Süddeutsche Zeitung

Ferngesteuert im Straßenverkehr:Per Elektroschocker zum Stehen gebracht

  • Derzeit beschäftigen sich zwei EU-Forschungsprojekte damit, eine Art Strahlenkanone zu entwickeln, mit der die Polizei verdächtige Fahrzeuge stoppen kann.
  • Von 2016 an sollen erste Prototypen getestet werden. Dabei ist das Vorhaben sehr umstritten - auch bei der Polizei.
  • Eine süddeutsche Firma bietet eine derartige Technologie bereits an. Sie wird vor allem zu militärischen Zwecken genutzt.

Von Christof Vieweg

Aus und vorbei. Verzweifelt dreht der Fahrer den Zündschlüssel. Der Motor läuft nicht mehr, selbst der Anlasser streikt. Kein technischer Defekt, sondern eine Polizeimaßnahme hat den Wagen lahmgelegt - per Fernzugriff auf die Motorelektronik. Es klingt wie Science-Fiction: Europas Polizeibeamte sollen eine Art Strahlenwaffe erhalten, mit denen sie verdächtige Autos aus der Ferne stoppen können.

Gleich zwei EU-Forschungsprojekte beschäftigen sich mit dieser Aufgabe. Federführend ist das Programm "Savelec" (Safe control of non cooperative vehicles through electromagnetic means), bei dem Polizeibehörden aus sechs Ländern mit Forschungsinstituten, Elektronikspezialisten und Rüstungskonzernen zusammenarbeiten. Ihr Ziel: Ein starker elektromagnetischer Impuls soll die Elektronik moderner Autos blockieren oder gar zerstören. Außerdem experimentiert man mit "hochenergetischen Mikrowellen", die den gleichen Effekt auf die Motorsteuerung haben sollen.

2016 soll der erste Prototyp kommen

Dafür stehen insgesamt rund 4,28 Millionen Euro zur Verfügung, von denen mehr als 75 Prozent aus den mit Steuergeldern gefüllten Kassen der Europäischen Kommission stammen. Ein anderes, 3,5 Millionen Euro teures EU-Projekt, soll den Strahlenangriff aus der Luft untersuchen. Dazu testet man ferngelenkte Drohnen.

Die Technik, so heißt es in dem Savelec-Positionspapier, sei "aus der Medizin bekannt" und werde dort "schon lange, zum Beispiel in der Magnetresonanztomografie eingesetzt". Dass die Reichweite der künftigen Polizeiwaffe mehrere Meter betragen soll und Autofahrer deshalb mit einer weitaus höheren Leistung bestrahlt werden als in der Arztpraxis, verraten die Experten nicht. Schon Mitte 2016 wollen sie einen Prototypen des neuartigen Geräts vorstellen und testen.

Konkretes ist nicht zu erfahren

In Deutschland beteiligen sich Fachleute des Landeskriminalamts Sachsen-Anhalt, der Universität Magdeburg, des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Kamp-Lintforter Firma Imst GmbH an Savelec. Laut Bundesregierung besteht "grundsätzlich ein Interesse für die polizeiliche Aufgabenwahrnehmung, entsprechende Systeme zum Anhalten von ,nicht kooperativen Fahrzeugen' zu entwickeln". So steht es in der Antwort der großen Koalition auf eine parlamentarische Anfrage einiger Abgeordneter der Linken-Fraktion im Bundestag.

Doch was mit Savelec genau geplant wird, bleibt unklar. "Der Beitrag des LKA Sachsen-Anhalt liegt in der Beratung bezüglich der Einschätzung einer möglichen Anwendbarkeit in typischen Situationen", verrät LKA-Sprecher Andreas von Koß. Außerdem wolle seine Behörde Studien unterstützen, die sich mit dem Gebrauch elektromagnetischer Strahlung in der Öffentlichkeit beschäftigen. Die Uni Magdeburg will "die Reaktion von Autofahrern oder Rahmenbedingungen wie die Sicherheit von Infrastrukturen" erforschen. Konkretes ist vom Projektmanager nicht zu erfahren.

Bald täglich im Einsatz?

"Nicht kooperative Fahrzeuge" - damit waren ursprünglich Fluchtwagen von Terroristen und Schwerverbrechern gemeint. Inzwischen sprechen die Savelec-Projektplaner in ihren Positionspapieren auch davon, dass die neue Technologie einen "wichtigen Zusatznutzen" bringe, der die Polizei bei ihren "täglichen Operationen" unterstützen werde.

