Süddeutsche Zeitung

Kriegsgefangenenlager:Moosburg tut sich schwer mit dem Erinnern

In Moosburg pferchten die Nazis Tausende Soldaten in das größte Gefangenenlager Deutschlands. Erst nach und nach stellt sich die Stadt ihrer Geschichte.

Immerhin verfügt die Stadt Moosburg endlich über ein Museum zur Geschichte des größten deutschen Kriegsgefangenenlagers während des Zweiten Weltkrieges, dem Stalag VII A, das sich auf dem Gebiet der Moosburger Neustadt befand. Von der Planung bis zur Realisierung gingen zehn Jahre ins Land. Allerdings: Das Museum ist an einem Tag in der Woche für gerade einmal zwei Stunden geöffnet, eine Website gibt es nicht. Initiator Martin Pschorr leitet das Museum ehrenamtlich.

Die Kleinstadt an der Isar tut sich seit jeher schwer mit der Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Dass sich dies langsam ändert, ist das Verdienst einiger engagierter Bürger, die in Vorträgen, Ausstellungen und Büchern über das Schicksal der unter unmenschlichen Bedingungen inhaftierten - meist sowjetischen - Soldaten in Deutschlands größtem Kriegsgefangenenlager informieren. Dass bis heute keine genauen Zahlen darüber vorliegen, wie viele Menschen im Lager umkamen, liegt auch an der Abwehrhaltung der Stadt, die sich jahrzehntelang gegen die Aufarbeitung sperrte.

Ausdruck fand diese Geisteshaltung nach 1945 vor allem in der Einstellung gegenüber den Gefangenen, die während der Inhaftierung im Lager an Kälte, Hunger und Misshandlungen starben und auf dem Lagerfriedhof im Stadtteil Oberreit beigesetzt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man die "Russenleichen" in Moosburg nicht mehr haben. Daher wurden die Toten exhumiert, die letzten im Jahr 1958, und auf zentralen Soldatenfriedhöfen beigesetzt. Auf Veranlassung des damaligen Bürgermeisters Josef Erber wurde ein von der US-Armee gestifteter Gedenkstein entsorgt, vermutlich in einem nahegelegenen Steinbruch, wie Mitglieder des Stalag-Vereins rekonstruieren konnten. Die Inschrift eines zweiten, der den polnischen Gefangenen gewidmet war, wurde entfernt und durch "Unseren gefallenen Kameraden. Spielvereinigung Moosburg" ersetzt.

Christine Fößmeier, Kunsthistorikerin und Mitglied des Stalag-Vereins, zählt zu jenen, die nicht vergessen wollen. Sie hat Bilder des früheren Abteilungsleiters für Personalangelegenheiten im Moosburger Stalag, Josef Schmid, ausgewertet und den Zeichnungen des französischen Künstlers Alfred Gaspart, der im Lager inhaftiert war, gegenübergestellt. Die Bilder Schmids, private Fotografien, die dieser während seiner Zeit im Lager angefertigt hatte, zeigen Gefangene beim Musizieren und Theaterspielen. "Obwohl die Bilder die Normalität des Lagerlebens dokumentieren sollen, enthüllen sie doch die rassistische Ideologie des Fotografen", sagt Fößmeier. Auf einem Foto ist zu sehen, wie ein Lagerarzt einem Afrikaner den Schädel vermisst. Schmids Bildunterschrift dokumentiert unverblümt: "Ein Lagerarzt beschäftigt sich aus Passion mit Rassenforschung."

Die Bildbände Schmids liegen noch heute im Moosburger Stadtarchiv. Dort gerieten sie nahezu in Vergessenheit. 1978 hatte sie der damalige Moosburger Bürgermeister Oscar Hertel in einem feierlichen Akt entgegengenommen. Bei diesem Ereignis wurde Hertel in der Moosburger Zeitung mit den Worten zitiert, die Fotochroniken bewiesen, dass es im Lager "nicht so schlimm" gewesen sei.

Wie schlimm es aber tatsächlich war, belegen Zeichnungen, Briefe und Tagebucheinträge von Insassen wie Alfred Gaspart, die Fößmeier ausgewertet hat. Nach dem Beginn des deutschen Vernichtungskrieges gegen die UdSSR 1941 kamen die sowjetischen Gefangenen, wenn sie die Überführung von der Front ins Lager überlebten, bereits entkräftet in Moosburg an. Viele Gefangene schliefen auch im Winter in unbeheizten Baracken. Um nicht zu erfrieren, verfeuerten manche das Stroh aus ihren Schuhen. Selbst um schmutzige Brotkanten musste man sich prügeln, wollte man nicht verhungern.

