Süddeutsche Zeitung

Hochschul-Keller:"Besser als jede Geisterbahn"

Über Jahrzehnte ließen Unis ihre wissenschaftlichen Sammlungen verstauben. Nun erleben sie eine Renaissance. Manche Schätze aber haben eine dunkle Geschichte.

Von Christine Prußky

Die Tür ist noch nicht ganz geöffnet, da dämpft Andreas Prutscher bereits allzu hohe Erwartungen: "So schaut das hier dann halt aus." Mit "das" ist die zahnmedizinische Sammlung der Universität Tübingen gemeint. Und die ist tatsächlich ein ziemlicher Verhau. Zahnarztstühle aus vergangenen Zeiten, Bohrer mit Fußantrieb und Spuckschüsseln aus Messing stehen dicht an dicht in dem fensterlosen Raum im Erdgeschoss des Klinikgebäudes. Eine Sammlung als Sammelsurium, sortiert nach dem Prinzip Abstellkammer.

Mannshoch und wagemutig stapeln sich Koffer und Kisten, manche sind halb geöffnet und erlauben den Blick auf Hebel, Hammer, Zangen, Betäubungsmasken, Bohrer. Ein Arsenal, das nichts für schwache Nerven ist. Da sirrt doch was - und riecht es hier nicht auch nach Chloroform? "Jeder war schon mal beim Zahnarzt und hat Angst davor", erklärt der Sammlungsbeauftragte Prutscher mit dem samtenen Tonfall eines einfühlsamen Mediziners. Und fügt mit der Nüchternheit des Wissenschaftlers hinzu: "Das sind ideale Bedingungen für eine Attraktion."

Was man in diesem Raum beobachten kann, heißt im Fachjargon nicht umsonst "wilde Sammlung". Und so ungeordnet wie hier sah es vor wenigen Jahren noch in vielen Depots deutscher Unis aus. Die Trophäen einstiger Entdecker- und Schaffenswut gammelten in Baracken, Kellern oder auf Dachböden vor sich hin. Amphoren, Teppiche, Keilschriften, Münzen, Zeitschriften, Skelette, Präparate und sogenannte Moulagen, dreidimensionale Abbilder der von Krankheiten befallenen Körperteile, verstaubten - ohne auf eine ordentliche Inventarisierung, geschweige denn einen Einsatz in Forschung, Lehre oder einen Gastauftritt in einer Ausstellung hoffen zu können. Besuch gab es selten, sieht man einmal von den Sammlungsbeauftragten selbst ab, den Kustoden. Nur waren die in der Uni als verschrobene Käuze verschrien und hatten nicht wirklich was zu melden. Dass die Universitäten Geld in die Hand nahmen, um es in ihre Sammlungen zu stecken? Kaum vorstellbar.

Heute ist das anders. Zwar sind die knapp 1000 Sammlungen mit mehreren Millionen Objekten an über 80 Unis immer noch vergleichsweise arm, und viele sind auch unerschlossen. Doch es hat sich in der Wissenschaft längst herumgesprochen, dass in den Abstellkammern der Fakultäten Schätze lagern, die nur darauf warten, gehoben und wiederentdeckt zu werden. Die Sammlungen, die über Jahrzehnte höchstens Mitleid auf sich gezogen haben, erleben ein Revival.

Das liegt vor allem daran, dass für die weit über 1000 Kustoden in Deutschland vor fünf Jahren eine Anlaufstelle für den Austausch von Wissen geschaffen wurde: die Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Sammlungen an der Berliner Humboldt-Universität. Sie ist das Herz der Bewegung, die die wissenschaftliche Sammlungswelt erfasst hat - und sie ist international einmalig. "In keinem anderen Land gibt es eine ähnliche Einrichtung", sagt die Leiterin Cornelia Weber.

