Süddeutsche Zeitung

Leben nach der Katastrophe:Drei Monate nach der Flut

Vor drei Monaten versank halb Bayern in den Fluten: Orte wurden evakuiert, Autobahnen gesperrt, Menschen dramatisch gerettet. Doch wie geht es den Anrainern heute? Welche Erinnerungen begleiten sie? Eine Reise entlang der Donau von Weltenburg bis Passau.

Von Wolfgang Wittl

Der Abt

Ein Vater lässt mit seinem Sohn Steine übers Wasser flutschen, Rentner schlendern von der Schiffsanlegestelle Richtung Kloster Weltenburg: "Und des sin' also de Hochwasserstrich', isch ja Wahnsinn", sagt eine Frau aus Schwaben, als sie die Markierungen an der Klostermauer sieht. Der Strich vom 4. Juni 2013 hat es immerhin auf Rang vier der ewigen Bestenliste gebracht. Im Benediktinerkloster herrscht geschäftiges Treiben, am Sonntag kommt der Bischof zum 100. Jahrestag der Wiedererhebung. Pforten und Fenster sind weit geöffnet, drei Monate zuvor waren sie komplett verrammelt.

Die sogenannten Dammbalkenverschlüsse, die seit Jahren in einer klösterlichen Scheune lagern, haben ihren Dienst genauso erfüllt wie das Zementgemisch, das zur Abdichtung in den Boden gepresst wurde. Ansonsten, sagt eine Bedienung, wäre das Hochwasser diesmal wohl ähnlich verheerend gewesen wie Pfingsten 1999. Die Donau, die damals die gesamte Klosteranlage überflutete, fließt 70 Meter weiter unten am Kiesstrand friedlich vor sich hin. "Unsere Schutzelemente haben ihre erste große Bewährungsprobe bestanden", sagt Abt Thomas Freihart: "Wir haben darauf vertraut, dass sie halten."

Die Anwohnerin

Halten sie wirklich? Oder nicht? Oder wie lange? Erst hieß es, der Scheitel der Donau käme um Mitternacht, dann in der Früh. Am Vormittag dachte sich Brigitta Glockner: "Gott sei Dank, die pumpen noch." Aber dann hat es die Anwohner der Werftstraße doch erwischt. Es war die einzige Stelle in Regensburg, an der die mobilen Schutzwände nicht ausreichten. Das Fernsehen berichtete live, der Ministerpräsident war da. Glockner, 70, hat von alldem nichts mitbekommen. Sie wischte und wischte, bis auch noch das Grundwasser kam und die Tochter sie stoppte. 30 Zentimeter stand das Wasser im Erdgeschoss, inzwischen haben sich die Wände einen Meter hoch vollgesaugt.

Vom örtlichen Stromversorger bekam Glockner einen 50-Euro-Gutschein. Die Trockengeräte hat sie trotzdem wieder abgeschaltet, die Rechnung stieg auf Hunderte Euro. In den Räumen stapeln sich Möbel, Fahrräder und Matratzen, an den welligen Wänden blättert Farbe ab. Richtig trocken wird es hier nie mehr sein, glaubt Brigitta Glockner, verlassen wird sie ihr Elternhaus jedoch nicht. Und überhaupt: "Wir dürfen nicht jammern. Wenn man die anderen anschaut, sind wir noch glimpflich davongekommen."

Der Campingplatz-Chef

Tja, der 5. Juni, sagt Georg Ganjon. Spontan fallen ihm dazu nur zwei Worte ein: "Sofort raus, sofort raus." Eine halbe Stunde vorher hatte Ganjon bei der Hotline des Katastrophenschutzes gefragt, ob er auf seinem Campingplatz noch Gäste aufnehmen dürfe. Antwort: Das Gstütt sei wohl nicht gefährdet. Bis die Einsatzkräfte plötzlich eine sofortige Evakuierung befahlen. Lautsprecherwagen fuhren durch die Straßen, ein paar hundert Menschen mussten die Straubinger Donauinsel verlassen, den Ganjons blieb nicht einmal Zeit, um Kleidung mitzunehmen.

Immerhin: Wegen des wochenlangen Dauerregens waren nur neun der 75 Stellplätze belegt, das Chaos blieb aus. Ein Gast verließ den städtischen Campingplatz mit ausgerollter Regenplane, zwei weitere nahm Ganjon in seinem eigenen Wagen mit. Er stellte Wasser, Gas und Strom ab, packte seinen Geldbeutel und quartierte sich mit seiner Frau in einer Pension im Nachbarort ein. Als er zwei Tage später zurückkehrte, konnte er die Lebensmittel wegwerfen. Ein "Beruhigungsbier", wie er sagt, fand sich allerdings noch. "Für mich stand die ganze Existenz auf dem Spiel, es ging um Hunderttausende Euro Schaden." Doch der Damm hat wider alle Befürchtungen gehalten.

Der Bauer

Was wurde nicht alles geredet über den Hof der Schreibers in Altholz. Der Vater soll sich etwas angetan haben, mindestens aber ins Bezirksklinikum eingeliefert worden sein. Und die Tiere hätten gerettet werden können, mit ein bisschen gutem Willen. "Lauter Gerüchte, an denen nichts dran ist", widerspricht Juniorchef Thomas Schreiber, 41. Was stimmt: Etwa 200 Bullen wurden rechtzeitig abtransportiert, 100 mussten von einem Jäger erschossen werden. Sonst wären sie qualvoll ertrunken. "Erlöst klingt schöner", findet Schreiber. Soldaten fischten die Tiere mit Handballnetzen aus den Fluten.

