Süddeutsche Zeitung

Zoologie:Kampf den Parasiten

Toilettenhygiene und chemische Keule: Tiere wehren sich gegen Blutsauger, Würmer und andere Quälgeister auf erstaunlich ausgeklügelte Weise.

Von Katrin Blawat

Gibt es etwas Schöneres, als an einem warmen Juniabend durch den Wald zu reiten? Ja, gibt es: den gleichen Ausritt bei kühlem, windigen Wetter zu unternehmen. Dann nämlich hat man Ruhe vor den vielen Bremsen, die Pferd und Mensch blutig stechen. Andererseits sollten Ross und Reiter nicht jammern, bekommen sie während eines solchen Ausritts doch nur einen schwachen Eindruck davon, womit sich Wildtiere in viel stärkerem Ausmaß plagen müssen: mit Bremsen, Fliegen, Würmern, Zecken, Milben, Flöhen, Läusen und ähnlichem Getier.

Parasiten sind überall. Ihre "Wirte", also die Tiere, die sie befallen, müssen sich mit ihnen genauso auseinandersetzen wie mit Fressfeinden. "Parasiten üben vielleicht eine stärkere selektive Kraft auf ihre Wirte aus als Raubtiere", schreiben Cecile Sarabian von der Universität Kyoto und ihre Kollegen in einer Artikelsammlung im Fachmagazin Philosophical Transactions, welche die vielen Facetten tierischer Abwehrstrategien gegen Blutsauger, Würmer und andere Quälgeister beleuchtet.

Der Einfluss der Parasiten erstaunt zunächst angesichts der Größenverhältnisse. Selbst wenn eine große Bremse mehrere Zentimeter misst - was kann sie einem Pferd von einer halben Tonne Gewicht schon antun? Das Problem ist nicht das einzelne Insekt, sondern deren Vielzahl. So hat eine amerikanische Studie ergeben, dass Bremsen einem Pferd an einem einzigen Tag einen Blutverlust von einem halben Liter zufügen können.

Doch nehmen die Opfer solche Angriffe nicht wehrlos hin. Das Prinzip des evolutionären Wettstreits hat auf der einen Seite Parasiten hervorgebracht, die äußerst einfallsreich darin sind, ihre Wirte zu entern. Auf der anderen Seite kennen auch die Wirte Tricks, um dem zu entgehen.

Eine dieser Taktiken, die vor allem Wurminfektionen verhindern soll, fällt auf Rinder- oder Pferdeweiden ins Auge. Oft gibt es dort Flecken mit hohem, saftigem Gras, wo aber kein Tier frisst. Stattdessen knabbern alle ein paar Meter weiter an schon arg heruntergefressenen Stängeln. Dahinter steckt das aus hygienischen Gründen sinnvolle Prinzip, Toilette und Esszimmer zu trennen. Die Tiere koten auf den Weiden immer an den gleichen Stellen. Infizierte Tiere scheiden dabei Parasiteneier aus. Durch den Kot werden die Stellen ordentlich gedüngt und das Gras gedeiht dort besonders gut. Trotzdem sind diese Flecken zum Fressen tabu, denn mit den saftigen Stängeln würden die Tiere auch die Wurmeier aufnehmen. Also verzichten sie lieber auf einen Leckerbissen, als sich mit ihm eine Ladung Parasiten einzufangen. In einer Studie mit Rindern achteten diejenigen Tiere, denen man experimentell besonders viele Parasiten verabreicht hatte, am penibelsten darauf, abseits der Kotplätze zu fressen.

Andererseits tolerieren Tiere oft eine erstaunlich hohe Parasitenlast: Mit einer Null-Toleranz-Strategie bliebe vielleicht der Magen wurmfrei, aber auch leer. "Wildtiere sind nie so frei von Parasiten, wie es äußerlich erscheinen mag. Ein beherrschbares Maß an Parasiten beeinflusst die Fitness wohl nicht wesentlich. Und alle Abwehrstrategien haben auch Kosten", schreiben Benjamin und Lynette Hart von der University of California in Davis.

Spatzen schleppen Zigarettenkippen in ihr Nest. Das Nikotin tötet Milben ab

Daher investieren Tiere nicht mehr als unbedingt nötig in die Parasitenabwehr. Deutlich zeigt sich das in einem Vergleich verschieden großer Antilopenarten, die in zeckenreicher Umgebung leben. Kleinere Spezies, denen eine Zecke proportional mehr zusetzt als einem Tier mit mehr Körpervolumen, kämmen ihr Fell häufiger mit den Zähnen durch.