Nicht nur für Ausstellungen gedacht

Gegründet wurde die Koordinierungsstelle auf Empfehlung des Wissenschaftsrats. Deutschlands wichtigstes wissenschaftpolitisches Beratungsgremium wollte das Elend der Unisammlungen nicht mehr stumm hinnehmen. Die Koordinierungsstelle entstand mit Geld des Bundesforschungsministeriums, im Frühjahr 2017 stellte Berlin noch einmal 1,3 Millionen Euro für insgesamt fünf Jahre bereit. Was danach kommt, ist offen. Fest steht für Cornelia Weber allerdings: "Seit den Empfehlungen des Wissenschaftsrates hat sich sehr viel getan." Die Sammlungen würden als Infrastrukturen "für Forschung und Lehre anerkannt", "geschätzt und mehr und mehr genutzt". Das ist entscheidend. Wissenschaftliche Sammlungen sind - anders als museale Sammlungen - nicht nur für Ausstellungen gedacht. Ihr Sinn und Zweck besteht darin, in Lehre und Forschung gebraucht zu werden. Das geschieht immer mehr.

Dieser Trend zeigt sich an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen besonders deutlich. Mit ihren 68 Sammlungen bildet sie die Hochburg des Sammlungswesens in der Bundesrepublik, keine deutsche Uni hat mehr. Wer die Veränderung der letzten Jahre verstehen will, setzt sich am besten mit Ernst Seidl zusammen. Der Direktor des Universitätsmuseums Tübingen (MUT) ist bundesweit als Kunsthistoriker und Museologe anerkannt. "Wir machen solch einen Wind mit unserem kurzen Hemd. Das weiß unser Rektor." So hat Seidl in Tübingen das, was sich viele wünschen, ein "atmendes Budget". Die Bände zu den vielen Ausstellungen des MUT wiegen schwer und zeugen davon: Diese Universität will zeigen, was sie hat.

Gehört die zahnmedizinische Sammlung, die noch vor Kurzem als überflüssige Altlast galt, vielleicht bald dazu? "Ja", sagt Ernst Seidl am Ende der Besichtigung noch in der Abstellkammer: "Da müssen wir unbedingt was machen!" Mehr als eine Stunde hat er sich die Objekte angeschaut und mit Prutscher über ihre Geschichte gesprochen, über ihre Bedeutung für die Klinik und die gesamte Universität. Dabei hat er die Zeit vergessen, jetzt ist er spät dran. "Ein gutes Zeichen", sagt er auf dem Rückweg durch den Botanischen Garten in sein etwa 500 Meter Luftlinie entferntes Büro: "Das ist das Großartige an Sammlungen!"

So erging es auch Andreas Prutscher, als er vor 15 Jahren als Student in Tübingen von seinem Professor die Geräte und Stücke gezeigt bekam. Seit rund acht Jahren betreut der promovierte Zahntechniker und Zahnarzt mittlerweile die Sammlung im Alleingang - so gut das eben geht neben seinen Verpflichtungen in Forschung, Lehre und Patientenversorgung. Als Sammlungsbeauftragter beantwortet Prutscher Anfragen, organisiert Leihgaben. Und manchmal eine Rettungsaktion. Vor einigen Jahren sollte ein Zahnarztstuhl aus den 30er-Jahren auf dem Müll landen - nicht mit Prutscher. Er mietete einen Transporter und brachte das Stück in die Uni zurück.

Doch Sammlungen brauchen mehr als einen engagierten Betreuer. "Sammlungen sind eine gemeinsame Anstrengung", erklärt Udo Andraschke, "deshalb sollten alle wissen, welchen Wert sie für Forschung und Lehre haben - vom Präsidium über die Professoren, Dozenten und Studierenden bis zum Hausmeister und dem Reinigungspersonal." Andraschke koordiniert an der Universität Erlangen-Nürnberg die Arbeit an und mit ihren rund 25 Sammlungen. Anders als sein Tübinger Kollege Seidl hat er keine Mitarbeiter. Er ist das Team.

