Süddeutsche Zeitung

Flüchtlinge in Bayern:Willkommen in der Kälte

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In Bayern fehlt es an Schlafplätzen und Betreuung für Flüchtlinge. Im Kreis Dachau sind 30 Afrikaner in einer ausgedienten Tennishalle untergebracht. Nachts kriecht die Kälte durch die unverputzte Wand, ständig fällt der Strom aus. Was sich die Menschen hier wünschen? Türen zum Zumachen. Und, dass das Brummen der Lüftung aufhört.

Von Heiner Effern

Joseph sitzt an einem runden Holztisch in der Tennishalle. Hinter ihm, direkt an der Grundlinie, zieht sich ein Baustellenzaun quer über die beiden Plätze. Hier verläuft die Grenze: Auf den in rosa und lila gefärbten Plätzen stehen Reserve-Schränke. Auf dem schmalen Streifen zwischen Zaun und Rückwand wohnen Joseph und knapp 30 weitere Flüchtlinge.

Der 29 Jahre alte Mann aus Nigeria, der wie keiner hier seinen echten Namen nennen will, deutet auf die Rückwand der Halle. "Schauen Sie, wie wir leben", sagt er. Bett an Bett steht dort, dazwischen als Abtrennung maximal ein dünner Metallspind. Sogar am Bauzaun entlang stehen welche. "Wir haben nur einen Wunsch: eine bessere Unterkunft. Eine mit Zimmern", sagt der Asylbewerber.

Das könne er, sagt Thomas Stanschus, schon nachvollziehen. Der Mann mit Brille und sauber gezogenem Scheitel ist im Landratsamt Dachau für die Asylbewerber zuständig. Das heißt in erster Linie: Er ist verzweifelt auf der Suche nach Unterkünften. Stanschus sitzt an diesem Oktobertag im Tennis-Stüberl der Halle in Markt Indersdorf an einem Tisch, vor sich ein paar dünne Akten. Er wartet auf weitere sieben Neuzugänge, dann sind alle Betten in der Tennishalle belegt.

"Die Welle rollt", sagt er. "Und es sieht bitterschlecht aus." So schlecht, dass der Landkreis eine Tennishalle gemietet hat, in der keiner mehr Tennis spielen wollte. Bis zu 30 Männer wohnen hier. "Ein logistischer Albtraum. Die Unterkunft würden wir am liebsten so schnell wie möglich wieder auflösen", sagt Stanschus. Doch der Mietvertrag läuft bis Sommer 2014.

Durchgeplanter Albtraum

Der Albtraum ist genau durchgeplant. Zwischen Bauzaun und Hallenwand wurde ein schlichter Fußboden verlegt. "Der hat 10.000 Euro gekostet, mehr Fläche war nicht drin", sagt Stanschus. Der Bauzaun dient mangels Alternative als Wäscheständer, Handtücher hängen zum Trocknen darüber, Jacken, Hosen. Sportschuhe lehnen am Metall, das im ohnehin schon schmalen Auslauf des Tennisfeldes noch weiter Platz frisst: An der Hallenwand ist der Bauzaun weitläufig um ein dickes Rohr aufgebaut. Das bläst Luft in den riesigen Raum, um die Männer nicht frieren zu lassen. Tag und Nacht. Niemand hier weiß, ob und wie das Brummen abzustellen ist.

Der Asyl-Beauftragte Stanschus meint bei einer kurzen Hallenvisite im Polo-Shirt, dass die Temperaturen ja recht manierlich seien. Doch auf vielen Betten liegen neben den Decken noch Schlafsäcke. John, der auch am runden Tisch sitzt, deutet auf die unverputzte Rückwand der Halle. Nachts, sagt er, würde die Kälte durch die Ritzen kriechen. "Es ist viel zu kalt hier", stimmt Joseph zu. Das spüre man besonders, weil man ohnehin oft wach liege. Ständig gehe das Licht an, irgendeiner der Männer müsse immer raus. Und wenn man morgens einschlafe, beginne irgendwo einer laut schreiend zu beten, sagt John. Wenigstens wird dann das Brummen der Lüftung übertönt. Die mache nicht einmal Pause, wenn der Strom ausfällt, sagen die Männer, die alle aus Afrika kommen.

