Süddeutsche Zeitung

Tachobetrug:"Es wird munter weitergedreht"

Jeder dritte Gebrauchtwagen hat einen manipulierten Kilometerstand. Doch seit dem medienwirksamen Vorgehen gegen die Tachomafia in den vergangenen Jahren macht sich eine trügerische Ruhe breit. Eine Bilanz.

"Die Panik der Manipulateure ist gewichen," sagt Ulrich May, Juristischer Leiter beim ADAC. Er spricht von Tachomanipulation. Internationale Banden drehen im großen Stil die Kilometerstände von Fahrzeugen zurück. Laut Angaben des ADAC sollen dadurch allein in Deutschland sechs Milliarden Euro Schaden pro Jahr entstehen. Jeder dritte Wagen soll manipuliert sein, sagt die Münchner Polizei.

Die hatte deshalb die "Ermittlungsgruppe Tacho" im März 2011 eingesetzt. Sie konnte spektakuläre Erfolge vorweisen, jahrelange Ermittlungen fanden ihren Höhepunkt in einer konzertierten Polizeiaktion, der Durchsuchung von mehr als 150 Wohnungen und Werkstätten durch knapp 700 Polizisten und der Sicherstellung von 800.000 Euro Bargeld. Doch nun ist diese zum 1. März 2013 aufgelöst worden. Ende Februar wurden die letzten Akten der Staatsanwaltschaft übergeben.

In Bayern sollen die Ermittlungsergebnisse nicht verpuffen. Die SZ berichtete, dass verschiedene Kommissariate in Zukunft dezentral nach Tachobetrügern fahnden sollen. Zwar setzt sich Justizministerin Beate Merk für eine Gesetzesänderung ein. Tachobetrügern soll künftig bis zu drei Jahre Freiheitsentzug drohen. Momentan liegt die Obergrenze bei einem Jahr. Unterstützung fand Merk auch bei den Verbraucherschutzministern der anderen Bundesländer. Das war allerdings schon im September 2012. Geschehen ist seitdem nichts.

Wie engagiert sind die Autobauer?

Das Bundesministerium für Verbraucherschutz teilt auf SZ-Anfrage mit, dass zur "Tachomanipulation keine Informationen vorliegen". Das Ministerium fühlt sich für den Sachverhalt nicht zuständig und verweist auf die Verbraucherzentralen und den ADAC. "Seitens der Regierung passiert momentan wenig," sagt ADAC-Mann May.

Der ADAC versucht seine Forderungen nach schärferer Strafverfolgung und -androhung in einer Initiative gegen Tachobetrug zu bündeln. Dort treffen sich Vertreter der Politik, der Verband der Automobilindustrie (VDA), außerdem Autobauer, Chiphersteller und Fachleute aus dem Bereich der Fahrzeugelektronik. Die Hersteller sind sich der Problematik bewusst. "Autos, die schwer zu manipulieren sind, überzeugen die Kunden," lässt Volkswagen auf SZ-Anfrage wissen. Doch es gibt Skepsis, wie groß das Engagement der Autobauer wirklich ist. "Die Hersteller sagen hinter vorgehalteneder Hand, dass ihnen das Engagement gegen Tachomanipulation nichts bringt," sagt ein Branchenkenner.

Die Verband der Kfz-Sachverständigen KÜS hingegen attestiert den Autobauern sehr wohl ein Interesse an der Verhinderung von gezinkten Tachos: "Manipulationen in der Elektronik ihrer Fahrzeuge, inzwischen so etwas wie der heilige Gral bei der Entwicklung, mögen die Hersteller überhaupt nicht. Der Schutz des Systems hat einen hohen Stellenwert," sagt Hans-Georg Marmit von der KÜS.

Digitaler Krieg mit den Tacho-Hackern

Im Alltag gleicht der Kampf mit den Tachodrehern einem Katz-und-Maus-Spiel. Die Hersteller versuchen, ihre Bordelektronik immer noch raffinierter zu schützen, die Manipulateure ziehen sofort mit frischer Software nach. "Momentan können Sie für 300 Euro Ihren Tacho manipulieren. Die Software gibt es als illegale Kopie bei Ebay, sie stammt meist aus China. Wenn das ein guter Fälscher macht, dann wird das zu 99 Prozent nicht entdeckt," sagt Ulrich May. Auch VW spricht von einem "Wettlauf zwischen der Automobilindustrie, die stetig verbesserte Schutzmaßnahmen entwickelt, und der 'Manipulations-Branche'". Es ist ein digitaler Krieg gegen die Tacho-Hacker.

Neben der Datenverschlüsselung und -sicherung ist deshalb die Dokumentation die Hauptwaffe der Hersteller. Mercedes-Benz beispielsweise speichert mit dem sogenannten Digital Service Booklet (DSB) Wartung samt Kilometerstand zentral in einem System. Auch freie Werkstätten können dort ihre Reparaturen dokumentieren. "Der Fahrzeugbesitzer erhält beim Service einen Auszug der durchgeführten Arbeitspositionen. Auf die Historie der durchgeführten Wartungen kann jeder Mercedes-Benz-Händler zugreifen," sagt Stefan Schuster von Mercedes-Benz.

30.000 oder 300.000 Kilometer?

Beim Fahrzeugkauf können sich Verbraucher jedoch auch mit klassischen Mitteln über die Glaubwürdigkeit des angegebenen Kilometerstandes informieren. Gebrauchsspuren wie ein abgegriffenes Lenkrad, abgenutzte Pedalerie oder ein verschlissener Schaltknüppel sagen auf den ersten Blick, ob ein Wagen eher 30.000 oder 300.000 Kilometer gelaufen ist.

"Wichtig sind dabei Papiere mit dem Hinweis auf die Kilometerstände, etwa das Werkstattcheckheft. Ein ganz konkreter Hinweis sind auch die Berichte der letzten Hauptuntersuchungen. Hier wird im Zweijahresrythmus der genaue Kilometerstand eingetragen. Also bei Zweifeln immer diese Papiere erfragen," sagt Hans-Georg Marmit von der KÜS. Ansonsten sei Misstrauen angebracht. Denn die Tachomanipulateure gewinnen zurzeit wieder an Boden: "Es wird munter weitergedreht," sagt ADAC-Mann May.

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