Solche Ein-Mann-Abteilungen sind im Sammlungswesen eher die Regel. Doch selbst unter diesen Bedingungen lässt sich viel erreichen, wie Andraschke in Erlangen-Nürnberg zeigt. Er warb ein viel beachtetes Drittmittelprojekt zur Digitalisierung von Sammlungen ein, organisiert Ausstellungen und ist als Redner bei Fachtagungen gefragt. Ein weiteres Zeichen für die wachsende Anerkennung seiner Arbeit: Uni-Präsident Joachim Hornegger hat in seinem Büro seit Kurzem eine Wechselausstellung eingerichtet - mit je einem Exponat aus den Sammlungen. Den Auftakt machte ein Gipsabguss der Figur, die die Münchner als Friedensengel kennen und seit 1899 an der Prinzregentenstraße bestaunen können.

Rund 75 Prozent aller Unisammlungen sind nach Erhebungen der Berliner Koordinierungsstelle heute "aktiv". Das heißt, dass die alten Objekte mit aktuellen wissenschaftlichen Methoden neu untersucht oder für die Lehre genutzt werden. Davon profitieren nicht nur Forscher und Studierende. Auch die Gesellschaft kann unter Umständen ihren Nutzen daraus ziehen. So lassen sich Krankheitsursachen mit Forschung an alten Präparaten besser ergründen oder auch der Klimawandel präziser beschreiben. Als "aktiv" gelten auch die Sammlungen, deren Bestände in Ausstellungen gezeigt werden.

Tübingen ist in dieser Disziplin besonders erfahren. Mit Geld, Geschick und dem Gespür für Tourismusmarketing präsentiert die Universität ihre Sammlungen gleich an mehreren Orten in der Stadt. Die ausgestellten Attraktionen reichen von Eiszeitfiguren aus der Schwäbischen Alb, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören, bis hin zur Anatomischen Sammlung mit dem Wachsmodell einer präparierten Leiche aus dem 19. Jahrhundert. Das freut die Stadt und dient dem Standing der Universität. Wenn alles gut geht.

Das ist nicht immer der Fall. Vor allem nicht im Umgang mit der Geschichte, insbesondere der NS-Vergangenheit und der Kolonialzeit. Vor einiger Zeit erreichte Ernst Seidl eine Anfrage der Botschaft von Namibia. Finden sich in Tübingen Bestände menschlicher Überreste, von Forschern gerafft in der Kolonialzeit? Die Suche begann. Und tatsächlich wurden Wissenschaftler in der osteologischen Knochensammlung fündig. Das war im vergangenen Sommer. Das Problem: Die Gebeine warten bis heute in Tübingen auf ihren Abtransport nach Namibia. Das Auswärtige Amt und die namibische Botschaft streben einen Sammeltransport an.

Seidls Grundhaltung im Umgang mit Raubgütern aus der NS- und Kolonialzeit ist eindeutig: "Wir geben alles zurück, was wir zurückgeben können", sagt er, "alles andere kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen." Doch klar ist auch: Solange nicht alle Sammlungen mit ihren Objekten inventarisiert sind, solange können darin NS-Raubgüter und Objekte aus dem Kolonialerbe unentdeckt schlummern (erfahren Sie mehr in diesem Interview). Bis hier Klarheit herrscht, könnten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vergehen.

Andreas Prutscher plant schon lange, die zahnmedizinische Sammlung in Tübingen zu ordnen und Studierenden wie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. "Ich wünschte mir einen Raum, in dem die wichtigsten Objekte in Vitrinen bestaunt werden. Unsere Zahnarztstühle-Sammlung könnte wie bei einer Zeitreise dem Alter nach aufgereiht sein", sagt er. Er weiß aber auch, dass er dafür dringend Hilfe braucht. Von den Professoren über die Klinikleitung bis zu den Hausmeistern, die volle Keller so zäh bekämpfen wie Ungeziefer: Alle müssen vom Wert der zahnheilkundlichen Sammlung überzeugt werden, damit sie erschlossen und damit letztlich gerettet werden kann. Ob das klappt, ist noch unklar. Klar ist für Prutscher aber schon jetzt: "Unsere Sammlung könnte besser sein als jede Geisterbahn."

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Quelle:
SZ vom 19.02.2018/mkoh
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