Artenschutz„Noch nie hatten es Vögel so schwer, ihren Zugweg zu bewältigen, wie heute“

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Auch Störche überwintern im Süden.
Auch Störche überwintern im Süden. (Foto: Thomas Warnack)

In diesen Wochen machen sich wieder Millionen Zugvögel auf den Weg in den Süden. Doch ihre Reise wird immer gefährlicher. Warum ist das so – und was hilft? Fragen an den Vogelzugforscher Franz Bairlein.

Interview von Thomas Krumenacker

SZ: Herr Bairlein, wie geht es unseren Zugvögeln in Zeiten von Klimawandel, Naturzerstörung und zahllosen Jägern entlang ihres Zugweges?

Franz Bairlein: Der Rückgang vieler Zugvogelarten hat inzwischen ein problematisches Niveau erreicht. Als sich der Vogelzug vor 10 000 Jahren entwickelte, gab es menschliche Einflüsse nicht. Wahrscheinlich hatten es Vögel noch nie so schwer, ihren Zugweg zu bewältigen, wie heute.

Wie wirkt sich der Klimawandel auf Zugvögel aus?

Er verändert Lebensräume. Wenn es künftig beispielsweise zum Austrocknen von Feuchtgebieten im großen Stil entlang der Zugwege kommen sollte, wird es richtig eng für viele Arten, die an diesen Lebensraum gebunden sind. Zudem verschieben sich die Nahrungsnetze: Viele Vögel kommen heute früher im Brutgebiet an, weil sich mit der Erwärmung auch die Insektennahrung früher entwickelt. Wenn Nahrungsentwicklung und Nahrungsbedarf nicht mehr zusammenpassen, bedeutet das einen schlechteren Bruterfolg und letztlich weniger Vögel. Dieses Wettrennen ist im vollen Gange.

Wie sehr hat sich das Verhalten von Zugvögeln durch den Klimawandel bereits geändert?

Es gibt viele Anpassungen an die neuen Bedingungen, aber noch keinen grundlegenden Bruch im System Vogelzug. Einige Arten ziehen nicht mehr fort und bleiben ganzjährig am Brutort. Vor ein paar Jahrzehnten wäre es eine extreme Ausnahme gewesen, eine Mönchsgrasmücke im Winter in Deutschland zu sehen. Heute ist das normal. Andere Arten ziehen zwar noch, aber nicht mehr so weit wie früher – etwa die Singdrossel. Die stärksten Rückgänge sehen wir bei Vögeln, die südlich der Sahara überwintern.

Warum trifft es diese Arten besonders?

Maßgeblich, weil sie stark von der schnell voranschreitenden Zerstörung natürlicher Lebensräume auf den Zugwegen und in den Winterquartieren betroffen sind. Das sind vor allem Savannen und Wälder, in denen massiv gerodet wird, um Holzkohle für die Städte zu produzieren. An diesen Orten rasten die Vögel auf ihrer anstrengenden Reise und tanken Energie.

Sollten wir uns also weniger Sorgen um den Vogelschutz hierzulanden machen und mehr um die Zugwege?

Beides ist wichtig. Wenn wir hier alle Lebensräume zerstören und die Vögel der Möglichkeit berauben, sich fortzupflanzen, ist fast egal, was auf den Zugwegen passiert. Umgekehrt gilt: Wenn die Nahrung im Winter fehlt oder auf dem Zug der Treibstoff ausgeht, werden die Vögel nicht zurückkehren.

Welche weiteren Probleme gibt es für Zugvögel?

Jagd und Wilderei sind ein Problem, das wir nicht unterschätzen dürfen. Auch Lichtverschmutzung führt dazu, dass ziehende Singvögel nachts mit Gebäuden kollidieren. Windenergieanlagen sind ein Problem, wenn sie an Konzentrationspunkten des Vogelzugs errichtet werden. Keiner dieser Faktoren ist für sich alleine die maßgebliche Ursache für den Rückgang von Zugvögeln. Die Summe macht es.

Werden wir das Naturwunder des Vogelzugs auch in Zukunft noch erleben können?

Da bin ich optimistisch, ich glaube nicht, dass der Vogelzug insgesamt in Gefahr ist. Hunderte Millionen Vögel pendeln noch immer zwischen Europa und Afrika. Das System ist aber kein Selbstläufer. Deshalb sollten wir die Dinge zum Besseren verändern. Wenn wir den Vogelzug erhalten wollen, wird es wichtig sein, auf großer Fläche Lebensräume zu bewahren: im Brutgebiet, an den Rastplätzen und in den Überwinterungsgebieten.

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