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Zoologie:Spatzen schleppen Zigarettenkippen in ihr Nest. Das Nikotin tötet Milben ab

Daher investieren Tiere nicht mehr als unbedingt nötig in die Parasitenabwehr. Deutlich zeigt sich das in einem Vergleich verschieden großer Antilopenarten, die in zeckenreicher Umgebung leben. Kleinere Spezies, denen eine Zecke proportional mehr zusetzt als einem Tier mit mehr Körpervolumen, kämmen ihr Fell häufiger mit den Zähnen durch.

Andere Tiere setzen auf Chemie. So fressen Schimpansen zuweilen bittere Pflanzenteile, die sie normalerweise strikt meiden. Diese enthalten antiparasitär wirkende Substanzen, und womöglich versuchen die Primaten damit, unerwünschte Mitbewohner in ihrem Magen-Darm-Trakt loszuwerden. Tiere, die viel Zeit in ihrem Nest verbringen, müssen die Wirkstoffe nicht einmal schlucken. Manche Buschratten verwenden als Baumaterial Blätter mit medizinisch wirksamen Substanzen, die Flöhe töten. Eine ähnliche Strategie verfolgen Spatzen, indem sie Zigarettenkippen in ihr Nest schleppen - und dies umso eifriger, je mehr Milben sich darin befinden. Das Nikotin vernichtet die Milben, schadet jedoch auch der Erbsubstanz der Vögel.

Andere Vögel wenden in etwas abgewandelter Form eine Strategie an, die auch Menschen nutzen: Sie tragen eine chemische Substanz auf ihren Körper auf. Vor allem Singvögel reiben sich mit dem Gefieder in zerkleinerten Ameisen. Möglicherweise soll die Säure der Insekten Parasiten zwischen den Federn vernichten. Auch die Ameisen selbst wehren sich mit Chemie gegen Krankheitserreger. In manchen Kolonien behandeln Arbeiter infizierte Puppen, die sich durch einen veränderten Geruch verraten, auf trickreiche Weise: Sie lösen den Kokon teilweise ab und applizieren darunter ein Gift - und all das zu einem Zeitpunkt, zu dem für die Arbeiter keine Ansteckungsgefahr besteht.

Ratten und Mäuse erkennen infizierte Artgenossen am Geruch und meiden sie

Wenn jedoch alles nichts hilft und die Parasiten überhandnehmen, fackeln viele Vögel und soziale Insekten nicht lange, sondern geben ihr Nest oder die Kolonie samt Nachkommen auf. Dieses rigorose Vorgehen verweist auf einen Grundkonflikt aller Lebewesen: die Balance zu halten zwischen den Vorteilen der Gruppe und den Nachteilen, die durch das Zusammenleben mit anderen ebenfalls entstehen. Bezogen auf Parasiten bedeutet das ein höheres Infektionsrisiko für den, der sich mit vielen Artgenossen umgibt.

Als Gegenmaßnahme haben sich bei vielen Tieren soziale Schutzmechanismen entwickelt. So erkennen Ratten und Mäuse einen von Parasiten befallenen Artgenossen an dessen verändertem Uringeruch - sogar dann, wenn der andere noch keine Krankheitssymptome zeigt. Wer infiziert riecht, wird gemieden. Je weiter fortgeschritten die Infektion ist, umso größer ist die Aversion. Das bei vielen Tierarten verbreitete Misstrauen gegenüber Artgenossen, die nicht zur eigenen Gruppe gehören und womöglich Parasiten anschleppen, gilt ebenfalls als Spielart des sozialen Ansteckungsschutzes.

Auch die Fähigkeit, Ekel zu empfinden, könnte dem Dilemma zwischen Geselligkeit und "Gruppen-Kosten" entsprungen sein, vermuten Forscher. So wie Angst für ein Beutetier sinnvoll und nützlich ist, weil sie eine Fluchtreaktion auslöst und damit das Gefressenwerden verhindern kann, so sei Ekel ebenfalls adaptiv, argumentiert Cecile Sarabian. Er bewahre davor, sich mit krankmachendem Material zu befassen. Schließlich lösen vor allem Agenzien mit hohem Infektionsrisiko Ekel aus. Dazu zählen Körperflüssigkeiten und Exkremente sowie generell weiches und zugleich feucht-warmes Material, das einen Nährboden für Wurmeier und Keime bietet.

Wie Sarabian in jüngeren Studien gezeigt hat, beschränkt sich diese Reaktion nicht allein auf den Menschen. Auch Schimpansen meiden Körperflüssigkeiten fremder Artgenossen. Außerdem lehnen sie Nahrungsmittel ab, die auf weichem, feuchten Untergrund gelegen haben. Bonobos, die neuem Futter sonst sehr aufgeschlossen begegnen, werden misstrauisch, wenn sie es auf verschmutztem Boden oder in der Nähe von Fäkalien präsentiert bekommen oder wenn es schlecht riecht. So kann man es also auch sehen, wenn Mensch oder Tier wählerisch sind mit ihrem Essen: Das ist keine lästige Marotte - sondern ein von der Evolution eingerichteter Selbstschutz.

© SZ vom 18.06.2018

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