Süddeutsche Zeitung

Ex-Mitarbeiter erzählen:Das Leben nach der Quelle-Insolvenz

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Die Sekretärin vom Plakat, der Betriebsratschef, Frau Quelle von Schnaittach: Acht Ex-Quellianer berichten, wie sie sich ein Jahr nach der Pleite des Versandhandels zurechtfinden.

Roman Deininger

Der Anfang vom Ende liegt nun ein Jahr zurück: Am 9. Juni 2009 meldete das legendäre fränkische Versandhaus Quelle Insolvenz an. Als gut vier Monate später das endgültige Aus bekannt wurde, da sprachen die Menschen in Nürnberg und Fürth nicht von einer Pleite. Sie sprachen von einem Erdbeben oder einem Tsunami. Mehr als 4000 Menschen verloren in der Region Nürnberg-Fürth ihre Arbeit.

Heute sagt der Fürther Oberbürgermeister Thomas Jung (SPD): "Die Katastrophe ist ausgeblieben." Und sein Nürnberger Kollege Ulrich Maly bekundet: "Ich werde von Woche zu Woche optimistischer." Knapp 1300 ehemalige Quelle-Mitarbeiter sind laut neuer Statistik noch ohne Job - weit weniger als die Arbeitsagentur befürchtet hatte. Doch diese Zahl verrät nicht die ganze Wahrheit: dass 500 Menschen gerade mit ungewissem Erfolg Fortbildungen machen, dass niemand genau weiß, was aus den Beschäftigten der Quelle-Zulieferer geworden ist. Und dass der Neustart den Hochqualifizierten viel leichter fällt als jenen, die im Bauch des Versandzentrums Päckchen schnürten. Hier erzählen ehemalige Quellianer von ihrem Leben nach der Quelle.

Der Kühlschrank-Fotograf

Entgegen der landläufigen Annahme ist es nicht leicht, einen Kühlschrank zu fotografieren. Kühlschränke sind üblicherweise weiß, weshalb sie auf Werbebildern möglichst nicht grau wirken sollten, wozu es wiederum ausgeklügelter Beleuchtung bedarf.

Sagt Robert Söllner, der es wissen muss, weil er sechs Jahre lang der Kühlschrank-Fotograf für den Quelle-Katalog war. 8000 Euro Honorar schulden ihm die Insolvenzverwalter noch, und Söllner sagt: "Wenn ich Glück habe, kriege ich fünfzig." Der 45-Jährige hätte weiter Kühlschrank-Bilder machen können für den Otto-Versand, aber er ist Vater geworden, er wollte nicht nach Hamburg. Also hat er im April ein kleines Atelier in Fürth eröffnet, direkt neben einem alten Quelle-Gebäude. "Ich habe darauf spekuliert, dass die Kollegen Bewerbungsfotos brauchen", sagt Söllner. Der erste Kunde war dann kein Kollege, sondern der Fürther OB Thomas Jung, eine kleine Solidaritätsaktion. Söllner hat Jung prächtig ausgeleuchtet.

Die Frau Quelle von Schnaittach

Margarete Gruber stand schon hinter dem Tresen ihres kleinen "Quelle-Shops", als niemand auf die Idee gekommen wäre, einen Laden einen Shop zu nennen. 30 Jahre lang verkaufte sie alles, von der Unterhose bis zur Waschmaschine, und selten ging so ein Handel ohne Plauderei mit dem Unterhosen- bzw. Waschmaschineninteressenten über die Bühne.

In Schnaittach, 15 Autominuten östlich von Nürnberg, nannten die Menschen Frau Gruber Frau Quelle. Inzwischen steht der kleine Laden mit den blauen Bändern am Fenster schon ein halbes Jahr leer. Margarete Gruber sagt: "Ich könnte heulen, wenn ich an meine Kunden denke." Zum Abschied hat sie ihnen ein Glas Sekt serviert. Sie ist 54, sie wollte nicht mit aller Kraft versuchen, für einen anderen Versandhandel weiterzumachen. 30 Jahre lang hat sie viele Abende und Sonntage im Laden verbracht. "Irgendwann", findet sie, "darf es auch mal ruhiger zugehen." Sie hat jetzt einen Teilzeitjob als Verkäuferin und endlich mehr Muße für den Garten und das Kochen. Aber ihre früheren Kunden, die ihr im Supermarkt begegnen, rufen sie immer noch Frau Quelle.

Der Sachbearbeiter

Was Matthias Wolf (Name geändert) da hingelegt hat in den vergangenen 30Jahren, das nannten sie eine "Quelle-Karriere". Als Hausbote hat er angefangen und sich dann ohne Ausbildung hochgedient zum gut bezahlten Sachbearbeiter. "Ich war da schon stolz darauf", sagt Wolf. "Aber jetzt fange ich wieder bei null an." Auf dem Arbeitsmarkt gilt er als ungelernter Arbeiter, und unflexibel noch dazu. Er ist über 50, er hat Familie und bei Nürnberg eine Wohnung gekauft. Wolf sagt: "Ich kann hier doch nicht einfach weg." Er hat 80 Bewerbungen geschrieben und nur Absagen bekommen. Das Einzige, was ihm angeboten wird, sind Zeitarbeitsjobs für sechs Euro fünfzig die Stunde. Er, ein schlecht bezahlter Zeitarbeiter: "An diese Vorstellung muss ich mich erst gewöhnen."