Auf der Koppel grasen jetzt drei Pferde, die verpachtete Metzgerei auf dem Hof hat vor zwei Wochen wieder den Betrieb aufgenommen. "Langsam kehrt der Alltag zurück." Bis zum Winter wollen die Schreibers 100 Rinder einstellen. Der Stall muss belegt werden, weil sonst die Wasserleitungen einfrieren. Auch bei den Pferden ist noch Platz, von den Mietern ist nur die Hälfte zurückgekehrt. Der Bauernverband und Freiwillige halfen, Felder vom Treibgut zu befreien. Das größte Problem ist die Futterknappheit. Der Mais der Schreibers ist abgesoffen, anderswo ist er verdorrt. Dass das Hochwasser von der Isarseite kommt, "das hat keiner geglaubt", sagt Schreiber. "Keiner."

Die Behörde

Wer mit Hochwasserfragen ins Deggendorfer Landratsamt kommt, wird sofort in den Großen Sitzungssaal geleitet. Insgesamt zehn Mitarbeiter sind mit nichts anderem beschäftigt, auch wenn sie eigentlich ganz anderen Abteilungen angehören. Meterweise Aktenordner reihen sich auf den Tischen, knapp 400 von erwarteten 1000 Anträgen sind bis jetzt eingegangen. "Hochwasser hat absoluten Vorrang", sagt die stellvertretende Geschäftsleiterin Irene Stern. Trotzdem bleiben Enttäuschungen nicht aus: Manche Antragsteller leiden darunter, weil ihnen die Zeit für so essentielle Entscheidungen fehlt, ob sie ihr Haus abreißen oder sanieren lassen sollen.

Andere bekommen keine Gutachter oder Baufirmen. Und dann gibt es jene Normalbürger, die mit ihren Anliegen zurückstecken müssen, weil der zuständige Mitarbeiter ins Hochwasserteam abgezogen wurde. Auch die Verwaltung ist längst an ihren Grenzen angelangt, die Belegschaft schiebt Hunderte Überstunden vor sich her. Sogar der Personalratsvorsitzende arbeitet mit, obwohl er normal freigestellt ist. Als zuletzt eine Magen-Darm-Grippe kursierte, herrschte absoluter Notstand. Sie verstehe trotzdem die Stimmung der Menschen, "wir versuchen, dass möglichst viele Bescheide rausgehen", sagt Stern. 18 Millionen Euro wurden bisher an Soforthilfen ausbezahlt. Der Gesamtschaden wird auf 500 Millionen Euro geschätzt.

Der Gärtner

Josef Alt ist kein Versicherungsfachmann, doch die Sprache beherrscht er perfekt. "Sicher haben Sie hohe Schäden erlitten, aber es tut uns leid." Alt hat so viele Antworten erhalten, er kennt sie bereits auswendig. Der Schaden in seiner Gärtnerei geht in die Hunderttausende, nur Geld von den Versicherungen habe er keines gesehen. Sein Elternhaus steht am höchsten Punkt in Fischerdorf, dennoch lief es mit Wasser voll, bis der Öltank aus der Verankerung riss. "Die Leute sagen, es stinkt nach Öl. Ich selber rieche es nicht mehr", sagt er, als er durchs Haus geht. Er vermutet, dass es abgerissen werden muss, wie 70 weitere in Fischerdorf. 400 Häuser werden noch untersucht. Auch der Tank der Gärtnerei wurde hochgeschwemmt, ein zehn Meter langer 32.000-Liter-Brocken, der beim Nachbarn landete.

Im Hof stehen defekte Maschinen und überflutete Gewächshäuser. Einen Tag hatte Alt, 46, Zeit zum Ausräumen. "Aber was räumen Sie an einem Tag in einer Gärtnerei aus?" Im Oktober will er mit einem neuen Konzept starten, mehr Handel, regionale Produkte mit guter Qualität, Nudeln, Eier, Marmeladen. Das Gemüse lässt er von Partnern aus der Umgebung anpflanzen, denn wer kauft schon in einer Gärtnerei, deren Boden mit Öl getränkt ist? Wenn Alt von all der Hilfe erzählt, die er erfahren hat, bekommt er feuchte Augen. Und doch ist die Zukunft des 102 Jahre alten Betriebes ungewiss. Erst im Februar habe er seine Versicherungen auf den neuesten Stand bringen lassen. "Jetzt", habe sein Agent ihm gesagt, "jetzt bist Du optimal versichert."

Der Schuhverkäufer

So viele Kartons? "Normal sieht man bei uns keinen einzigen Karton, nie", sagt Romildo Fossalto. Aber was ist schon normal in diesen Tagen. In Fossaltos Geschäft stapeln sich Kartons wie in einem Lager, vier Reihen, schulterhoch. Vor drei Monaten hat Fossalto, 32, es bundesweit in die Schlagzeilen geschafft. Er wurde bekannt als Schuhhändler aus Passau, der einst von der Donau in die Fußgängerzone umzog, weil er die ständigen Überschwemmungen leid war. Und dessen Geschäft trotzdem wieder überflutet wurde.

Fossalto war an jenem Wochenende unterwegs, als sein Bruder ihn anrief, man müsse den Laden schleunigst ausräumen. Er dachte erst an einen Witz. Am Ende stand das Geschäft 1,30 Meter unter Wasser. Nächste Woche soll der Estrich verlegt werden. Einstweilen hat Fossalto sich ein paar Meter weiter aufwärts in leer stehende Räume eingemietet. Plakate versprechen bis zu 80 Prozent Rabatt, das Geschäft läuft ordentlich. Die attraktive Fußgängerzone zu verlassen, komme nicht infrage. Nur eines werde er anders machen, sagt Fossalto: Die neue Einrichtung wird keine Stahlwand mehr sein, sondern mobil und flexibel.

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Quelle:
SZ vom 31.08.2013/ali
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