Süddeutsche Zeitung

Uni-Atlas:Brachialer Betoncharme in Regensburg

Die Uni Regensburg schreckt mit ihrer ebenso brachialen wie baufälligen Architektur ab. Dennoch sind die meisten Studenten vom Lehrangebot und der Stadt begeistert.

Von Andreas Glas, Regensburg

Wer die Regensburger Uni zum ersten Mal sieht, dem fällt vor allem eines auf: Beton, überall. Rechts Beton, links Beton, grau in grau, dazwischen eine düstere Unterführung, von der Decke fällt fahles orangefarbenes Licht. Blinker setzen, ins Parkhaus abbiegen. Das Parkhaus ist ein Bunker, in den sie Baumstämme eingezogen haben, die einen Stahlträger stützen, der die Betondecke stützt, damit nicht wieder so was passiert wie vor ein paar Jahren, als der Rektor fast von einem Stein erschlagen wurde, der sich aus der Fassade gelöst hatte. Einparken, Motor abstellen, lieber schnell raus aus dem Parkhaus, rein ins nächste Bunkerlabyrinth: ins Zentrale Hörsaalgebäude.

Drin angekommen fragt man sich, ob man wirklich drin angekommen ist, immerhin läuft man in den Fluren über Kopfsteinpflaster, das sich wiederum gut ins Betonensemble fügt. Zumindest stehen keine Eimer mehr rum, wie vor ein paar Jahren noch, um die Regentropfen aufzufangen, die durch die löchrige Decke kamen.

Die Treppen hoch, vorbei am Audimax und an den Hörsälen Nummer zwei, drei und vier. Alle fensterlos. Erklärt den leichten Muff, der hier in der Luft liegt. Also weiter die Stufen rauf, bis einem schwüle Luft entgegen- kommt, die Tür zum Campus-Freigelände steht offen. Man ist kurz geblendet vom Sonnenlicht, dann löst sich der Schleier vor den Augen, und plötzlich ist da so viel Grün, dass das marode Betonmonster jede Bedrohlichkeit verliert.

Wer sich das Studentenleben in glänzenden Farben ausgemalt hat, der ist mindestens enttäuscht, wenn er die Uni Regensburg betritt, vielleicht sogar schockiert. Fast alle, die hier studiert haben, können von diesem Gefühl am ersten Tag des ersten Semesters erzählen: dem Gefühl, am falschen Ort gelandet zu sein. Und fast alle erzählen hinterher, wie großartig es dann doch war, hier studiert zu haben. Manche, weil sie den brutalen Betoncharme im Laufe der Studentenjahre lieben gelernt haben. Andere, weil sie wissen, dass Äußerlichkeiten nur Äußerlichkeiten sind. Letztlich kommt es ja drauf an, was hinter der Betonfassade steckt: auf die Menschen und die Möglichkeiten.

Nach den Menschen muss man nicht lange suchen, im Sommer sowieso nicht. Sie sitzen unter Bäumen oder liegen auf dem Rasen, haben ihre Bücher wie Kissen unter ihre Köpfe geschoben oder ihre Füße in den Campus-See gesteckt, lachen, rauchen - und, ja, manche lernen sogar, denn in Sachen Lehre hat die Uni Regensburg schon auch etwas zu bieten.

Die Suche nach den Schwerpunkten der Lehre führt vorbei am Wahrzeichen der Uni, einer Blechkugel mit vier Metern Durchmesser, die auf dem zentralen Platz des Campus steht. Von dort aus geht es ein paar Stufen abwärts und hinein in das sogenannte PT-Gebäude, wo die Büros des Europaeums und des Bayerischen Hochschulzentrums für Mittel-, Ost- und Südosteuropa, kurz Bayhost, untergebracht sind.

Wo der Kontrast zur Betonkulisse wartet

An den Türen der Büros hängen Plakate, und auf den Plakaten stehen Sprüche wie "Ganz nah dran am Osten". Denn Regensburg liegt nur eine Autostunde von der tschechischen Grenze entfernt und diese Nähe zu Mittel- und Osteuropa spiegelt sich sehr stark in Lehre und Forschung wider. Am Europaeum, dem deutschlandweit einzigartigen Ost-West-Zentrum, lernen und forschen Master-Studenten aus Ost- und Westeuropa gemeinsam und vergleichen ihre Kulturen, Mentalitäten und Stereotypen länder- und fächerübergreifend.

Ähnlich strukturiert sind die Bachelor-Studiengänge Südosteuropastudien, Deutsch-Polnische Studien und Deutsch-Tschechische Studien. Darüber hinaus gibt es die studienbegleitenden Zusatzausbildungen Bohemicum, Hungaricum, Rumaenicum und Slovakicum.

Auch manche naturwissenschaftlichen Studiengänge der Uni Regensburg genießen einen ausgezeichneten Ruf - zum Beispiel die Physik, die in bundesweiten Rankings meist ähnlich weit vorne liegt wie die Studiengänge der Human- und Zahnmedizin. Ansonsten kann man auf der Regensburger Dauerbaustelle so gut wie alles studieren, die Hochschule ist eine Volluniversität - elf Fakultäten, mit mehr als 180 Studiengängen von Archäologie bis eben Zahnmedizin, darunter auch seltenere Fächer wie Immobilienwirtschaft und Nanowissenschaften.

Im Sommer trifft man die Studenten auf dem Bismarckplatz

Der totale Kontrast zur Betonkulisse ist die Regensburger Altstadt, wo jedes Haus eine andere Farbe hat und einen anderen Stil, wo manche Fassaden sich wölben, als trügen die Häuser dicke Bäuche vor sich her. Die hohe Kneipendichte der Altstadt ist allseits bekannt, aber im Sommer sitzen die Studenten lieber auf dem Bismarckplatz - weil man nicht entspannter ins Nachtleben starten kann als unter freiem Himmel und auf Kopfsteinpflaster, das nachts noch so warm ist, dass man nirgendwo anders sitzen möchte.

Außer vielleicht am Donauufer, wo die Kaimauer ähnlich dicht belagert ist mit jungen Menschen. Auch so ein Ort, an dem aus einem Bier drei werden und irgendwann ist Mitternacht, und die Leute ziehen weiter in die vielen guten Kneipen und die leider nicht ganz so vielen guten Clubs.

Dort trifft man dann nicht selten dieselben Leute, die man vormittags schon in der Vorlesung oder im Seminar gesehen hat - was freilich nicht bedeutet, dass man jeden dieser Menschen auch treffen möchte. Aber so ist das halt, in einer 160 000-Einwohner-Stadt, in der jeder Fünfte ein Student ist. Wer kurze Wege mag und lange Nächte, der ist in Regensburg jedenfalls am richtigen Ort.

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SZ vom 02.06.2016/bica
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