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Zoologie:Facebook für Fledermäuse

Wasserfledermaus

Früher mussten Biologen noch selbst in die Höhle, um Fledermäuse zu studieren - heute setzen sie auch auf Sensoren

(Foto: Wolfgang Buchhorn/dpa)

Wie fangen sie Frösche? Wer jagt mit wem? Und wo treibt sich eigentlich nachts der Vater herum? Wie Biologen mit Sensornetzen und Satelliten Fledermäusen nachspüren.

Von Benjamin Brackel

Simon Ripperger steht am Eingang einer Höhle in Panama und wartet auf die Fledermäuse. Es ist kurz nach Sonnenuntergang an diesem Abend, als es im Japannetz plötzlich zappelt. Der Postdoktorand vom Berliner Naturkundemuseum greift mit seinen Handschuhen nach einer Fransenlippenfledermaus (Trachops cirrhosus). Sie fühlt sich weich und fellig an. Während sie sich mit ihren warzenartigen Fortsätzen an der Unterlippe und ihrer Lanzennase wehrt, vermisst der Biologe die Unterarme mit einer Schieblehre, wiegt den Flattermann auf einer Federwaage und bestimmt Alter und Geschlecht. Dann greift er zur Schere und schneidet den Pelz zwischen den Schulterblättern kurz, um dort mit Latexkleber einen Sensor zu befestigen. Auf dem sitzt eine Knopfzellen-Batterie samt Antennendraht. Die Apparatur wiegt mit zwei Gramm nicht mehr als ein Blatt Notizpapier. Nach einer halben Stunde lässt Ripperger die Fledermaus wieder fliegen. Die nächsten zehn Tage wird sie unter Totalüberwachung stehen.

Mit ihren Riesenohren hören sie das Krabbeln eines Käfers oder einer Spinne

Fledermäuse stellen die Biologen bis heute vor große Rätsel. Forscher aus ganz Deutschland sind seit zweieinhalb Jahren dabei, sie Stück für Stück zu lösen. Und zwar mit einem automatischen, auf Funk basierenden Beobachtungssystem, das ganz neue Maßstäbe in der Forschung setzt und bereits zu ersten neuen Einsichten geführt hat.

In Gamboa etwa, einem Dorf nahe dem Panamakanal in Lateinamerika, haben die Wissenschaftler herausgefunden, dass sich Fledermäuse derselben Kolonie auch außerhalb der Schlafquartiere treffen, um nachts gemeinsam zu jagen. Um einen Teich herum hatten die Forscher vier Bodenstationen aufgestellt, ebenso im Tagesquartier, um die Signale der Sender auf den Fledermausrücken zu empfangen. Über das Signalmuster können sie so schließen, ob und welche Tiere zusammen fliegen. So entdeckten sie zum Beispiel, dass Mutter und Jungtier gemeinsam auf Jagd gehen. Sie fliegen abends aus ihren Quartieren aus, treffen sich am Teich und fliegen morgens wieder zurück.

Erstmals fanden sie auch heraus, wie die Fransenlippenfledermaus in freier Natur jagt. Unklar war, ob sie tatsächlich über einem Gewässer auf und ab fliegt, und sich auf einen Frosch stürzt, wenn sie den richtigen Moment gekommen sieht. In Panama konnten die Biologen am Monitor stattdessen eine sogenannte Wartenjagd nachweisen: Die Fledermaus hängt kopfüber im Busch am Teichufer und lauscht auf ihre Beute. Über das zurückgeworfene Echo ihrer Schreie verschafft sie sich ein Hörbild über die Umgebung und deren Tierbewohner. Erst wenn sie einen Frosch bemerkt hat, fliegt sie los und greift an. In einer Nacht zwischen 30- bis 40-mal. "Das war schon ziemlich sensationell", sagt Frieder Mayer, Biologe vom Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung in Berlin.

Bis heute weiß man kaum, wie sich Fledermäuse in ihrem Habitat bewegen, wie sie jagen und mit wem sie sich nachts herumtreiben. "Im Gelände sind detaillierte Beobachtungen bisher beinahe unmöglich", sagt Mayer. Das liegt an ihrer Raffinesse und der ökologischen Nische, die sie sich in 50 Millionen Jahren geschaffen haben: Fledermäuse sind klein, wendig und blitzschnell in der Luft. Nachts können sie sich ohne Probleme orientieren. Mit ihren Riesenohren hören sie schon das Krabbeln eines Käfers oder einer Spinne auf einem Blatt.

Dementsprechend schwierig ist es, sie in freier Wildbahn einzufangen oder zu beobachten. Der Standardweg war bisher die Radiotelemetrie: Biologen schnallen sich Stirnlampen um und stiefeln durch die Reviere der Fledermäuse, um sie mit Handantennen zu orten. Die Genauigkeit erreicht gerade mal 200 bis 300 Meter. "Bei der Verfolgung von Tieren mit Hilfe von technischem Gerät gibt es kaum etwas Unangenehmeres als Fledermäuse", sagt Mayer.

Er gehört zu einer Gruppe von Biologen, Ingenieuren und Informatikern, die das nun ändern wollen. Sie haben ein automatisches Beobachtungssystem entwickelt, das die Fledermäuse so exakt ortet, dass sich sogar Flugbahnen bestimmen lassen. Und wenn sie erst mal die Fledermäuse geknackt haben, dann sind dem System kaum noch Grenzen gesetzt: Echsen, Schlangen, selbst Vogelspinnen könnten sich besendern und überwachen lassen. Möglich macht das die Revolution der Mikroelektronik. Leistungsfähige Chips erlauben seit ein paar Jahren, die Bewegungsmuster von immer kleineren Tieren nachzuvollziehen.

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