Wie Martin Pschorr arbeitet auch der Leiter des Moosburger Heimatmuseums Bernhard Kerscher ehrenamtlich und bekommt von der Stadt nur eine geringe Aufwandsentschädigung. Der 81-jährige Rentner war von Beruf Elektriker. Ähnlich wie das Stalag-Museum informiert Moosburgs Heimatmuseum nicht nur über die Vor- und Frühgeschichte der Stadt, sondern auch über die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers. Herzstück des Museums bildet ein maßstabsgetreues Miniaturmodell des Lagers. Auch einzelne Gegenstände aus dem Stalag VII A, wie ein Holzschemel mit einem eingeritzten Hakenkreuz, haben es in die Ausstellung geschafft. Einzelne Fotografien, die verdächtig an jene Schmids erinnern, werden als Informationsmaterial ausgestellt.

Auf Nachfrage ist Kerscher sich nicht sicher, wer der Urheber der Fotografien ist. Eine Beschriftung gibt es nicht. Die Fotografien zeigen Gefangene beim Gottesdienst. "Im Lager durften sie die Fronleichnamsprozession mitmachen", sagt Kerscher. "Uns draußen war das verboten." In Wahrheit existierte die auf den Bildern abgebildete Idylle jedoch nicht. Freizeitaktivitäten, die dazu dienten, Aufständen vorzubeugen, kamen nur vereinzelt und in erster Linie westlichen Gefangenen zugute.

Die Mehrheit der sowjetischen Kriegsgefangenen, welche aus Sicht der NS-Ideologie als "slawische" oder "bolschewistische Untermenschen" galten, hatten im Lager keine großen Überlebenschancen. Bernhard Kerscher verspricht, sich über die Herkunft der Bilder zu erkundigen und dann telefonisch Auskunft zu geben. Eine Woche später erfolgt der Anruf: Wie die Fotografien ins Museum gelangt sind und von wem sie angefertigt wurden, konnte er nicht herausfinden. Eine Nachfrage bei Moosburgs Stadtarchivar Wilhelm Ellböck bringt Gewissheit. Ja, bei den Fotos im Heimatmuseum handele es sich wahrscheinlich um Abzüge der Fotografien Schmids. Trotzdem wurden die Fotos im Heimatmuseum unkommentiert ausgestellt.

Der Verein Stalag Moosburg e.V. rekonstruierte in mühevoller Recherchearbeit die Identität von rund 2000 Gefangenen, die in Moosburg starben und auf dem Lagerfriedhof beigesetzt wurden. Hinzu kommen etwa 300 weitere Opfer, deren Identität nicht rekonstruiert werden konnte, weil sie in Gemeinschaftsgräbern beigesetzt worden waren. Jedoch schließt die Zahl von 2300 nicht jene Opfer mit ein, die auf Arbeitseinsätzen erschossen, in Konzentrationslager deportiert wurden oder in Lazaretten außerhalb der Stadt ums Leben kamen. "Das Problem ist, dass die Häftlinge ab dem Moment nicht mehr als Insassen des Stalag geführt werden, in dem sie an die Gestapo übergeben werden. Sie fallen einfach aus der Statistik", sagt Ulrich Fritz von der Stiftung Bayerische Gedenkstätten.

Im zynischen Jargon der Wehrmacht galten Gefangene, die in Konzentrationslager deportiert wurden, als "entlassen". "Von den bis zu 15 000 sowjetischen Soldaten, die zeitweise im Lager untergebracht waren, befanden sich rund 80 Prozent auf Arbeitseinsätzen in der Region", erklärt Rolf Keller, Historiker und Experte für die Geschichte der sowjetischen Kriegsgefangenen im Deutschen Reich: "Die Zahl der im Gesamtkomplex Stalag VII A ums Leben gekommenen Kriegsgefangenen liegt daher um einiges höher als 2 300."

Alfred Gaspart berichtete in einem seiner Briefe aus dem Lager von Leichenverbrennungen. Muss die Zahl der im Lager zu Tode gekommenen auch deshalb massiv nach oben korrigiert werden? An die Verbrennung von Ermordeten im größeren Umfang glaubt Thomas Schlemmer vom Münchner Institut für Zeitgeschichte nicht. "Laut Genfer Konvention hatten Kriegsgefangene ein Recht auf Bestattung." Leichenverbrennungen könne er sich nur in Einzelfällen vorstellen, beispielsweise um Seuchen vorzubeugen, sagt Schlemmer.

