Süddeutsche Zeitung

Kriminalität:Erstochene Frau in Prien: 29-Jähriger gesteht die Tat

Von Christian Gschwendtner und Johan Osel, Prien

Bei der tödlichen Messerattacke auf eine Frau in Prien am Chiemsee kann ein religiöses Motiv des Täters inzwischen nicht mehr ausgeschlossen werden. Das 38-jährige Opfer, eine seit 2011 in Deutschland lebende Afghanin, war am Wochenende vor den Augen ihrer Kinder vor einem Supermarkt in der oberbayerischen Gemeinde mit einem langen Küchenmesser erstochen worden. Ein 29 Jahre alter Flüchtling, ebenfalls aus Afghanistan, hat die Tat bereits eingeräumt. Das Opfer war vor Jahren zum Christentum übergetreten und in Priens evangelischer Kirchengemeinde engagiert.

Wie die SZ aus Ermittlerkreisen erfuhr, "deuten sich mehrere starke Hinweise an", wonach der Religionswechsel der Frau zumindest eine Rolle für die Tat gespielt hat. Offiziell bestätigt ein Polizeisprecher: Zur Frage, ob der Afghane die Konvertitin aus Fanatismus angegriffen haben könnte, gebe es "intensive Nachforschungen, ein religiöses Motiv ist denkbar". Zugleich wird im Umfeld des Täters auch dessen psychische Labilität thematisiert - seit einem Abschiebe-Bescheid, gegen den er klagen wollte, sei eine Wesensveränderung und Frust zu erkennen gewesen. Inwiefern womöglich eine Mischung verschiedener Beweggründe zur Tat führte, blieb zunächst unklar.

Noch am Tatort war der Mann von einem zufällig anwesenden Polizeibeamten und Passanten überwältigt worden. In ersten Befragungen räumte er die Tat ein, machte jedoch keine Angaben zu seinem Motiv. Eine klassische Beziehungstat, etwa aus Eifersucht, scheidet nach Ansicht der Ermittler aus. "Der mutmaßliche Täter und die Frau kannten sich zwar", sagt der Sprecher des zuständigen Polizeipräsidiums Oberbayern-Süd in Rosenheim, Andreas Guske. Es sei nach bisherigen Ermittlungen aber eher eine Art flüchtige Bekanntschaft gewesen, "offenbar gab es gelegentliche Gespräche, jedoch wohl keine engere Bindung". Dass sich zwei ausländische Landsleute in einem 10 000-Einwohner-Ort kennen und sporadischen Kontakt hätten, sei "wenig verwunderlich".

Der 29-jährige Flüchtling lebte bereits seit drei Jahren in Prien, zuletzt in einer für Asylbewerber angemieteten Drei-Zimmer-Wohnung zusammen mit vier weiteren Männern. Bis Ende Oktober des vergangenen Jahres arbeitete er Vollzeit im Gemeindebauhof Rimsting, einem Nachbarort von Prien. Dort heißt es, der Mann sei ein zuverlässiger Arbeitskollege gewesen. Trotz eines lädierten Knies habe er mit angepackt. Bisweilen sei er aber als "sehr eigenwillig" aufgefallen. Weil es offenbar Verständigungsprobleme gab, hat die Gemeinde den Arbeitsvertrag zwischenzeitlich reduziert, er sollte die übrige Zeit für einen Deutschkurs nutzen. Rimstings Bürgermeister Josef Mayer beschreibt ihn ansonsten als "sehr religiös". Er habe bei der Arbeit immer seinen Gebetsteppich dabei gehabt und sich während des Ramadans strikt an die Fastenvorschriften gehalten.

Der Afghane befindet sich aktuell in einer Nervenklinik, dies wurde nach einer medizinischen Untersuchung richterlich angeordnet. Er ist laut Polizei bereits früher als "psychisch labil" aufgefallen. Die beiden fünf und elf Jahre alten Buben der in Scheidung lebenden Frau, die mit ansehen mussten, wie ihre Mutter erstochen wurde, sind bei Familien aus dem Asyl-Helferkreis untergebracht. Inwiefern die Kinder in Kontakt mit der Schwester des Opfers stehen, die aus Nordrhein-Westfalen angereist sein soll, ist nicht bekannt. Die Verwandte hatte bereits kurz nach der Tat laut Medienberichten den Verdacht geäußert, ihre Schwester "musste sterben, weil sie Christin wurde". Demnach habe sich die Frau bereits vor acht Jahren taufen lassen, auf einer Iran-Reise habe sie ein Priester vom Christentum überzeugt.

Die evangelische Kirchengemeinde in Prien steht unter Schock. "Das ist der Supergau, von dem wir gehofft haben, das er in Prien nicht passiert", sagt Pfarrer Karl-Friedrich Wackerbarth. Ihm zufolge half die 38-Jährige etwa auf dem Christkindlmarkt mit und kochte regelmäßig bei Kirchenfesten. Priens Bürgermeister Jürgen Seifert sagte über das Opfer: "Sie hatte lackierte Fingernägel, sie war der Inbegriff von Integration." Die Afghanin sei eine "lebensbejahende, positive Frau" gewesen. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie man einen Menschen offensichtlich deshalb umbringen kann." Wie man in der Kirchengemeinde hört, soll sie sich in der Vergangenheit auch manchmal Sorgen über ihren Wechsel der Religion und die Reaktionen darauf gemacht haben.

Wie die Polizei am Mittwoch mitteilte, liegt das Ergebnis der Obduktion vor: das Opfer erlitt multiple Stich- und Schnittverletzungen, die zum Tode führten. Die Ermittler durchleuchten gerade das Umfeld des Opfers und des Tatgeständigen. Probleme machten hier "Sprachbarrieren", Dolmetscher für verschiedene Herkunftssprachen seien nötig. "Übersetzungen mit vielleicht 70 Prozent Aussagegenauigkeit reichen für polizeilichen Ermittlungen nicht aus." Die Befragungen dauern wohl noch Tage.

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SZ vom 04.05.2017/mmo
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