Strahlenwaffen im täglichen Einsatz? Das geht den Kritikern des EU-Projekts zu weit. "Wenn überhaupt sollte ein solches Gerät nur gezielt bei wirklich schweren Straftaten und nach richterlichem Beschluss zum Einsatz kommen. Im täglichen Polizeidienst wird es mehr Risiken als Nutzen bringen", sagt Matthias Knobloch. Der verkehrspolitische Sprecher des Auto Club Europa (ACE) fragt sich, wer es im dichten Straßenverkehr verantworten könne, ein einzelnes Auto plötzlich mitten auf der Fahrbahn zu stoppen? Auch der ADAC zweifelt an der Genauigkeit des Strahlenangriffs: Was passiert, wenn unbeteiligte Fahrzeuge getroffen werden und Autofahrer die Kontrolle über ihre Wagen verlieren? Die Münchner warnen vor Unfällen durch den Einsatz der neuen Technik.

Noch "einige ungewollte Nebeneffekte"

Ebenso unklar ist derzeit auch, welche Risiken starke elektromagnetische Impulse oder Hochleistungs-Mikrowellen für die Gesundheit von Auto-Insassen und Passanten am Straßenrand bergen. Der letzte Savelec-Statusreport gibt dazu keine konkreten Antworten, wirft stattdessen aber noch mehr offene Fragen auf. So ist von "einigen ungewollten Nebeneffekten" die Rede, die noch untersucht werden sollen. Offenbar hat man erkannt, dass die Strahlung nicht nur die Motorelektronik, sondern auch andere Bauteile des Autos angreift - zum Beispiel den Airbag, der dann plötzlich während der Fahrt zündet.

Zweifel an der Technik, die mit EU-Geldern entwickelt wird, haben aber nicht nur Juristen und Unfallforscher, sondern vor allem jene Experten, die eines Tages damit arbeiten sollen: die Polizeibeamten. "Brauchen wir das wirklich?", fragt sich Arnold Plickert, stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) und spricht von "wenigen Anlässen", die den Einsatz eines elektromagnetischen Motorstopp-Systems wirklich rechtfertigen könnten. Plickert: "Bei den meisten Verfolgungsfahrten erscheint uns der Einsatz dieser Technik eher unverhältnismäßig zu sein, abgesehen von den rechtlichen Voraussetzungen, die noch zu klären sind." Außerdem macht sich der Polizeihauptkommissar aus Bochum Gedanken über den möglichen Missbrauch der neuen Technik. "Wenn so etwas in falsche Hände gerät oder von Hackern kopiert wird, könnten Verbrecher damit nicht nur Polizeiwagen lahmlegen, sondern womöglich noch weitaus größere Schäden anrichten."

Eine deutsche Firma baut die Strahlenwaffe bereits

Doch die Strahlenwaffe ist längst keine Vision mehr. Während die EU-Kommission ein solches Gerät noch aufwendig erforschen lässt, kann man es bei der süddeutschen Firma Diehl Defence bereits kaufen. Es heißt "HPEM Carstop" und besteht im Wesentlichen aus zwei zylinderförmigen Antennen, die im Kofferraum eines Offroaders Platz finden. HPEM steht für High Power Electro Magnetic. Auf Knopfdruck sendet der Apparat einen starken elektromagnetischen Impuls aus, der vorbeifahrende Autos stoppt. Die Strahlung reiche bis zu 15 Meter weit und lasse sich so zielgenau justieren, dass nur die Motorelektronik gestört werde, versichert der Hersteller. Das habe man an 60 verschiedenen Fahrzeugtypen erfolgreich getestet. Andere Bauteile des Autos und die Insassen würden nicht angegriffen.

Zu den Käufern des HPEM Carstop zählten bisher offenbar nur Militärs. Ob auch Polizeibehörden an der Strahlenkanone Interesse zeigen, will Diehl nicht verraten. Fachleute des Bundeskriminalamts haben es laut Auskunft der Bundesregierung bisher nur "in Augenschein genommen", aber nicht getestet.

Das nächste Ziel der Diehl-Entwickler ist eine mobile, elektromagnetische Straßensperre in Form eines Autoanhängers: Fahrzeuge, die von der Polizei um den Anhänger dirigiert werden, sollen auf diese Weise einzeln überprüft und bei Verdacht per Strahlenimpuls an der Weiterfahrt gehindert werden.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2446220
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 25.04.2015/harl
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.