Der letzte Pressesprecher der Quelle

Es war für Manfred Gawlas mehr als ein Job. Er muss das gar nicht groß erklären, es reicht, ihn einen einzigen Satz sagen zu hören: "Ich war der letzte Pressesprecher des Versandhauses Quelle." 82Jahre Geschichte, ausgelöscht über Nacht. Gawlas, 47, war die Stimme der Quelle bis zu ihrem Untergang, und noch ein bisschen länger. Am 28. Februar hat er seinen Schreibtisch geräumt, da war er schon fast allein. Er hat viel Gitarre gespielt seither, er war ein wenig eingerostet. Am 1. August tritt er nun eine neue Stelle im PR-Bereich an, den Abstand hat er gebraucht. Quelle sei wie eine Familie gewesen, sagt Gawlas, und dass die Mitarbeiter dieses Ende nicht verdient hätten: das Versagen der Eigentümer und Gesellschafter, die Rücksichtslosigkeit der Insolvenzverwalter und Banken. "Das war entwürdigend." Es herrschte Chaos, und in dem Chaos hat Gawlas noch hunderte Erinnerungsstücke vor den Rollkommandos gerettet: alte Kataloge und Waren, Trockenhauben aus den 50ern etwa. Die Quelle wird weiterleben im Nürnberger Museum für Industriekultur. Das war der letzte Dienst, den ihr der letzte Pressesprecher erwiesen hat.

Die Sekretärin vom Plakat

Es ist jetzt fast acht Monate her, aber Sabine Schweiger wird immer noch danach gefragt. Ja, sagt sie dann, sie sei es: die Dame vom Plakat. Eine der fünf Quelle-Vorstandssekretärinnen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen. Sie machten sich schick, ließen sich fotografieren und suchten auf einer Werbewand am Nürnberger Hauptbahnhof neue Chefs. Innerhalb weniger Tage hatten sie hundert Angebote. Mittlerweile arbeiten vier von ihnen wieder, bei der fünften sieht es gut aus. Zwei der Jobs, sagt Schweiger, seien Ergebnis der Plakataktion, "bei den anderen hat sie zumindest eine Rolle gespielt". Schweiger ist in ein Softwarehaus gewechselt, ihr Büro dort teilt sie mit einer Azubine, die ihre Lehre bei Quelle begonnen hat. Die fünf Damen vom Plakat treffen sich einmal im Monat zum Stammtisch. Sabine Schweiger sagt: "Es sind Freundschaften entstanden in dieser turbulenten Zeit."

Die Schauspieler

Lisa Hallmeier und Winfried Lernet können den Schlusspunkt ihrer Trauer exakt bestimmen. Es war der Abend des 1. Februar, da brachten sie ihre eigene Geschichte auf die Bühne des ausverkauften Fürther Stadttheaters. Ehemalige Quellianer erzählten von ihrem bitteren Abschied: Hallmeier zeigte Dias aus den letzten Wochen ihres Büros, und Lernet schlug seinen tibetischen Gong. "Die Theatererfahrung war befreiend", sagt der IT-Spezialist. Er hat für Quelle die Bestellsoftware betreut, Hallmeier hat Werbekonzepte entwickelt. Ihre Trauer war vorbei am 1. Februar, aber arbeitslos waren sie immer noch, und keine dreißig mehr. Hallmeier ärgerte sich über das Jobtraining, in das sie die Arbeitsagentur gesteckt hatte - das Schreiben von E-Mails musste ihr niemand beibringen. Ihr Mann ist Frührentner, die Familie braucht ihr Einkommen. Lernet verschickte 27 Bewerbungen, nur einmal wurde er zum Gespräch geladen. Trotzdem haben die beiden den Mut nicht verloren. "Ich fühle mich besser, als ich mich fühlen dürfte", sagt Hallmeier. Sie macht jetzt einen Existenzgründerkurs, hat alte Kontakte aufgefrischt und sieht eine Perspektive als Freiberuflerin im Marketing. Lernet bewirbt sich weiter, aber auch er hat das Rechnen angefangen. Als Klangtherapeut arbeiten zu können, das ist sein Traum. Gerade hat er sich neue Klangschalen gießen lassen.

Der Betriebsratschef

Ernst Sindel wollte etwas Vertrautes mitnehmen in sein neues Leben. An einem Märzabend schleppte er deshalb seinen Schreibtisch aus dem Büro und lud ihn auf einen Anhänger, es war kalt und dunkel, und dann begann es auch noch zu regnen. So endeten für ihn 41 Jahre Quelle. Die letzten beiden Jahre, sagt er, habe er "in einem Tunnel gelebt". Als Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats stand er im Überlebenskampf der Quelle an vorderster Front. Sindel sagt: "Ich war völlig ausgebrannt danach." Seine Freunde sprachen ihn nicht mehr auf Quelle an, sie spürten, dass er erst lernen musste, loszulassen. Er habe das jetzt geschafft, sagt er, "aber ganz ist das alles wohl nie vorbei". Zu oft wird er noch angerufen von alten Kollegen. Sindel hat neue Projekte, er will sich für eine Verbesserung des Insolvenzrechts einsetzen und mit einem Partner eine Personalberatungsfirma gründen. Sie wollen großen Unternehmen bei der Weitervermittlung ausscheidender Mitarbeiter helfen, "und nicht nur der Hochqualifizierten". Es gebe da diese Redewendung, sagt Sindel: "Wer sich zu lange in der Vergangenheit aufhält, verpasst die Zukunft."

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SZ vom 14.06.2010/hai
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