Dass die Aufarbeitung der Lagergeschichte so schwierig vonstatten geht, könnte auch an Erzählungen liegen, die von jenen, die damals Kinder waren, bis heute weitergegeben werden und die bei einigen Moosburgern das Mitgefühl gegenüber den Häftlingen dämpfen. Nach der Befreiung des Lagers durch die US-Armee kam es in der Stadt zu Plünderungen durch ehemalige Inhaftierte. In seiner Stadtchronik berichtete der katholische Pfarrer Moosburgs über nächtliche Raubzüge von "Russen, Indern und Negern" durch Backstuben, Molkereien und Weinkeller. Gefangene, die jahrelang Hunger litten, machten sich auf die Suche nach Essbarem, wäre man reflexartig versucht zu sagen, wenn nicht auch Berichte über Vergewaltigungen existierten.

Dass es sich bei den Tätern meistens nicht um Befreite des Stalag handelte, sondern um amerikanische GIs, dürfte für das Ausmaß an Leid der Vergewaltigungsopfer unerheblich gewesen sein, gehört jedoch zu den Feinheiten, die zu berücksichtigen notwendig sind, um eventuellen Umdeutungsversuchen von Opfern zu Tätern zukünftig entgegentreten zu können. Stadtarchivar Wilhelm Ellböck verfügt über Belege, dass viele Befreite des Lagers den Plünderern, unter welchen sich nach Recherchen der Historikerin Maria Keller auch Einheimische befanden, unter Einsatz ihres Lebens entgegentraten.

Ein weiteres Ereignis könnte eine Rolle dabei spielen, dass die Aufarbeitung der Lagergeschichte jahrzehntelang als wenig vorrangig betrachtet wurde: denn wie auch andere Städte verfügt Moosburg über seinen eigenen Stauffenberg. Laut des 1941 vom Oberkommando der Wehrmacht (OKW) erlassenen "Kommissarbefehls" sollten unter den sowjetischen Kriegsgefangenen politische Funktionäre, Juden, "Intelligenzler" und unheilbar Kranke erschossen oder an die SS übergeben werden.

Nachdem Major Karl Meinel vom Wehrkreiskommando VII, zu welchem Moosburg gehörte, dem zunächst nachgekommen war, erreichte ihn die Nachricht von der Ermordung der von ihm ausgelieferten Gefangenen in Hebertshausen bei Dachau. Anschließend hielt er 120 von 474 ausgesonderten Kriegsgefangenen zurück und rettete ihnen somit das Leben - zunächst. Der Historiker Dominik Reither legt jedoch in einem 2018 erschienenen Buch über das Stalag Moosburg dar, wie Meinel und seine Mitverschworenen, als die Gestapo gegen sie Beschwerde einlegte und sich der Druck vonseiten der Parteileitung erhöhte, nach und nach einknickten und die meisten der zunächst zurückgehaltenen Häftlinge doch auslieferten.

Gleichwohl hält sich in der Moosburger Öffentlichkeit bis heute hartnäckig die Erzählung von der angeblichen Rettung "Tausender" durch das beherzte Einschreiten einiger selbstloser Wehrmachtsoffiziere. Auch warum Meinel nicht von Anfang an Häftlinge zurückhielt, da im Befehl des OKW eindeutig stand, die ausgesonderten Gefangenen seien "zu erledigen" und er somit hätte wissen müssen, was nach der Deportation mit ihnen geschah, gehört bis heute zu den ungeklärten Fragen der Lagergeschichte.

Diesen Dingen auf den Grund zu gehen, bedarf es jedoch nicht nur einer interessierten Zivilgesellschaft, sondern auch einer Stadt, die dies aktiv fördert. Finanziell setzt die Stadt zurzeit andere Prioritäten. So baut man derzeit ein neues Hallenbad, das in der Planung ursprünglich fünf Millionen Euro kosten sollte. Mittlerweile liegen die Kosten bei knapp elf Millionen, doch man hält weiterhin an der Realisierung des Prestigeprojektes fest.

Und doch, langsam tut sich etwas in Moosburg. Im Stadtteil Oberreit ruht ein gigantisches Kreuz an der Längsseite einer Grünfläche. Der Lärm der nahegelegenen Bundesstraße ist dort nur gedämpft zu hören. 1982 erwarb die Stadt das Gelände des ehemaligen Lagerfriedhofs. 2014 wurde der entweihte Gedenkstein für die polnischen Opfer des Lagers restauriert und in die Gedenkstätte integriert. In der Moosburger Neustadt weisen Infotafeln auf den Standort des Stalag hin. Karl Rausch vom Verein Stalag Moosburg e.V. unterbreitete im vergangenen Jahr einen Vorschlag, der ein weiterer wichtiger Meilenstein bei der Aufarbeitung der Lagergeschichte sein könnte: "die Enthüllung einer Gedenktafel mit den Namen sämtlicher im Lager zu Tode gekommener Häftlinge im Jahr 2020, dem fünfundsiebzigsten Jubiläum der Befreiung."

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SZ vom 22.06.2019/lfr
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