Süddeutsche Zeitung

Grenzgebiet:Erst die Flüchtlinge - jetzt die große Leere

Im Herbst stand das bayerisch-österreichische Grenzgebiet im Fokus der Weltöffentlichkeit. Inzwischen kommen hier keine Flüchtlinge mehr an - aber sie haben ihre Spuren hinterlassen.

Im Herbst war die bayerische Provinz plötzlich weltbekannt. Auf einmal kamen die Bilder des Flüchtlingselends nicht mehr aus Lampedusa oder Melilla, sondern aus Rosenheim, Freilassing, Wegscheid. Flüchtlinge, die in langen Reihen Landstraßen entlangtrotten; wartende Menschen in Zelten oder Sporthallen; Männer, Frauen und Kinder, die, in Decken gehüllt, in der Nacht auf einer Wiese kampieren. Es waren unerfreuliche fünfzehn Minuten Ruhm für das bayerisch-österreichische Grenzgebiet. Ein halbes Jahr später kommen die Fotos wieder aus dem Süden Europas. In Deutschland werden Asylanträge abgearbeitet, es geht nun um die Frage, welche Asylbewerber bleiben dürfen und wie man sie integriert. Und das Grenzgebiet? Flüchtlinge sind hier kaum mehr zu sehen, aber irgendwie sind sie doch noch da - als Phantome.

Rosenheim

Auf dem Rosenheimer Bahnhofsvorplatz steht noch das Zelt- und Containerdorf, das die Polizei im Herbst aufgebaut hat. Aber die Bierbänke und -tische darin wurden seit Wochen nicht genutzt. In der Sporthalle der Bundespolizei, in der sich im Sommer zeitweise mehr als 200 Menschen drängten, stehen nun bunte Feldbetten in Stapeln herum oder lehnen hochkant an der Wand. In einer kleineren Halle sitzen drei junge Schwarze schweigend auf Feldbetten, auf zwei weiteren Betten zeichnen sich unter Filzdecken die Silhouetten Schlafender ab. Es sind die einzigen Neuankömmlinge, die man auf dieser Reise sieht.

Dafür begegnet man am Bahnhof und in den Hallen und Containern der Polizei insgesamt mehreren Dutzend Uniformierten. Ein paar arbeiten am Computer; viele stehen mit den Händen in den Hosentaschen herum, sitzen auf Bierbänken, tratschen, trinken Kaffee, genießen die ersten Strahlen der Frühlingssonne und warten auf schlechtere Zeiten. Offen sagen sie nicht, dass sie nichts zu tun zu haben. Dabei kann man den Polizisten die Ruhe schon gönnen, haben sie doch letztes Jahr Hunderttausende Überstunden angesammelt. Bis heute helfen Polizisten aus ganz Deutschland an der Grenze aus. "Wir kommen alle von der Küste", sagt einer der Beamten am Bahnhof.

Trotz der Leere habe es keinen Sinn, alles jetzt abzubauen, sagt Polizeisprecherin Yvonne Oppermann. In Rosenheim laufen die Balkan- und die Brennerroute zusammen - jederzeit könnte es hier, weil irgendwo in Europa eine Grenze auf- oder zumacht, von Neuem losgehen. "Wir kriegen aus Österreich keine Vorwarnungen mehr", sagt Oppermanns Kollege. "Wir müssen auf alles gefasst sein."

Freilassing

Seit der Einführung der Grenzkontrollen werden in der Halle der Inspektion wieder Autos repariert. Die Schleierfahnder unterstützen zusätzlich zur gewohnten Arbeit die Bundespolizei, indem sie ihr unbegleitete minderjährige Flüchtlinge abnehmen. Statt 15 bis 20 Beamte wie früher sind heute pro Tag etwa 35 im Einsatz; im Sommer waren es bis zu 60. Die Feldbetten seien eingelagert, sagt Gschwend. Brauche man Verpflegung, reiche ein Anruf bei den Hilfsorganisationen. Seit einiger Zeit greifen die Schleierfahnder wieder Flüchtlinge auf. Fünf bis zehn pro Woche derzeit, sagt Gschwend - Tendenz leicht steigend.

Für Jörg Gschwend ging die Sache mit den Flüchtlingen nicht erst im Sommer oder Herbst los. Schon vor einem Jahr bekamen die Schleierfahnder in Piding die ersten Anrufe: Gruppen von Flüchtlingen irrten in der Nähe von Autobahnabfahrten durchs Hinterland. Von Woche zu Woche, sagt Gschwend, wurden es mehr Anrufe, irgendwann waren es zwanzig pro Tag. Die Schleierfahnder hatten kaum noch Zeit für den Kampf gegen Waffen- und Drogenschmuggel - sie mussten Flüchtlinge abholen, registrieren, verpflegen, zur Erstaufnahmestelle fahren. In der Fahrzeughalle der Inspektion, zwischen Hebebühne und Reifenstapeln, wurden Feldbetten aufgebaut. "Einmal waren an einem Tag über 400 Leute hier", sagt Gschwend und zeigt Fotos von Menschen, die auf dem Boden eines Büros schlafen, halb unter dem Schreibtisch.

