieden - und es nicht bereut.

Ein Studium light bieten Frauenstudiengänge nicht. Das Lernpensum ist gleich hoch, die Prüfungen sind genauso schwer. Was Frauenstudiengänge so besonders macht, lässt sich in Massenhochschulen eher selten finden: Lernen in kleinen Gruppen. Dazu kommt etwas, was man neudeutsch "Empowerment" nennt und Ulrike Schleier folgendermaßen beschreibt: "Im Laufe der Jahre habe ich viele Studentinnen kennengelernt, die wirken am Anfang wie ein Mäuschen und entwickelten sich zu gestandenen Ingenieurinnen." Doch so groß die individuellen Erfolge auch sein mögen - die geringe Nachfrage stellt Hochschulen vor ein bildungspolitisches Dilemma: Dürfen wir in Zeiten chronischer Unterfinanzierung an unausgelasteten Frauenstudiengängen festhalten?

"Ja", lautet die Antwort von Thomas Sattelberger, der für die FDP im Bundestag sitzt und wissenschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion ist. Sattelberger ist außerdem Vorsitzender des Vereins "Mint - Zukunft schaffen!", der sich auch dafür einsetzt, den Frauenanteil von durchschnittlich rund 40 Prozent in den Mint-Fächern zu erhöhen. "Ich kann jeder Hochschule nur raten, an solchen Studiengängen festzuhalten", sagt Sattelberger.

Tatsächlich geht der Frauenanteil in den Mint-Fächern nach oben. 2009 gab es knapp 220 000 Studentinnen, im Wintersemester 2018/2019 waren es fast 340 000. Welchen Anteil Frauenstudiengänge an dieser Entwicklung haben, ist unklar, sie sind nur einer von vielen Ansätzen der Frauenförderung. Girls Day, Mädchenexperimentiercamps, Sommerunis oder auch Mentoringprogramme für Mint-Studentinnen gehören heute ebenso selbstverständlich dazu wie neue interdisziplinäre Zuschnitte. Während der Frauenanteil in der klassischen Informatik bei 20 Prozent liegt, ist er in der Medieninformatik mit 43 Prozent mehr als doppelt so hoch.

Für Universitäten jedenfalls sind die Frauenstudiengänge bislang keine Option, es gibt sie ausschließlich an Fachhochschulen. Warum? "Frauen wollen nach unserer Erfahrung keine Sonderbehandlung", sagt Moni Olayioye, Prorektorin für wissenschaftlichen Nachwuchs und Diversity an der Universität Stuttgart. Frauen müssten sich in einem männerdominierten Umfeld durchsetzen können, koedukative Studiengänge bereiteten sie darauf vor.

In Mülheim könnten sie 60 Frauen aufnehmen, auf 30 haben sie gehofft. Es kamen 15

Genau das nehmen freilich auch Frauenstudiengänge für sich in Anspruch. Bei ihnen bleiben Studentinnen ohnehin nur ein paar Semester unter sich. An der Hochschule Ruhr West etwa endet die Monoedukation mit dem vierten Semester. Studentinnen wie Nadine Hortscht sitzen danach mit den Kommilitoninnen und Kommilitonen im Seminar, die sich von Anfang an für die koedukative Variante entschieden haben. Vor rund zwei Jahren erst eröffneten sie in Mülheim ihren Frauenstudiengang Maschinenbau - nach akribischer Planung und mehreren Feedbackrunden mit Experten aus der Wirtschaft und der Wissenschaft. "Wir wussten, dass es nicht einfach werden würde", erklärt Dorschu, doch die Expertenrunden hätten Mut gemacht, und die Hochschulleitung stehe zur Entscheidung. Das ist bemerkenswert. Denn so vorsichtig sie auch kalkulierten, die Einschreibezahlen blieben hinter den Erwartungen zurück. 60 Frauen könnte der Studiengang aufnehmen. 30 Erstsemester pro Jahrgang wollten die Mülheimer gewinnen. Gekommen sind im vergangenen Wintersemester gerade einmal 15. Eine Professur für 15 Studierende - üblich sind in ingenieurwissenschaftlichen Fachhochschulstudiengängen Betreuungsrelationen von 1 : 60. Für die Studentinnen hat die geringe Nachfrage also Vorteile, die Hochschulen aber setzt sie unter Druck. "Wir werden nicht aufgeben", sagt Alexandra Dorschu.

Isabel Roessler, Hochschulforscherin am Centrum für Hochschulentwicklung, legte vor gut einem Jahr eine Studie zu "Frauen in der Informatik" vor, in der sie auch Frauenstudiengänge erforschte. "Die monoedukative Ausbildung" sei in Deutschland "keine Erfolgsgeschichte", lautet Roesslers Fazit. Dennoch rät auch die Wissenschaftlerin dazu, Studienangebote speziell für Frauen weiter ins "Kalkül" zu ziehen. Es gebe einen "unschlagbaren Vorteil": Frauenstudiengänge seien ein "ganz konkretes Angebot für Frauen, die sonst vielleicht nicht in die Ingenieur-, und Technikwissenschaften finden würden".

Wie der Neustart in Wilhelmshaven verläuft, werden sie in Bremen, Jena, Furtwangen, Berlin und Mülheim genau verfolgen. Die Jade Hochschule richtete 1997 den ersten monoedukativen Studiengang in Deutschland ein, er gilt als ihr Markenzeichen, als "Kleinod" im Hochschulmarketing. Das Präsidium "will allein schon aus Publicity-Kalkül heraus an dem Studiengang festhalten", sagt Ulrike Schleier, die den Frauenstudiengang seit 2001 betreut. Sie kann sich noch an die Anfangszeit erinnern, als Hochschullehrer und Studierende sich querstellten, als sie Anträge und Petitionen einreichten und den "Verlust des Ansehens des Faches" an die Wand malten.

Das ist heute vorbei. Doch die Zahlen in Wilhelmshaven stimmten trotzdem nicht. Deshalb der Neustart. Misslingt der, dürfte die Anspannung bei den verbliebenen fünf Hochschulen noch etwas größer werden.

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Quelle:
SZ vom 02.06.2020
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