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Zoologie:Spa für Raubfische

Haie tummeln sich vor Israels Küste

Haie sind öfter vor Israels Küsten zu sehen - hier ein Archivfoto von 2017.

(Foto: Hagai Nativ/dpa)

Vor einem Strand an der israelischen Küste sammeln sich Dutzende Haie. Das bietet Chancen für die Forschung.

Dutzende von Surfer brettern über die Wellen, einige Taucher sind vom Strand in Chadera aus zu sehen. In ihrer unmittelbarer Nähe tummeln sich Haie im Wasser, gefährliche Vorfälle hat es dennoch nie gegeben. "Alles, was man tun muss, ist, ins Meer zu steigen: Dort, wo das Pumpwasser herauskommt. Dann ist man von Haien umgeben", erklärt Eyal Bigal. Der Meeresökologe ist Leiter des Labors für Spitzen-prädatoren der Morris-Kahn-Marineforschungsstation an der israelischen Universität Haifa und hat früher auch zwei Jahre an der Universität Oldenburg Wasser- und Küstenmanagement studiert.

Der Wissenschaftler vermutet, dass das warme Abwasser aus dem Elektrizitätswerk, das direkt am Strand von Chadera liegt, die vielen Haie anlockt. Die Wassertemperaturen sind hier um fünf bis zehn Grad höher als in der Umgebung. "Wir nennen die Stelle Spa für Haie", meint Bigal. Gemeinsam mit Kollegen versucht er herauszufinden, warum sich ausgerechnet hier in den Wintermonaten zwischen Dezember und Ende April so viele Haie einfinden. "Dass hier Haie auftauchen, scheint so unwahrscheinlich, als treffe man in der Negev-Wüste auf einen Löwen", sagt Bigal. Außerdem sind es ungewöhnlich viele: An manchen Tagen tummeln sich bis zu hundert Haie hier vor dem Küstenort, der rund 50 Kilometer nördlich von Tel Aviv entfernt liegt.

Vor vier Jahren wurde mit den Forschungsarbeiten in den verschiedenen Laboratorien begonnen, die in einem Gebäude in unmittelbarer Strandnähe eingerichtet sind. Hier wurde ein Feldlabor geschaffen, in dem das Leben von verschiedenen Meerestieren untersucht wird. "Das Hai-Projekt ist unser Aushängeschild", meint Eyal Bigal. Inzwischen wissen die Forscher, dass sich vor allem Sandbankhaie und Schwarzhaie vor diesem Küstenabschnitt aufhalten. "Über Schwarzhaie gibt es wenige wissenschaftliche Daten. Alles, was wir für die Forschung zur Verfügung stellen können, ist sehr wichtig. Der Bestand der Sandbankhaie ist gefährdet, sodass auch diese Informationen von großer Bedeutung sind etwa für die Debatte über Schutzzonen."

Die Mitarbeiter verbringen viel Zeit draußen auf hoher See. Zwei Mal pro Woche fahren sie mit ihrem Boot hinaus, um Haie zu beobachten und manchmal zu fangen. Der wissenschaftliche Leiter, der Meeresbiologe Aviad Scheinin, ließ sich diese Methode auf den Bahamas zeigen: "Wir halten Standards ein, um den Haien möglichst wenig weh zu tun." Zwanzig Minuten dauert die Prozedur, "wie ein Termin bei einem Zahnarzt", scherzt Bigal.

Der Hai wird gefangen und mit Seilen am Bootsrand festgehalten. Dann wird das Tier von der Schnauze bis zum Schwanz vermessen. Auch die Größe der Finne wird festgehalten. "Wir wollen wissen, wenn wir sie wieder einfangen, wie sie in der Zwischenzeit gewachsen sind. Was ist die durchschnittliche Größe ihrer Art? Sind sie hier, weil sie vielleicht schwanger sind?", erläutert Bigal.

Dann folgt ein Bluttest. "Wir wissen für Menschen, welche Parameter es gibt, dass die Werte im Normalbereich sind. Für Haie wissen wir das nicht." An verschiedenen Stellen wird außerdem die Haut abgeschabt, um die dortigen Mikroorganismen zu bestimmen. Gewebeproben lassen Rückschlüsse auf die Nahrung zu. Mit genetischen Analysen kann auch ihre Spezies festgestellt werden.

"Wir Menschen sind eine größere Bedrohung für Haie als die Haie für uns."

Außerdem werden die Meerestiere mit Markern und Sensoren ausgestattet: Der sogenannte Spaghetti-Anhänger etwa ist ein langer Streifen, der nahe der Finne angehängt wird und mit einer Nummer versehen ist. So kann auf einen Blick die Identität des Tieres erfasst werden. Weil aber dieser Anhänger häufig abfällt, wird den Haien zusätzlich eine Plakette unter die Haut gepflanzt. "So eine Marke, wie sie auch Hunde haben", erläutert Bigal. Außerdem wird ihnen ein Chip eingesetzt, der acht Jahre lang akustische Signale in einer Frequenz abgibt, die weder Hai noch Mensch hören. Diese Signale werden von Empfangsgeräten aufgenommen, die in Chadera und anderen Stellen der Küste aufgestellt sind. Wenn ein Hai in einer Entfernung von bis zu einem Kilometer vorbeischwimmt, werden seine Daten erfasst.

Bisher wurden 52 Haie mit Sensoren versehen, jede Saison kommen zehn bis fünfzehn weitere hinzu. Alle waren zum ersten Mal in der Meeresregion. "Wir wissen noch nicht, wie viele Haie es insgesamt sind. Wir wissen auch nicht, woher sie kommen."

Aufschluss über diese und andere Fragen soll ein Satelliten-Gerät geben, das sehr teuer ist und nur bei wenigen Haien in seltenen Fällen zum Einsatz kommt. Das Gerät sammelt Daten wie Tiefe, Wassertemperatur und Lichtverhältnisse. Ab einem bestimmten Tag, der programmiert wird, taucht das Gerät an die Oberfläche: "Aufgrund der erfassten Daten können wir Gebiete identifizieren, wo sich Haie häufig aufhalten. Wir können dann Entscheidungsträgern mitteilen, wo Schutzzonen eingerichtet werden sollen."

Die Wissenschaftler in Chadera wollen in ihren Langzeitstudien nicht nur mehr über Haie herausfinden. Sie wollen außerdem die Auswirkungen eines Hafenbaus, der Umweltverschmutzung und der Klimaerwärmung auf die Tiere erforschen. Außerdem entwickeln die Forscher gemeinsam mit Kollegen der Universität Haifa neue Methoden mit Akustikgeräten und Drohnen, sodass man Haie für Forschungszwecken nicht immer töten muss. "Die meisten Wissenschaftler haben mit toten Tieren zu tun." Der Meeresökologe hält Haie generell nicht für gefährlich. "Wir Menschen sind eine größere Bedrohung für Haie als die Haie für uns. In den vergangenen hundert Jahren wurden 95 Prozent der Haie im Mittelmeer ausgerottet."

© SZ vom 31.12.2019
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