Piding

Es ist ein warmer Tag, Menschen in T-Shirts schlecken das erste Eis des Jahres, die Fußgängerzone im Zentrum Freilassings wirkt belebt - aber nicht so belebt, wie sie sein sollte, finden die Verkäufer in vielen Geschäften hier. Traditionell komme etwa die Hälfte der Kunden aus Österreich, sagen die meisten; nach der Einführung der Grenzkontrollen sei das Geschäft daher stark eingebrochen, auch jetzt spüre man die Kontrollen noch, obwohl die Staus inzwischen kürzer seien.

Die Grenze, das ist hier die Saalach. In der Mitte der Brücke steht ein würfelförmiger Container, daneben ein Kastenwagen der Bundespolizei, davor Beamte in gelben Warnwesten. Die Autos fahren auf einer Spur im Schritttempo vorbei, ab und zu wird eines herausgewunken. In der Nähe hat das Wirtschaftsforum Freilassing im März eine Webcam installiert, nun kann man sich die aktuelle Verkehrssituation jederzeit im Internet ansehen.

Keine zehn Minuten zu Fuß entfernt, die Saalach entlang, liegt das Gasthaus Zollhäusl. Trotz Sommerwetters sind im Biergarten nur fünf der etwa 40 Tische besetzt. In der holzgetäfelten Wirtsstube, in der neben der Lokalzeitung auch die Salzburger Nachrichten ausliegen, sieht es nicht viel besser aus. "Normalerweise wäre der Garten jetzt voll", sagt die Kellnerin. Wirklich schlimm sei es aber in der Mittagspause: "Die Büroleute aus Salzburg trauen sich für die eine Stunde nicht mehr rüber."

Laufen

50 Euro hätte Kaloyan M. bekommen sollen, 150 Euro Detelin C. Stattdessen bekamen sie sechseinhalb Monate U-Haft. Die Bulgaren hatten versucht, sechs Syrer nach Deutschland zu bringen - ausgerechnet in der zweiten Nacht der Grenzkontrollen. Jetzt sitzen sie als Angeklagte in einem hellen, viel zu großen Saal am Amtsgericht Laufen. Die Richter hier haben Routine mit solchen Prozessen. Im Herbst wurden Schlepper im Akkord verurteilt, oft mehrere pro Stunde. Inzwischen wurden zwei neue Erwachsenenstrafrichter eingestellt , sagt Gerichtssprecher Thomas Putschbach - eine Verdoppelung. Im Spätsommer hat das Gericht 101 Schleuserverfahren hereinbekommen, in den letzten Wochen 28. Die Polizei erwischt also immer noch Schlepper, laut Putschbach tendenziell leichtere Fälle als im Sommer - ein, zwei Menschen auf der Pkw-Rückbank, nicht 30 im Laderaum eines Transporters. Auch bei Kaloyan M. und Detelin C. hatte jeder einen Sitzplatz; und die Angeklagten haben Reue gezeigt. Die Richterin verurteilt sie zu je einem Jahr Gefängnis, wegen der langen U-Haft aber auf Bewährung.

Wegscheid

Ein Bächlein quert eine Landstraße inmitten von grünen Hügeln: Das ist die Grenze zwischen Wegscheid, Bayern, 5500 Einwohner, und Kollerschlag, Österreich, 1500 Einwohner. Im Oktober luden die Österreicher hier Hunderte Flüchtlinge ab. Sie kampierten auf einer Wiese; eines Nachts durchbrachen viele die Polizeiketten und wanderten auf eigene Faust nach Deutschland. "Ausnahmezustand hoch drei", sagt Lothar Venus, der Zweite Bürgermeister von Wegscheid, ein runder Mann mit schwarzen Locken, der damals zum Flüchtlingskoordinator wurde. Es habe gestunken "wie bei einem Brand in einem Reifenlager", weil die Menschen neben Holz aus dem nahen Wald auch Rettungsdecken verheizt hätten, um sich zu wärmen.

Heute ist die Wiese mit Holzschnitzeln bedeckt, ein paar Meter weiter bewachen Polizisten die Grenze. "Plötzlich muss man immer seinen Ausweis dabei haben", sagt Venus. Die Region hier sei über Jahrzehnte zusammengewachsen, das habe es nun innerhalb weniger Monate "zammghaut". Vor allem eines aber habe sich geändert für Wegscheid: "Früher haben wir uns für die Insel der Seligen gehalten, die Weltpolitik war irgendwo anders. Jetzt wissen wir, wie schnell man mittendrin sein kann."

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SZ vom 09.04.2016/infu
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