Süddeutsche Zeitung

Schließung von Dorfschulen:Der letzte Pausengong

Lesezeit: 3 min

In Bayern stehen viele Grundschulen vor der Schließung. In den Dörfern macht sich Widerstand dagegen breit. Ein Besuch in Kirchweihdach, wo Lehrer und Eltern gleichermaßen verunsichert sind.

Von Tina Baier

Wenn Oliver Ludwig von der Klasse 1a in die Klasse 1b gehen will, kann er nicht wie die meisten anderen Schulleiter einfach über den Gang laufen. Er braucht ein Auto. Das liegt daran, dass seine Schule im oberbayerischen Landkreis Altötting eigentlich aus vier Schulen besteht: Drei Mini-Grundschulen in den Gemeinden Tyrlaching, Feichten an der Alz und Halsbach und einer Mittelschule in Kirchweidach, wo Ludwig sein Büro hat. Seine Schüler, die wegen des demografischen Wandels in der Region immer weniger werden, muss Ludwig jedes Jahr auf diese vier Standorte verteilen.

Die Mittelschule in Kirchweidach steht jetzt schon halb leer. In den sechs Klassenzimmern werden nur noch eine fünfte, eine sechste und eine neunte Klasse unterrichtet. Auch die drei Grundschulen müssen um jeden einzelnen Schüler kämpfen. In Tyrlaching gibt es zurzeit keine zweite Klasse, in Halsbach keine vierte. Und wäre dieses Schuljahr auch nur ein einziger Erstklässler weniger angemeldet worden, hätte es an einer der drei Mini-Schulen auch keine erste Klasse mehr gegeben.

"Wir haben den ganzen Sommer über gezittert", sagt Ludwig. Im Halsbacher Schulhaus ist es an einem ganz normalen Montagvormittag so still, dass man bei jedem Schritt das Knarzen der alten Holztreppe hört. Ludwig muss eine Weile suchen, bis er ein Klassenzimmer findet, in dem Kinder sitzen. "Die Schüler werden in den kommenden Jahren nicht mehr", sagt er. "Es kann sein, dass bald eine der Grundschulen aufgelöst werden muss, wenn nicht sogar zwei."

Seehofers Versprechen? "Hinterfotzig"

Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat in seiner Regierungserklärung zwar versprochen, dass in Bayern keine rechtlich selbständigen Grundschulen geschlossen werden. Für die Schulen in Tyrlaching, Feichten und Halsbach gilt diese Bestandsgarantie aber nicht. Sie sind formal nicht eigenständig, sondern lediglich Außenstellen der Zentrale in Kirchweidach.

Im Kultusministerium habe man bis vor Kurzem offenbar nicht einmal gewusst, dass diese Schulen überhaupt existieren, sagt Ludwig. Als sich dieses Jahr Eltern aus Tyrlaching ans Kultusministerium wandten und den Erhalt ihrer Dorfschule forderten, hätten sie damit erst einmal Verwirrung ausgelöst, sagt Ludwig. Eine Grundschule in Tyrlaching sei den Beamten nämlich nicht bekannt gewesen. Offensichtlich sei in München nur die Zentrale in Kirchweidach registriert gewesen.

"Die Leute nehmen die Schule in Tyrlaching nicht als Außenstelle wahr, sondern als eigenständige Schule", sagt Bernadette Auer. Sie hat vier Töchter, zwei von ihnen besuchen die Mini-Schule in Tyrlaching. Das Thema, ob die Schule dem Ort erhalten bleibt, sei ein Dauerbrenner unter den Eltern. Die Verunsicherung sei groß. Dem Bürgermeister von Tyrlaching, Matthäus Maier, fällt zu Seehofers Versprechen, in Bayern keine selbständigen Grundschulen zu schließen, nur eines ein: "Das ist hinterfotzig", sagt er.

Mehr als einmal musste er Eltern aufklären, die freudestrahlend zu ihm kamen, in dem Glauben, dass ihre Grundschule nach Seehofers Versprechen nicht mehr gefährdet sei. "Die Staatsregierung tut nichts, um Außenstellen wie die unsere zu erhalten", sagt Maier. "Wir werden für unsere Schule kämpfen. Sie gehört ins Dorf genauso wie die Kirche und das Wirtshaus."

38 Schulen sind akut von einer Schließung bedroht

Die Situation im Landkreis Altötting ist kein Einzelfall. Überall im Freistaat gibt es Mini-Grundschulen, die nicht unter Seehofers Versprechen fallen, weil sie auf dem Papier lediglich Außenstellen einer größeren Schule sind. Anfang des Schuljahres war nicht einmal im Kultusministerium bekannt, wie viele solcher Außenstellen es überhaupt gibt. Mittlerweile hat die Behörde die Zahl ermittelt. Von den knapp 2400 Grundschulen in Bayern hätten 339 "mehr als einen Standort", heißt es. Ob und welche Standorte gefährdet sind, sei aber nicht bekannt. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass Außenstellen schließen müssen.

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hat in 34 von insgesamt 71 bayerischen Landkreisen genauere Informationen über die Situation der Grundschulen gesammelt, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen. Demnach gibt es in den untersuchten Landkreisen 99 Grundschulen mit rechtlich nicht-selbständigen Außenstellen. Fünf davon haben drei Außenstellen, neun haben zwei Außenstellen und der Rest hat eine.

38 dieser Außenstellen stuft der bayerische Lehrerverband als "von der Schließung bedroht" ein, da dort nur noch zwei Klassen unterrichtet werden. Vier seien sogar "akut bedroht", weil sie nur noch aus einer einzigen Klasse bestehen: beispielsweise die Grundschulen Heindlschlag und Sulzbach in den niederbayerischen Landkreisen Freyung-Grafenau und Passau, die Grundschule Vestenbergsgreuth im mittelfränkischen Landkreis Erlangen-Höchstadt und die Grundschule Unterjoch im schwäbischen Oberallgäu.

Zwanzig Schulen sind bereits geschlossen

Die Schule in dem Allgäuer Gebirgsdorf hätte eigentlich schon dieses Schuljahr geschlossen werden sollen. So war es den Eltern im Mai mitgeteilt worden. Die Kinder sollten über den Jochpass in die Stammschule nach Bad Hindelang pendeln. Der massive Protest der Eltern vor der Landtagswahl bewirkte dann, dass die Schule einen Aufschub für ein Jahr bekommen hat. Im Januar 2014 wollen Mitglieder des Bildungsausschusses nach Unterjoch fahren, um sich vor Ort selbst ein Bild machen zu können.

"Es ist eine stattliche Zahl von Schulen, für die Seehofers Bestandsgarantie nicht gilt", sagt Klaus Wenzel, Präsident des BLLV. Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) müsse transparent machen, welche Außenstellen gefährdet sind und nicht mit "verdeckten Zahlen" arbeiten. Nach Informationen des BLLV sind in den vergangenen Jahren bereits 20 nicht-selbständige Außenstellen von Grundschulen geschlossen worden.

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Quelle:
SZ vom 14.12.2013/geu
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