Süddeutsche Zeitung

Wenn die Justitz ermittelt:Kirche unter Druck

Asylpolitik führt immer häufiger zu Konflikten mit dem Staat

Von Dietrich Mittler, München/Memmingen

Die Häufung der Fälle, in denen Christen durch die aktuelle Asylpolitik in Bedrängnis geraten, löst bei den großen Kirchen in Bayern zunehmend Irritation aus. In Schwaben befürchtet ein zum Christentum konvertierter afghanischer Asylsuchender nach unmissverständlichen Hinweisen der Zentralen Ausländerbehörde in Augsburg einmal mehr seine Abschiebung nach Kabul. Weil sich der 23-Jährige ein Kreuz auf den Arm tätowieren ließ, muss er dort schlimmstenfalls mit der Hinrichtung rechnen. Die Zentrale Ausländerbehörde in Bayreuth wiederum betreibt die Abschiebung eines Afghanen, der in Hof Mitglied des Kirchenvorstands der protestantischen Kirchengemeinde Sankt Michaelis ist. Auch ihm drohen Folter und Hinrichtung.

In Bayern wächst indes auch der Druck gegenüber jenen Geistlichen und Ordensleuten, die sich noch trauen, Kirchenasyl zu gewähren. Noch haben Bayerns Gerichte diesbezüglich kein Grundsatzurteil gesprochen. Das könnte sich demnächst ändern: In Oberfranken droht der Kirchschlettener Äbtissin Mutter Mechthild eine Haftstrafe, weil sie nach Abstimmung mit ihrem Konvent in mehreren Fällen Kirchenasyl gewährt hat. Sie wird beschuldigt, Beihilfe zum unerlaubten Aufenthalt geleistet zu haben. "Ich bleibe standhaft", erklärte die Ordensfrau am Telefon, "da gibt es gar nichts anderes." Für diesen Donnerstag hat sich die in München tagende Bischofskonferenz das Thema Kirchenasyl auf die Agenda gesetzt, wie ein Sprecher des Erzbistums München und Freising bestätigte. Mutter Mechthilds Fall, so hieß es am Rande der Konferenz, wird dabei s eine Rolle spielen.

Die evangelische Landeskirche wiederum will sich auf politischer Ebene für die zum Christentum übergetretenen Asylbewerber einsetzen. "Das Thema Konvertiten und Konversion ist eines, wo zwischen Kirche und Staat hoher Gesprächsbedarf besteht", heißt es vonseiten jener, die sich an der Kirchenbasis für Asylsuchende einsetzen. "Ich hoffe sehr, dass es dazu demnächst ein Spitzengespräch gibt", sagt der Hofer Dekan Günter Saalfrank, der - wie die gesamte Gemeinde von Sankt Michaelis - um ihr Kirchenvorstandsmitglied bangt. Klar ist aber auch, dass der Inhalt solcher Gespräche wohl kaum an die Öffentlichkeit dringen wird.

Das Klima ist rauer geworden, diese Erfahrung hat auch Dieter Müller vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst gemacht, der wöchentlich in Eichstätt Abschiebehäftlinge besucht. "Mein Eindruck ist, dass auch kirchlichen Hilfsorganisationen und Initiativen zunehmend Hindernisse in den Weg gelegt werden", sagt er. Der Fall von Mutter Mechthild, der Äbtissin des Klosters Kirchschletten, sei nur ein Beispiel dafür. "Das Thema Abschiebung rückt immer mehr in den Vordergrund", sagt Müller.

Für Jesuiten in Deutschland wirft das grundlegende Fragen auf - so auch jene nach der Rolle der christlichen Gemeinschaften. "Wo stehen sie? Schützen sie zu wenig ihre Schwestern und Brüder im Glauben, die in gefährliche Situationen abgeschoben werden? Nehmen sie selber billigend in Kauf, dass diese dort gefoltert, ja getötet werden?", heißt es in einem der auf Internet veröffentlichen Infobriefe des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes.

Fakt ist, dass die Behörden den konvertierten Asylsuchenden oft trotz Vorlage einer Taufurkunde nicht abnehmen, tatsächlich auch Christen zu sein. Und das obwohl die Kirchen für sich in Anspruch nähmen, bei angehenden Konvertiten "die Gründe für den Glaubenswechsel selbst noch einmal zu prüfen". "Was muss ein Mensch tun, um tatsächlich glaubhaft zu machen, dass er tatsächlich Christ geworden ist?", fragt Dieter Müller.

Diese Frage treibt auch Bettina Nickel vom Katholischen Büro um. Ihre These, warum Konvertiten auf zunehmende Widerstände seitens der Behörden und der Gerichte stoßen, klingt ernüchternd: "Die Gesamtgesellschaft hat sich inzwischen entkirchlicht, von den Kirchen und der Religion innerlich entfernt", sagt sie. Und: "Da merkt man einfach, dass mache Leute keinen Bezug mehr zum Glauben haben." Deutlich werde das etwa bei Wissenstests zum christlichen Glauben, wie Nickel sagt, wo es dann auch vorkomme, dass der Befrager "keine Ahnung hat". Etwa bei der Frage, wann das Weihnachtsfest gefeiert wird. Theologisch richtig ist der 25. Dezember und eben nicht der Heilige Abend.

Stephan Reichel, der Vorsitzende des Vereins "matteo - Kirche und Asyl" kündigt unterdessen ein neues Projekt an, "ein Netzwerk zum Schutz Iranischer Christen". An diesem Donnerstag will er es gemeinsam mit der Bayreuther Regionalbischöfin Dorothea Greiner in Neudrossenfeld vorstellen.

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SZ vom 01.10.2020
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