Süddeutsche Zeitung

Ärzteatlas:Report: In Bayern gibt es zu viele Ärzte

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Von Dietrich Mittler, München

Bayerns Patienten haben bei Arztbesuchen die Qual der Wahl - so jedenfalls sieht es der Verband der Ersatzkassen. Gestützt auf den "Ärzteatlas 2016", erarbeitet vom Wissenschaftlichen Institut der AOK, diagnostizieren die Ersatzkassen nun: In Bayern herrscht "eine ärztliche Überversorgung". Die Politik sei aufgefordert, "endlich dafür zu sorgen, dass die massiven Ungleichgewichte in der räumlichen Verteilung der niedergelassenen Ärzteschaft konsequent abgebaut werden", heißt es im aktuellen Ersatzkassen-Report. Das eigentliche Problem sei nicht der Ärztemangel, sondern die "angemessene bedarfsgerechte Verteilung der Ärzte".

Unter Bayerns Ärzteschaft, aber auch im Gesundheitsministerium sorgt der Artikel für Irritation. Zu der im Report getroffenen Feststellung, dass Bayern mit Ärzten überversorgt sei, erklärte Gesundheitsministerin Melanie Huml: "Das ist mir zu pauschal." Aktuell seien Bayerns Patienten mit Ärzten zwar noch gut versorgt. Doch der Überversorgung stehe andernorts im Freistaat nachweislich eine Unterversorgung gegenüber. "Beispielsweise bei Hausärzten in Ansbach Nord und Feuchtwangen, bei den Hautärzten im Landkreis Haßberge oder bei Kinder- und Jugendpsychiatern in der Raumordnungsregion Oberpfalz-Nord", sagte die Ministerin.

Ohne direkt auf die Forderung nach einem Abbau im Bereich der niedergelassenen Ärzte einzugehen, sagte Huml: "In einer älter werdenden Gesellschaft werden wir auch in Zukunft mehr Ärzte brauchen." Entscheidend für die Niederlassung von Ärzten sei "der ganz konkrete Bedarf" in den einzelnen Regionen. "Statistische Werte reichen dafür nicht aus." Härter noch geht die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns den Report an: "Die Zahlenspiele des Ersatzkassenverbandes geben die Versorgungsrealität in Bayern nicht wieder."

Die Ersatzkassen berufen sich auf die Beweiskraft der Daten. Demnach sei der Gesamtversorgungsgrad mit Ärzten im Freistaat mit 137 Prozent deutlich höher als im Bundesdurchschnitt (131,1 Prozent). Auf die Hausärzte bezogen, bedeute das: "Von 159 hausärztlichen Planungsbezirken sind 105 überversorgt, in drei davon liegt der Versorgungsgrad sogar bei 150 Prozent." Im Bundesvergleich etwa seien Pocking/Ruhstorf an der Rott mit 184 Prozent, Oberstdorf mit 178,8 Prozent und Uffenheim mit 152 Prozent die absoluten Spitzenreiter bezüglich Hausarztabdeckung.

"Bei einem Versorgungsgrad von über 110 Prozent spricht man von Überversorgung", heißt es im Report. Als unterversorgt gelten demnach bei Hausärzten Bedarfsplanungsbereiche mit einem Versorgungsgrad unter 75 Prozent - und unter 50 Prozent bei den Fachärzten. Bei diesen ergebe sich indes ein ähnliches Bild wie bei den Hausärzten: In 91 Prozent aller allgemein fachärztlichen Planungsbereiche herrsche Überversorgung, bei 40 Prozent von ihnen gar eine "signifikante".

Patienten auf dem Land haben das Nachsehen

Bezüglich der Augenärzte etwa würden bundesweit die Stadt Würzburg (262 Prozent), der Kreis Miesbach (198,7) und die Stadt Fürth (197,1) hervorstechen. Bundesweit beachtlich sei auch das Überangebot von HNO-Ärzten im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen (243,5), Starnberg (235,6) und Fürth (210,2). Was die Kinder- und Jugendpsychiater betreffe, komme Würzburg gar auf einen Versorgungsgrad von 384 Prozent.

Im Bayerischen Hausärzteverband sorgt der Report aber für Kopfschütteln: "Insbesondere Patienten auf dem Land erleben in Bayern bereits heute jeden Tag die großen Lücken in der hausärztlichen Versorgung", sagt der Verbandsvorsitzende Dieter Geis. Aus der Allianz Fachärztlicher Berufsverbände heißt es: "Die Kolleginnen und Kollegen in den Praxen sind alle voll ausgelastet." Ilka Enger, die für den Vorstand des Bayerischen Facharztverbandes spricht, sagt: Natürlich könne man mit den im Ärzteatlas 2016 genannten Zahlen eine generelle Überversorgung für Bayern konstruieren. Aber, so betont Enger: "Die Bevölkerung macht in punkto Versorgung andere Erfahrungen."

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SZ vom 17.08.2016
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