Süddeutsche Zeitung

Inklusion:Wie Banklehrlinge von Menschen mit Behinderung lernen

Beim Projekt Übungsfiliale kommen Menschen mit Behinderung und Bankauszubildende zusammen. Wie in den Workshops Berührungsängste abgebaut werden sollen.

Von Sophie Burkhart

Regina Kögler betritt die Bankfiliale und wird von Sebastian Barth, einem Bankauszubildenden, freundlich begrüßt. Sie will eine Überweisung tätigen. "Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?", fragt der Azubi. Doch Regina Kögler reagiert plötzlich nicht mehr. "Können Sie mich hören, hallo?", fragt Barth noch einmal nach. Er spricht sie weiter an und versucht, eine Antwort zu bekommen. Doch keine Reaktion. Dann tippt er der Kundin leicht an die Schulter und Kögler ist wieder da.

Was Regina Kögler gerade geschauspielert hat, kann jederzeit in der Realität passieren: Kögler ist Epileptikerin und hat eine sogenannte Absence dargestellt, einen Abwesenheitszustand, in dem die Person, die einen Anfall hat, nicht umfällt, aber geistig nicht anwesend ist, wie sie sagt.

Sebastian Barth ist einer der rund 80 Bankauszubildenden und 20 Dualstudierenden der Hypo-Vereinsbank (HVB), die an diesem Tag am Projekt "Übungsfiliale" teilnehmen. Schauplatz ist ein Gruppenraum in einem Hotel in Sonthofen im Allgäu, keine echte Filiale. Das Projekt ist eine Kooperation der HVB und der Pfennigparade, einer Stiftung, die Menschen mit Körperbehinderung und anderen Beeinträchtigungen begleitet und sich für Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung einsetzt.

Die Pfennigparade ist heute mit fünf Menschen mit Behinderung angereist, die in Workshops Fallbeispiele durchspielen, in denen die Azubis "gechallengt" werden, erklärt Inklusionsmanager Fabian Url. "Die Fälle sind nicht fingiert, sondern könnten so auch in der Realität passieren. Und das ist uns auch ganz wichtig, dass wir realitätsnahe Fälle durchspielen", betont Url. Federführend sind die Menschen mit Behinderung selbst, sie leiten auch die Workshops. "Die Menschen mit Behinderung werden nicht als defizitär wahrgenommen, sondern als Experten", sagt der Inklusionsmanager. Für die Menschen mit Behinderung sei das eine große Wertschätzung, weil sie "eine gewisse Position der Stärke" einnähmen. "Wir wollen nicht über die Menschen mit Behinderung sprechen, sondern mit ihnen", sagt Url.

Azubi Sebastian Barth durfte soeben ausprobieren, wie er in einer solchen Situation in einer Bankfiliale gehandelt hätte. "Das war schon ungewohnt und im ersten Moment auch etwas überfordernd, weil ich in so einer Situation vorher noch gar nicht war", sagt der 19-Jährige. Regina Kögler findet lobende Worte: "Der Azubi hat sehr gut reagiert, denn er hat erst mehrfach nachgefragt, dann hat er gemerkt, dass ich geistig abwesend bin, und dann hat er weiter nachgefragt und mich dann angetippt. Und damit hat er mich wieder aus der Absence rausgeholt."

Die anderen Azubis, die den Fall beobachtet haben, geben ebenfalls Feedback. Das leichte Antippen wird durchaus kritisiert. Kögler rät dazu, die Situation immer genau zu beobachten und abzuwägen, ob eine Berührung angebracht ist oder nicht. Dann gibt es noch Fragen aus dem Plenum, auch ganz persönliche. "Leben Sie in der Angst vor einem Anfall?", fragt ein Azubi. Die Frage könne sie gut verstehen, sagt Kögler. "Man hat keine Wahl und passt sich deshalb an. Aber je mehr Leute Bescheid wissen, dass solche Anfälle passieren können, desto sicherer fühlen wir Epileptiker uns", erklärt sie, denn ihre Behinderung erkenne man nicht auf den ersten Blick.

Köglers Fall ist nur einer von mehreren Szenarien, die die Pfennigparade vorbereitet hat. "Wir haben auch jemanden dabei, der aufgrund seiner Behinderung nicht so gut zu verstehen ist. Der spricht sehr schnell und gerade wenn er in eine neue Situation kommt, dann überschlagen sich die Worte", berichtet Inklusionsmanager Fabian Url. Da sei es dann wichtig, ruhig zu bleiben, nachzufragen und der Person auch anzubieten, beispielsweise den Überweisungsbetrag aufzuschreiben.

Die 80 Azubis, die am Projekt teilnehmen, sind noch in ihrer ersten Ausbildungswoche. "Für uns ist das Thema super wichtig, weil das Wort Inklusion nicht nur eine leere Worthülse ist, sondern wir wirklich eine tiefe Überzeugung haben und unseren Mitarbeitern von Tag eins an diese Haltung weitergeben wollen", erklärt Jens Fölting von der Talentgewinnung der HVB. Über die Übungsfilialen schaffe man konkrete Begegnungsräume und nehme Berührungsängste. "Der Wunsch ist, ein Erlebnis zu schaffen, das total emotional und besonders ist und das die Leute nicht so schnell vergessen", sagt Fölting. Die Rückmeldung der Azubis aus den vergangenen Jahren sei immer sehr positiv gewesen. Seit 2016 läuft das Projekt. Auch Azubi Barth ist zufrieden: "Das Feedback war super. Ich dachte erst, dass vielleicht Fehler dabei waren, aber es war sehr positiv. Ich kann am Montag selbstbewusst in die Filiale gehen."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.6203132
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/mz
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.