Süddeutsche Zeitung

Digitale Bildung:Mein Lehrer, der Bildschirm

Lernen am Laptop, Tablet-Computer oder Smartphone - zu jeder Tages- und Nachtzeit. Das klingt gut, erfordert aber große Disziplin und Ausdauer. Auf einem Gebiet versagt der Online-Unterricht kläglich.

Von Christine Demmer

An einem trüben Herbstabend in Fulda kann man sich etwas Gutes tun. Das mögen die acht Menschen verschiedenen Alters gedacht haben, die sich im Vortragsraum E08 der Volkshochschule eingefunden haben. Vorne erklärt der Dozent mit Powerpoint-Folien, wie man dank der richtigen Körperhaltung Schmerzen in Füßen und Beinen bekämpfen kann. Hinten im Raum überträgt eine Kamera den Vortrag ins Internet. Irgendwo haben sich zehn weitere Interessierte eingeloggt und lernen mit. Eine junge Frau schaut sogar aus Amerika zu. Sie hat es ihrer Mutter, die unten im Saal sitzt, fest versprochen.

Auch die Volkshochschulen (VHS) gehen mit dem Trend, und der heißt: selbstbestimmtes Lernen am Laptop, Tablet-Computer oder Smartphone - wann, wo, wie oft und wie lange man will. "Erweiterte Lernwelten" heißt das Konzept, nach dem der Deutsche Volkshochschulverband das traditionelle Lernen im Klassenraum mit E-Learning-Elementen kombiniert.

Wer beispielsweise nach dem Gesundheitsvortrag mehr über den Bewegungsapparat lernen will, muss einen klassischen Vorne-Lehrer-hinten-Schüler-Kurs buchen. "Reines Online-Lernen ist ein Spartenbereich für ganz kleine Zielgruppen", erklärt Stefan Will, der sowohl für die Volkshochschule Fulda als auch für den Bundesverband tätig ist. "Dafür müssen die Lernenden hochgradig motiviert und selbst organisiert sein sowie anschlussfähiges Vorwissen haben."

"Non-formales Lernen" nimmt zu

Bei den meisten der knapp zehn Millionen Volkshochschülern dürfte das kaum der Fall sein, deshalb wird der Präsenzunterricht nicht abgeschafft. Trotzdem: "Digitale Werkzeuge können den Unterricht von Zeit und Raum abkoppeln", sagt Will. Praktisch sieht das so aus: Wer den Unterricht verpasst, kann auf der VHS-Lernplattform nachschauen, welcher Stoff durchgenommen wurde. Er kann am heimischen Computer Übungsaufgaben lösen. Und sich per Chat vom Dozenten oder Mitschülern nachträglich die Zusammenhänge erklären lassen.

Neben dem Büffeln für ein Zeugnis oder ein Zertifikat nimmt das "non-formale Lernen" immer mehr zu. Es richtet sich nicht auf einen Schul- oder Berufsabschluss, sondern umfasst betriebliche Weiterbildung ebenso wie jedes von privaten Interessen geleitete Studium. Ob Spanisch für den Urlaub, Bridge für Fortgeschrittene, die Handhabung eines Cellos oder das fachgerechte Zerlegen eines Automotors - alles kann man am PC lernen. Über eingebundene Videos werden alle möglichen Spiel- und Sportarten erklärt und vorgemacht. Vom Anfänger- bis zum Hochschulniveau findet sich für fast jedes Fachgebiet ein Lernangebot im Internet - oft sogar kostenlos.

Computer statt Dozent

Was die Lernenden allerdings aufbringen müssen, sind Zeit, Motivation und genügend Selbstdisziplin, um bis zum Schluss durchzuhalten. Genau darin sieht Jens Greefe die Grenzen des elektronischen Lernens. "Viele anfangs begeisterte Lerner steigen mitten im Online-Kurs aus", erzählt der Vizepräsident des Forums Distance Learning. In dem Hamburger Verein haben sich solche Anbieter von Fernunterricht zusammengeschlossen, die eine Mischung aus Präsenz- und Distanzlernen, das sogenannte Blended Learning, für den besten Weg halten, um sich Neues zu erschließen. "Das computer-basierte Training ist nur etwas für extrem motivierte Lerner", sagt Greefe, "für die, die von Berufs wegen müssen und für die, die der Karriere wegen unbedingt wollen." Alle anderen bräuchten persönliche Betreuung, also Hilfe beim Erfassen und schließlich beim Verarbeiten des Lehrstoffes. Am wichtigsten aber sei der regelmäßige Anschub der Motivation durch den Dozenten. "Das funktioniert im persönlichen Gespräch, am Telefon und durchaus auch im Chat am Bildschirm", sagt Greefe. "Ganz lässt sich der lehrende Mensch aber nicht ersetzen."

Ariane Anders vom Berufsverband für Online-Bildung e.V. (BVOB) sieht das anders. Sie ist davon überzeugt, dass gut gemachte Lernsoftware positiv auf die Lernbereitschaft wirken kann. "Wenn der Wille zum Lernen da ist, dann funktioniert jedes Medium. Aber wenn jemand gesagt bekommt, er oder sie solle etwas lernen, dann muss das Lernmedium die Motivation stärken." Die Entwicklung einer Lernsoftware habe stets auch mit Mediendidaktik zu tun. "Muss ich eine Leitfigur einführen? Wie gestalte ich die Navigation? Wie schaffe ich Relevanz?"

Antworten darauf zu finden und in die Technik einzubetten, ist das tägliche Geschäft von Mediengestaltern, Online-Redakteuren und Weiterbildungspädagogen. Die findet man bei Unterrichtsanbietern wie bei deren Hauptkunden, den Unternehmen. Ziel sei es, die Teilnehmer in einem dauerhaften Lernprozess zu halten, erklärt Ariane Anders. "Das schafft man fast nur noch, indem man elektronische Medien zur Verfügung stellt. Ein kleiner Klick in der Mittagspause, um sich im Intranet über das neueste Produkt zu informieren. Oder um Servicetechniker zu schulen, neue Buchhaltungsregeln zu vermitteln oder die Kundenansprache zu verbessern. Das machen mittlerweile fast alle größeren Firmen." Beim Erwerb von kognitivem Wissen und den Grundlagen praktischer Fertigkeiten spart der Computer so manches Dozentenhonorar.

Auf einem Lerngebiet freilich versagt der Online-Unterricht kläglich. "Alles, was auf Verhaltensänderung abzielt, ist schwierig zu vermitteln", erklärt Jens Greefe. Lernprogrammiererin Ariane Anders stimmt zu. "Online kann man die theoretischen Grundlagen lernen. Aber dann muss man üben. Der Transfer von der Theorie in die Praxis gelingt nicht elektronisch. Da möchte ich als Lernende ein Feedback bekommen, vom Trainer und vom Publikum." Für den Volkshochschul-Pädagogen Stefan Will ist das ohnehin klar: "Wenn es darum geht, Gelerntes in Handlungen umzusetzen, dann ist es sinnvoll, entweder Mitstudierende zu haben oder einen Dozenten." Und zwar Auge in Auge direkt vor oder neben sich. Wer einen Vortrag einstudiert, hat wenig davon, jemanden anrufen zu können.

Einig sind sich die Experten auch darin, dass der Wissenserwerb über Smartphones nur begrenzt möglich ist. "Inhaltsvermittlung geht über Lesen", sagt Jens Greefe. Das sei auf den kleinen Telefondisplays viel zu mühsam. "Das geht allenfalls bei den ganz Jungen. Die sind das gewohnt."

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SZ vom 26.02.2015/mkoh
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