Andere Tiere setzen auf Chemie. So fressen Schimpansen zuweilen bittere Pflanzenteile, die sie normalerweise strikt meiden. Diese enthalten antiparasitär wirkende Substanzen, und womöglich versuchen die Primaten damit, unerwünschte Mitbewohner in ihrem Magen-Darm-Trakt loszuwerden. Tiere, die viel Zeit in ihrem Nest verbringen, müssen die Wirkstoffe nicht einmal schlucken. Manche Buschratten verwenden als Baumaterial Blätter mit medizinisch wirksamen Substanzen, die Flöhe töten. Eine ähnliche Strategie verfolgen Spatzen, indem sie Zigarettenkippen in ihr Nest schleppen - und dies umso eifriger, je mehr Milben sich darin befinden. Das Nikotin vernichtet die Milben, schadet jedoch auch der Erbsubstanz der Vögel.

Andere Vögel wenden in etwas abgewandelter Form eine Strategie an, die auch Menschen nutzen: Sie tragen eine chemische Substanz auf ihren Körper auf. Vor allem Singvögel reiben sich mit dem Gefieder in zerkleinerten Ameisen. Möglicherweise soll die Säure der Insekten Parasiten zwischen den Federn vernichten. Auch die Ameisen selbst wehren sich mit Chemie gegen Krankheitserreger. In manchen Kolonien behandeln Arbeiter infizierte Puppen, die sich durch einen veränderten Geruch verraten, auf trickreiche Weise: Sie lösen den Kokon teilweise ab und applizieren darunter ein Gift - und all das zu einem Zeitpunkt, zu dem für die Arbeiter keine Ansteckungsgefahr besteht.

Ratten und Mäuse erkennen infizierte Artgenossen am Geruch und meiden sie

Wenn jedoch alles nichts hilft und die Parasiten überhandnehmen, fackeln viele Vögel und soziale Insekten nicht lange, sondern geben ihr Nest oder die Kolonie samt Nachkommen auf. Dieses rigorose Vorgehen verweist auf einen Grundkonflikt aller Lebewesen: die Balance zu halten zwischen den Vorteilen der Gruppe und den Nachteilen, die durch das Zusammenleben mit anderen ebenfalls entstehen. Bezogen auf Parasiten bedeutet das ein höheres Infektionsrisiko für den, der sich mit vielen Artgenossen umgibt.

Als Gegenmaßnahme haben sich bei vielen Tieren soziale Schutzmechanismen entwickelt. So erkennen Ratten und Mäuse einen von Parasiten befallenen Artgenossen an dessen verändertem Uringeruch - sogar dann, wenn der andere noch keine Krankheitssymptome zeigt. Wer infiziert riecht, wird gemieden. Je weiter fortgeschritten die Infektion ist, umso größer ist die Aversion. Das bei vielen Tierarten verbreitete Misstrauen gegenüber Artgenossen, die nicht zur eigenen Gruppe gehören und womöglich Parasiten anschleppen, gilt ebenfalls als Spielart des sozialen Ansteckungsschutzes.

Auch die Fähigkeit, Ekel zu empfinden, könnte dem Dilemma zwischen Geselligkeit und "Gruppen-Kosten" entsprungen sein, vermuten Forscher. So wie Angst für ein Beutetier sinnvoll und nützlich ist, weil sie eine Fluchtreaktion auslöst und damit das Gefressenwerden verhindern kann, so sei Ekel ebenfalls adaptiv, argumentiert Cecile Sarabian. Er bewahre davor, sich mit krankmachendem Material zu befassen. Schließlich lösen vor allem Agenzien mit hohem Infektionsrisiko Ekel aus. Dazu zählen Körperflüssigkeiten und Exkremente sowie generell weiches und zugleich feucht-warmes Material, das einen Nährboden für Wurmeier und Keime bietet.

Wie Sarabian in jüngeren Studien gezeigt hat, beschränkt sich diese Reaktion nicht allein auf den Menschen. Auch Schimpansen meiden Körperflüssigkeiten fremder Artgenossen. Außerdem lehnen sie Nahrungsmittel ab, die auf weichem, feuchten Untergrund gelegen haben. Bonobos, die neuem Futter sonst sehr aufgeschlossen begegnen, werden misstrauisch, wenn sie es auf verschmutztem Boden oder in der Nähe von Fäkalien präsentiert bekommen oder wenn es schlecht riecht. So kann man es also auch sehen, wenn Mensch oder Tier wählerisch sind mit ihrem Essen: Das ist keine lästige Marotte - sondern ein von der Evolution eingerichteter Selbstschutz.

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Quelle:
SZ vom 18.06.2018
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