Süddeutsche Zeitung

Kratzers Wortschatz:Der Geografieprofessor und der Woid

Ein Waidler hört es nicht gerne, wenn man ihn Woidler nennt. Er geht auch nicht in den Woid hinaus, sondern ins Hoiz ausse

Waidler

Im BR-Tagesgespräch (Radio Bayern 2) wurde kürzlich das Thema Nationalpark erörtert. Im Studio saß Hubert Job, Inhaber des Lehrstuhls für Geografie und Regionalforschung an der Uni Würzburg. Aus sprachlicher Sicht hatte er das Pech, am Hörertelefon einem meinungsstarken Anrufer aus dem Bayerischen Wald zu begegnen. Beim Versuch, den Gesprächspartner mit waidlerischer Idiomatik zu beeindrucken, geriet er auf Abwege. Job erklärte dem Bayerwäldler, "dass wir in einer urbanen Gesellschaft leben", und das sei was anderes als für ihn "als Woidler", wobei er das oi auch noch dehnte. Der Anrufer wies ihn trocken darauf hin, das heiße Waidler, "ned irgendwie Woidler!" Tatsächlich werden die Bewohner des Bayerischen Walds seit jeher Waidler (Wäldler) genannt, mag es auch im Volkslied heißen: "Mir san vom Woid dahoam, . . . da Woid is schee!" Der Waidler würde aber nie den Woid aufsuchen, er geht stets ins Hoiz ausse.

Roheij

Dass die Uhren bei den Waidlern anders ticken, hat sich soeben an einer Tankstelle im Landkreis Regen bestätigt. Ein Landwirt tankte ein 200-Liter-Fassl voll und meldete dann an der Kasse: "200 Liter Roheij hob i!" Traditionell vermied er das Wort Diesel, in dieser Gegend heißt dieser Kraftstoff Roheij (Rohöl). Dieses Beharren weist zurück in eine Zeit, in der die Herstellung von Dieselkraftstoff bei der Rohöldestillation technisch einfach war. Der dabei anfallende Siedeschnitt wurde als Diesel vermarktet, die aufwendig hergestellten High-Tech-Kraftstoffe von heute waren noch eine Utopie. Ob Diesel oder Rohöl - das machte früher sprachlich keinen Unterschied.

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SZ vom 10.08.2016
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