Süddeutsche Zeitung

Brauchtum:Immer mehr Wirtshäuser kämpfen ums Überleben

  • Von 2006 bis 2015 hat der Freistaat ein Viertel seiner Schankwirtschaften verloren.
  • Wegen der vielen Bestimmungen und geringen Einnahmen will kaum jemand noch in einer Dorfwirtschaft arbeiten.
  • Die Freien Wähler wollen dem Wirtshaussterben mit mehr Kulturangeboten entgegenwirken.

Von Hans Kratzer

Zur Grundausstattung des Landes Bayern gehören seit Menschengedenken die Kirchen und die Wirtshäuser. Als Grundpfeiler der bayerischen Tradition gelten sie als unverzichtbar. So war das jedenfalls bis jetzt. Umso ernüchternder sind die aktuellen Zahlen. Nicht nur die Kirchen leeren sich mit Wucht, auch die Wirtshäuser kämpfen ums Überleben. Oft vergebens, das Wirtshaussterben in Bayern hat ein epidemisches Ausmaß erreicht. Die Freien Wähler im Landtag fordern deshalb die Staatsregierung in einem Antrag auf, als Gegenmaßnahme die Kultur in Dorfwirtshäusern zu fördern und somit zusätzliche Anreize für Wirtshausbesuche zu schaffen.

Laut Statistischem Bundesamt hat Bayern von 2006 bis 2015 ein Viertel seiner Schankwirtschaften verloren. "500 Gemeinden haben gar kein Wirtshaus mehr", sagt Angela Inselkammer, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes. In der Rangliste des Gaststättensterbens in Deutschland steht Bayern bereits auf dem zweiten Platz.

Die Staatsregierung reagiert auf diese alarmierenden Zahlen auffallend beschwichtigend. "Unsere typisch bayerischen Wirtshäuser und Gaststätten sind zentraler Bestandteil unseres Heimatgefühls und tragen in besonderer Weise zum Erhalt der Dorfgemeinschaft und der Weitergabe von Brauchtum und Tradition bei", verkündete Heimatminister Markus Söder zum Start des Wettbewerbs "100 beste Heimatwirtschaften" im Dezember.

Der neue Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD macht den Wirten aber keine Hoffnung, dass ihnen bei diesem Beitrag unter die Arme gegriffen wird. Die erdrückende Bürokratie, unter der vor allem kleine Familienbetriebe leiden, wird bestehen bleiben. Belastungen wie die unflexible Arbeitszeitregelung, wegen der etwa bei Hochzeiten die Bedienungen ausgewechselt werden müssen, die höhere Besteuerung des Wirtshausessens gegenüber dem Angebot von Cafés, Imbissstuben und Supermärkten und die unattraktiven Arbeitszeiten führen dazu, dass kaum noch jemand ein Dorfwirtshaus betreiben will. Hans Triebel, Wirt der Gotzinger Trommel, sagt: "Allein kann ich davon gerade noch leben, mit einer Familie ginge es nicht mehr!"

"Verlorene Wirtschaften sind kaum noch einmal zurückzuholen", sagt Michael Piazolo von der Landtagsfraktion der Freien Wähler. "Aber man sollte versuchen, die noch vorhandenen zu erhalten." Die Freien Wähler berufen sich deshalb bei ihrem Antrag an die Staatsregierung auf den jüngsten Abschlussbericht der Enquete-Kommission "Gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Bayern". Wirtshäuser seien zentrale Begegnungsorte, heißt es im Antrag, ohne sie fehle ein Ort des sozialen Austauschs. Mit dem Angebot eines Kulturprogramms in Wirtshäusern erhielten die Gäste einen zusätzlichen Anreiz für den Besuch.

Ob das Wirtshaussterben durch mehr Kultur gebremst werden könnte, ist eine offene Frage. Die Regierungspartei setzt dem Strukturwandel bislang nur wenig entgegen. Der Abwärtstrend in der Gastronomie hat längst auch Bäckereien und Metzgereien erfasst. Hunderte Familienbetriebe in Bayern haben in den vergangenen Jahren mangels Perspektive aufgegeben.

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SZ vom 27.02.2018/vewo
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