Süddeutsche Zeitung

Niederbayern:Omas Dorfladen ist jetzt ein Unverpackt-Markt

In einer Gegend in Niederbayern, wo kleine Supermärkte reihenweise schließen, wagt eine junge Unternehmerin ein Experiment - und hat Erfolg. Nun kommt selbst ein 94-Jähriger mit Tupperbox zu ihr.

Rechts neben der Wurst- und Käsetheke gibt es eine Schublade, sie nennen sie die "geheime" Schublade. Darin befinden sich Vanillezucker, bunte Streusel und Puddingpulver, alles einzeln in Plastik verpackt. Nicht weiter ungewöhnlich - in einem normalen Supermarkt. Doch im Nahkauf in Sandharlanden, einem Ortsteil von Abensberg, sind die kleinen Plastiktütchen seit kurzem die große Ausnahme. Kunden bekommen die Produkte aus der Schublade nur noch auf Nachfrage.

73 Jahre stand Rita Forstner, 86, hinter dem Tresen des "Boder". Seit etwa sechs Monaten gehört der Laden nun ihrer Enkelin - und Luisa Brummer, 23, hat den Laden der Oma ganz schön umgekrempelt: Aus dem "Boder" ist die "Boderei" geworden und die früher hellblaue Theke ist heute lindgrün. Die wohl größte Veränderung ist allerdings, dass die meisten Produkte ohne Verpackung verkauft werden. Außerdem sind die Lebensmittel größtenteils bio und überwiegend regional, wann immer es möglich ist, sogar beides.

Dass es trotzdem noch Backpulver, Zwieback und Milchreis aus der Tüte gibt, ist eine bewusste Entscheidung von Luisa Brummer. "Wir wollen unsere älteren Kunden nicht überfordern", sagt sie. Die Boderei sei für viele ältere Sandharlandener die einzige Möglichkeit noch selbst einzukaufen. Sie wolle daher nicht allzu streng sein und habe auch Produkte im Sortiment gelassen, die eigentlich nicht in das auf Nachhaltigkeit basierende Konzept passen. "Wir machen den Spagat gerne", sagt Brummer, die ihre blonden Haaren als Dreadlocks trägt.

Die junge Frau hat schon viel von der Welt gesehen. Gerade deshalb aber hat sich die gelernte Gestalterin für visuelles Marketing bewusst dafür entschieden, nach Hause zurück zu kommen - und zu bleiben. "Meine Wurzeln san hier", sagt Brummer. Sie habe den Laden von der Oma schon als kleines Kind geliebt. Im beschaulichen Sandharlanden zu leben, wo die Zeit manchmal stehen geblieben zu sein scheint, und doch mit der Zeit zu gehen, das ist für sie kein Widerspruch.

Auf dem Land fällt Luisa Brummer mit ihrer Frisur und ihren Ideen auf. Dass sie die Luisa von der Boderei ist, das habe sich längst rumgesprochen - bis ins etwa zwölf Kilometer entfernte Kelheim, sagt Brummer. Von soweit kommen die Kunden, um in ihrem verpackungsfreien Supermarkt einzukaufen. Sogar Oma Rita ist begeistert davon, wie viel mehr Kunden der Laden seit Neuestem anlockt. Anders als in so vielen anderen bayerischen Dörfern, in denen die kleinen Supermärkte reihenweise schließen müssen, weil sich der Laden finanziell nicht mehr lohnt, läuft in Sandharlanden seit ein paar Monaten das Geschäft richtig gut.

Neben Jungunternehmerin Luisa Brummer ist meistens auch Mama Bärbel Brummer, 54, im Laden und hilft ihrer Tochter. Oma Rita steht zwar nicht mehr hinterm Tresen, kümmert sich aber darum, dass Mittags das Essen für die Familie auf dem Tisch steht. Ihre Küche grenzt direkt an den Laden an, die ganze Familie wohnt im selben Haus; im Flur steht der Ofen, in dem die Brezen, die Luisa Brummer in der Boderei verkauft, aufgebacken werden.

