Süddeutsche Zeitung

Bildung:In dieser Schule geht es nur ums Essen

Trotzdem lernen die Kinder am Ende auch Lesen, Schreiben, Rechnen. Wie das klappt? Ein Besuch in der Charlon Manor Grundschule in London.

Von Daniela Gassmann, London

Kurt, Advik und Dion stören gerne mal den Unterricht, allein weil sie sich so viel zu erzählen haben. Aber jetzt, in der Küche, will Kurt einfach nur das Kuchenrezept vorlesen: Süßkartoffelbrei, Buchweizenmehl und Honig aus dem eigenen Garten. "Oh my gosh!" und "Yeah!" schreien da ein paar Mädchen. Dann bilden die Erstklässler in den zitronenfaltergelben Poloshirts Gruppen.

Kurt, Advik und Dion stecken ihre Köpfe so eng zusammen, dass sich dreimal schwarzes Stoppelhaar berührt. Konzentriert messen sie Zutat für Zutat ab. Nur einmal rufen sie den Koch: "Entschuldigung bitte, Chef!", so nennen die Kinder ihn, "wir haben hier minus 679 Gramm Buchweizenmehl." Er erklärt ihnen, wie man die Waage auf null zurücksetzt. "Easypeasy", sagt Dion, als die Anzeige korrekte 30 Gramm zeigt, und vergibt High Fives. Advik malt ein grünes Häkchen aufs Rezept. Kurt wischt hüftkreisend und "Peanut Butter Jelly"-singend die Ablage, und wenn ihm dabei jemand im Weg ist, sagt er wieder: "Entschuldigung bitte."

Nach einer Dreiviertelstunde schüttet der Koch die Teige zu einem gemeinsamen Teig zusammen: "Vielen Dank für eure tolle Hilfe! Ich lasse euch was zum Probieren übrig." Die Schüler strömen auf den Pausenhof, ohne zu bemerken, dass sie gerade brav am Unterricht teilgenommen, gerechnet und gelesen haben.

Schüler, die Natur nur aus Stadtparks kennen

Die staatliche Charlton Manor Grundschule könnte eine Problemschule sein. Sie liegt im Südosten Londons, über 80 Prozent der Kinder kommen aus armen Familien, für viele ist Englisch die Zweitsprache. Doch sie gilt als Schule der Zukunft, und das ohne besondere Technik oder großes Budget: Ein engagierter Mensch mit einer guten Idee tut es auch.

Wenn Schuldirektor Tim Baker vor seinem uralt-Bildschirm sitzt, graues Hemd und tiefe Augenhöhlen, sieht man ihm seine Leidenschaft nicht an. Aber man hört sie: "Meine Vision ist keine über die Schule, sondern über die Zukunft der Kinder. Ich frage mich: Was können wir ihnen mitgeben, damit sie sich zu verantwortungsvollen Erwachsenen entwickeln?" Die Situation, die er vorfand: Schüler, die Natur nur aus Stadtparks kennen und Schokoriegel als Pausenbrote mitbringen.

Dann ein Schicksalsmoment: Eines Tages summte ein Bienenschwarm quer über das Schulgelände. Die Kinder blieben erstaunlich ruhig, sodass Baker beschloss, einen Garten anzulegen. Mit Honigbienen, Hühnern und Gemüse. Und wenn sie schon ihr eigenes Gemüse hatten, konnten sie auch gleich gemeinsam kochen. "Weil die Stundenpläne aber bereits übervoll waren", sagt Baker, "haben wir das Ernten und Kochen einfach in den Unterricht integriert." Die Lehrer waren anfangs skeptisch. Dann merkten sie, dass sie den Lehrplan trotzdem schaffen - mit ein bisschen Fantasie ließ sich praktisch jeder Inhalt über Essen vermitteln. Und die Schüler arbeiteten auch noch beser mit.

"Secret Garden" steht in silbernen Lettern auf einem Eisentor am Rande des Schulhofs. Wer eintritt und die gewundenen Pfade entlanggeht, entdeckt tatsächlich versteckte Beete, Gewächshäuser, Baumstümpfe zum Sitzen. Ein Mädchen mit rosa Haarreif läuft Slalom um ihre Mitschüler: "Passt auf, passt auf, das sind Lebewesen wie wir!" Hinter einem Zaun sind die Bienenstöcke, in zwei Ställen wohnen 24 Hühner. In seiner Hütte schreibt der Schulgärtner gerade das Wort "unser" auf einen Holzklotz. Über hundert Klötze will er überall verteilen, die Schüler können dann draußen nicht nur Minikiwis und Mangold mit dem Lineal abmessen, sondern zukünftig auch Sätze bauen.

Seit fast 15 Jahren ist Ernährung nun schon das Fundament der Charlton Manor Grundschule. Die "Food Revolution", wie Tim Baker sie nennt, wächst bis heute durch Spenden. Erst kam der Garten, dann eine neue Küche mit niedrigen Arbeitsflächen, bald soll ein Ernährungszentrum gebaut werden, das für alle Menschen aus der Gegend offen ist. So banal die Koch-Idee im ersten Moment klingen mag, sie wirkt: Die Kinder sind gesünder und fitter und dadurch auch konzentrierter geworden. Sie lernen fast ausschließlich übers Erleben.

McDonalds ist plötzlich nicht mehr verlockend

Ein Beispiel: Im Englischunterricht lesen die Drittklässler Roald Dahls "Revolting Recipes" und backen dann selbst verrückte Rezepte. Einen Kuchen mit Hühnerbeinen bringen sie Tim Baker ins Büro. Der probiert, beginnt zu gackern. Nach dem Unterricht schickt der Lehrer die Schüler wieder zum Direktor. Anstelle von Mister Baker finden sie auf dem Bürostuhl ein Huhn vor. Albern, okay. Aber die Aufsätze, die in der Folge entstehen, hauen die Tim Baker um.

Im Charlton Restaurant, einem mit Sonnenblumen bemalten Flachbau, gibt es jamaikanische Pasteten, wie immer viel Salat und Obst. Preis: 1,40 Pfund pro Schüler. Der Chefkoch Flavia begrüßt fast alle Schüler mit Namen. Sie werden hier behandelt wie kleine Restaurantgäste. Oder wie Personal: In schwarz-weiß-karierten Schürzen bringen sie Wasserkaraffen an die Tische, für diesen Kellnerjob haben sie sich in Gesprächen beworben. Der größte Teil der Ernte landet aber in der Schulküche - so wie an diesem Vormittag bei Kurt, Advik und Dion -, und dann im Schulhof-Laden.

Damit wirkt die Schule bis in die Familien hinein. "Die Eltern bekommen eine Mahlzeiht für ein bis zwei Pfund, also zum Preis einer Pommes. Einkaufen können sie ganz bequem, wenn sie die Kinder abholen", sagt Tim Baker. McDonalds und Burger King seien für sie gar nicht mehr so verlockend.

Was als Abfall übrigbleibt, landet auf einen zwei-Meter-Haufen im Garten. Durch eine Glasscheibe können die Schüler hier die Vergänglichkeit beobachten: Eierschalen und Zwiebelhaut verrotten zu grünem Moos, zu Kompost, aus dem eines Tages wieder etwas wachsen wird. So schließt sich der Kreis an der Charlton Manor Grundschule.

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