Süddeutsche Zeitung

Fahrbericht BMW Zweier Active Tourer:Van bleibt Van

BMW hat den Van nicht neu erfunden - aber zumindest sich selbst ein wenig. Für den kompakten Familien-BMW Zweier Active Tourer ist man in München ziemlich weit über den eigenen Schatten gesprungen.

Von Jörg Reichle

So viel vorab: BMW hat den Van nicht neu erfunden, auch wenn das jüngste Derivat des Zweiers, vulgo Einsers, sich Active Tourer nennt und das Marketing verzweifelt bemüht ist, das Modell als Outdoor- und Freizeitvehikel zu stilisieren. Van bleibt Van und der Tourer sieht auch aus wie einer: 1,55 Meter hoch (Limousine: 1,42 Meter), schräge Nase, steiles Heck, langer Radstand. Da bleibt nicht viel Spielraum für tolle Designexperimente. Kein Wunder, dass man mit Ausnahme der Front auf die eine oder andere Ähnlichkeit stößt. Eine Prise Opel meint man seitlich zu erkennen, ein bisschen Kia oder Ford hier und da, moderner Mainstream halt. Mehr BMW zaubert erst das M-Paket an den Tourer.

Trotzdem ist man in München für dieses Auto weit über den eigenen Schatten gesprungen, nicht nur, weil es der erste Van der Marke überhaupt ist. Man erinnere sich: Heckantrieb ist Fahrdynamik ist also BMW, hieß es bisher immer, das schien so unumstößlich wie die Konzernzentrale selbst. Alles Schnee von gestern, lernen wir jetzt. Der Tourer ist der erste BMW mit angetriebenen Vorderrädern. Das schafft einerseits Platz im Innenraum und dass man auch damit knackig um die Ecken flitzen kann, hat im Grunde Mini schon bewiesen, mit dessen neuester Generation sich der kompakte Familien-BMW nun die Plattform teilt.

Es wird also nicht überraschen, dass sich auch der Van mit seiner sensiblen Verbindung zwischen Antrieb und der zielgenauen Lenkung wie ein echter BMW fährt - und nebenbei deutlich komfortabler als ein Mini. Dass das letzte Quäntchen Fahrdynamik auf dem Altar der etwas höheren Bauart geopfert wird, dürfte zu verschmerzen sein. Schließlich sollten die Kleinen auf den Rücksitzen ja nicht ständig um die Spucktüte betteln müssen.

Ausreichend Bewegungsfreiheit und gute Raumnutzung

Apropos Kinder. Zwei sind genug, wenn man sich den Active Tourer kaufen möchte, für einen dritten Kindersitz fehlt es schlicht an Innenbreite. Auch die geplante Langversion mit bis zu sieben Plätzen dürfte daran nichts ändern. Trotzdem haben die Entwickler in München die Lektion Familienauto gelernt. Für Menschen mit gängigen Körpermaßen gefällt der Tourer mit ausreichender Bewegungsfreiheit und guter Raumausnutzung bei kompaktem Außenmaß und er gibt auf Transportfragen anpassungsfähig Antwort - sei es mit den dreifach geteilten, verstell- und klappbaren Rücksitzlehnen, der verschiebbaren Bank oder einer umlegbaren Vordersitzlehne.

Je nach Kombination ergibt sich so ein Gepäckraum zwischen 468 und 1510 Liter (VW Golf Sportsvan: 500-1520 l). Hinzu kommen diverse Ablagefächer, ein faltbarer Ladeboden und eine pflegeleichte Multifunktionswanne. Die Heckklappe kann man gegen Aufpreis auch mit dem gestreckten Fuß aktivieren. Wer will, kriegt für 800 Euro außerdem ein eigens entwickeltes und bei Nichtgebrauch zusammenfaltbares Radträgersystem.

Verkaufsstart Ende September

Dass man bei BMW bereit ist, mit alten Denkverboten aufzuräumen, zeigt auch das: Der 218i (100 kW/136 PS; Verbrauch: 4,9-5,2 l/100 km; ab 27 200 Euro) ist nach dem Mini und dem i8 der erste BMW, der von dem neuen, quer eingebauten Dreizylinder angetrieben wird. Zum Verkaufsstart Ende September gibt es außerdem den 218d (110 kW/150 PS; 4,1-4,3 l; ab 31 050 Euro) und das Topmodell 225i (170 kW/231 PS; 5,8-6,0 l; ab 37 950 Euro). Start-Stopp ist selbstverständlich, Bremsenergie-Rückgewinnung und Schaltpunktanzeige ebenso.

Zum Jahresende folgen die Diesel 216d und 220d, der Benziner 220i und Allradantrieb gibt es dann auch. Während der Dreizylinder seine Kraft serienmäßig über ein Sechsgangschaltgetriebe weitergibt, oder sich auf Wunsch mit einer Sechsgang-Steptronic kombinieren lässt, wurde für die Vierzylinder eine Steptronic mit zwei Gängen mehr entwickelt, die auf den Frontantrieb und die quer eingebauten Motoren abgestimmt ist. Leider stand für die erste Testfahrt kein Dreizylinder bereit, deshalb scheint uns für den Tourer nach ausgedehnten Fahrten durch die Tiroler Bergwelt der drehmomentstarke 218d mit der Sechsgangautomatik eine ideale Kombination. Und als Sonderausstattung würden wir das großflächige, 1250 Euro teure Glasschiebedach ganz oben auf die Wunschliste setzen.

Serienmäßig bekommt man dazu ein Radio mit Telefon-Freisprecheinrichtung, das Bediensystem iDrive mit großem Display, Regensensor, Sportlenkrad und eine Auffahrwarnung mit Anbremsfunktion. Was man sich sonst Gutes tun will, ist wie gewohnt summiert in einer der vier Ausstattungslinien oder lässt sich einzeln ordern wie Head-up-Display oder Stauassistent - oder eben alles, was einen BMW erst zum BMW macht.

Wer sich so großzügig aus der Aufpreisliste bedienen kann, den wird dann auch der Hinweis nicht stören, dass ein Golf Sportsvan, weiß Gott kein schlechtes Auto, schon ab 7500 Euro weniger zu haben ist.

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SZ vom 19.07.2014/reek
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