Seit der Eröffnung im vergangenen September habe sie die Auswahl an unverpackten Lebensmitteln bereits verdreifacht, sagt Brummer. Sie sei selbst überrascht, wie gut die Kunden das neue Konzept annehmen. Viele, die anfangs ein wenig skeptisch gewesen seien, würden längst ihre eigenen Behälter zum Abfüllen der Lebensmittel mitbringen. "I hob heid a mei Bixn dabei", habe sogar ihr ältester Kunde, ein 94-Jähriger, neulich stolz mitgeteilt. In das von daheim mitgebrachte Einmachglas oder die Tupperbox kommen dann selbstgemachte Nudeln mit Eiern von Hennen aus der Umgebung, Käse und Wurst aus der Region oder auch sogenannter bayerischer Reis, eine Mischung aus verschiedenen Urgetreidesorten wie Emmer, Einkorn und Urdinkel.

Falls jemand sein Glas daheim vergessen hat, ist es auch nicht weiter tragisch, denn Familie und Freunde haben bereits Monate vor der Eröffnung damit begonnen, Essiggurken- und Marmeladengläser zu sammeln und auszuspülen. Oma Rita hat sich damals noch gewundert, was die jungen Leute mit den ganzen Gläsern vorhaben. Aber eigentlich sei es ja wie früher, da habe sie den Zucker und das Mehl für ihre Kunden auch noch abgefüllt, sagt sie.

Neben den vielen haltbaren Lebensmitteln gibt es frisches Obst und Gemüse, sowie Zeitungen, Schulhefte, handgemachte Seifen, Menstruationstassen und Butterbrotboxen aus Bambus in der Boderei. In der Getränkeabteilung finden sich Biere und Säfte aus der Region. Wer den Kasten Wasser mit dem Rollator nicht mehr nach Hause bringe, dem fahre sie die Getränke schon mal schnell bis vor die Haustür, sagt Luisa Brummer. Und sollte es mal passieren, dass jemand die Milch oder den Kaffee vergisst, dürfe er auch nach Ladenschluss noch klingeln - daheim sei ja eigentlich immer jemand.

Brummer ist es wichtig, dass ihre Kunden sich in der Boderei wohlfühlen. Statt nur schnell einzukaufen, sollen sich die Menschen Zeit nehmen können. In einer Ecke gibt es deshalb ein paar Sitzgelegenheiten, dort gibt es auch die Möglichkeit in Ruhe einen Kaffee zu trinken. Kinder können sich in der Spielecke vergnügen während die Eltern die Milch in den Einkaufskorb packen. Die Einkaufskörbe sind in der Boderei bunt und werden aus Plastikmüll hergestellt. Brummer sammelt dafür den Plastikabfall, der sich immer noch nicht ganz vermeiden lässt. Den bringt sie regelmäßig zur Weiterverarbeitung zu einer Frau im Nachbardorf, die aus den Plastikresten die Körbe häkelt. Recycling und Upcycling lautet die Devise.

Weil das Einkaufen ohne Verpackungen für die meisten noch ungewohnt ist, will Brummer in Zukunft Führungen durch die Boderei anbieten. Die Idee sei ihr gekommen, als eine Mutter-Kind-Gruppe darum gebeten hatte, sagt Brummer. Ihr ist der persönliche Kontakt zu ihren Kunden wichtig, deshalb steht sie auch fast immer selbst hinter der Theke. Jeder, der in den Laden komme, werde nach seinem Namen gefragt, alle werden geduzt, sagt sie. "I kenn meine Leid", sagt Brummer. Nach sechs Monaten weiß Brummer deshalb, wer seinen Kaffee ohne Milch trinkt und wer am Wochenende wie viele Semmeln fürs Frühstück braucht. Vorbestellen kann man diese sogar per Whatsappnachricht.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4334727
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 19.02.2019/kaal
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.