Stanschus, der nun "auch noch Heimleiter spielen soll", was man ja in der Verwaltungsausbildung nun wirklich nicht lerne, kennt das Problem mit der Elektrik. Die Ausfälle würden aber weniger, die Handwerker würden Fortschritte machen, sagt er. Anfangs habe die Heizungsanlage ständig Kurzschlüsse verursacht. Die Elektrik sei halt für einen solchen Betrieb nicht ausgelegt. John sagt, dass der Hausmeister spätestens nach 30 Minuten da sei, um den Strom wieder einzuschalten. Schlimmer sei aber, dass ja nicht nur die Elektrik überfordert sei. "Die Küche ist nur für eine Familie gemacht. Da hat es schon Kämpfe gegeben." Das Landratsamt hat einen zweiten Herd und eine Doppelkochplatte reingestellt. Draußen im Aufenthaltsraum steht ein zusätzlicher Kühlschrank.

"Vom Paradies in die Wüste"

Einer der Flüchtlinge kniet davor, und putzt ihn wie besessen. Als ob er sein Leben in der Tennishalle beseitigen könnte. Reden will er nicht. Neben ihm läuft CNN im Fernsehen, ohne Zuschauer. Über der Bar hängen ein paar gelbe Luftballons mit Smileys, vom letzten Tennis-Fasching vielleicht. An den Wänden sind noch adventlich geschmückte Kerzen angebracht. Neben Stanschus und einer jungen Mitarbeiterin sitzen die Freiwilligen vom Helferkreis. Sie bieten Deutschkurse an, organisieren warme Kleidung und Decken.

"Sie unterstützen uns gut", sagte Joseph drinnen in der Halle. Doch all der gute Wille kann nicht helfen, Joseph ist immer noch fassungslos, wenn er in der Tennishalle sitzt. Denn er hat gesehen, dass der Kreis Dachau auch andere Unterkünfte hat als eine Tennishalle im Stil der 1980er Jahre. Im nahen Hebertshausen hat er bis vor wenigen Wochen in einem ehemaligen Altenheim gewohnt. Doch das war chronisch überbelegt, Joseph musste umziehen. "Vom Paradies in die Wüste", sagt er.

Am frühen Nachmittag dringt aus der Halle ein Klirren, Hammerschläge auf Metall. Die ersten vier der sieben Neuen sind kurz nach Mittag gekommen. Sie müssen selbst schauen, wie sie zurechtkommen, ein paar der Arrivierten helfen ihnen beim Zusammenbauen der Metallbetten. Schwieriger wird schon die Suche nach einem freien Platz dafür, denn der Gang in der Mitte muss frei bleiben. "Fluchtwege", hatte Landratsamt-Mitarbeiter Stanschus am Morgen dazu gesagt. Ein junger Mann aus Mali reißt seine eingeschweißte Matratze auf, dann sucht er eine Decke aus dem Haufen. "Microfaser Sommer Steppbett" steht darauf.

Stanschus ist da schon weg, er wird die Neuen erst in der Woche darauf kennenlernen. Er hatte sie schriftlich für zehn Uhr bestellt. Als sie um 11.30 Uhr noch nicht da sind, weil sie die Halle nicht gefunden haben, packt er die Akten zusammen und verabschiedet sich mit seiner jungen Mitarbeiterin. Die Überstunden, sagt er. "Ich könnte bis Mitternacht hier sitzen, es gibt immer noch ein Problem zu lösen." Die beiden gehen vorbei am Tresen, dort hat jemand ein Plakat aufgehängt. "Heimat - Wurzeln für die Zukunft" steht darauf.

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Quelle:
SZ vom 24.10.2013/afis
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