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Zoologie:Biologen entdecken neue Menschenaffen-Art

Der bislang unbekannte Orang-Utan ist die wohl älteste Menschenaffen-Spezies - und bereits akut vom Aussterben bedroht.

Wenn es unter den Tiergruppen eine gut erforschte gibt, dann sind das die Menschenaffen - sollte man meinen. Und gerade ausgewachsene Orang-Utans sind eigentlich so groß, dass man sie nur schwer übersehen kann. Umso erstaunlicher klingt daher, was Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Current Biology verkünden: Sie haben eine neue Menschenaffen-Art entdeckt, eine dritte Spezies der Gattung Orang-Utan.

Insgesamt kennen Taxonomen damit nun sieben Menschaffen-Arten: Schimpanse und Bonobo, Östlicher und Westlicher Gorilla, Borneo-Orang-Utan, Sumatra-Orang-Utan und neuerdings den Tapanuli-Orang-Utan, Pongo tapanuliensis. Letzterer ist nicht nur die evolutionär älteste und damit am weitesten von Menschen entfernte Menschenaffen-Art, sondern auch mit am stärksten vom Aussterben bedroht.

Pongo Tapanuliensis

Pongo tapanuliensis ist die insgesamt dritte bekannte Orang-Utan-Art

(Foto: Andrew Walmsley)

Die Entdeckung lässt Erik Meijaard, einen der Studienautoren, nachdenklich werden: "Wenn wir sogar noch in der Gruppe der Menschenaffen neue Arten finden, was sagt uns das über alles andere, was wir übersehen: unentdeckte Spezies, unbekannte ökologische Beziehungen, kritische Schwellenwerte, die wir nicht überschreiten sollten?", sagt der Biologe von der Australian National University in Canberra.

Die Tapanuli-Affen unterscheiden sich genetisch und im Verhalten von ihren nächsten Verwandten

Vollkommen unbekannt war der Tapanuli-Orang-Utan jedoch nicht. "Es gab anekdotische Berichte aus den 1930er-Jahren", sagt Seniorautor Michael Krützen von der Universität Zürich. Doch in ihrem natürlichen Lebensraum sind Orang-Utans eben doch nicht leicht zu entdecken. Sie leben im dichten tropischen Regenwald überwiegend in Bäumen. Die Tapanuli-Orang-Utans sind in den Hochwäldern im Norden Sumatras heimisch, einem schwer zugänglichem Gebiet. So dauerte es bis in die 1990er-Jahre, bis Forscher sich näher mit der Population beschäftigen konnten. Bald war klar, dass sich die Tapanuli-Orang-Utans genetisch, in Verhalten und Ökologie von den südlicher lebenden Sumatra-Orang-Utans unterscheiden. Doch ob diese Differenzen ausreichten, um von einer eigenen Art zu sprechen, konnte damals noch keiner sagen. Erst als Forscher im Jahr 2013 das Skelett eines ausgewachsenen männlichen Tieres im Tapanuli-Gebiet fanden, hatten sie genügend Material für umfassende Vergleiche.

Äußerlich unterscheiden sich die neu beschriebenen Tiere aus dem Tapanuli-Gebiet kaum von den Sumatra-Orang-Utans weiter im Süden der Insel. Beide haben ein rostrotes Fell, im Unterschied zu den viel dunkleren Verwandten auf Borneo. Nur das Haar der Tapanuli-Orang-Utans kraust sich etwas stärker als das der anderen beiden Arten. Zu ihrer Einschätzung, dass es sich bei den Affen in Tapanuli um eine eigene Art handelt, sind die Wissenschaftler jedoch aufgrund von Skelettvermessungen und genetischen Daten gekommen. Eindeutige Vorgaben, wie sehr sich zwei Populationen unterscheiden müssen, um als verschiedene Spezies zu gelten, gibt es nicht. "Unsere Beschreibung ist daher als ein Vorschlag zu verstehen, von dem wir hoffen, dass ihn viele Kollegen auf Herz und Nieren prüfen werden", sagt Krützen.

Die genetischen Analysen ermöglichten den Forschern auch Rückschlüsse auf die Entwicklungsgeschichte der drei Orang-Utan-Arten. Demnach trennte sich die Linie des neu beschrieben Tapanuli-Orang-Utans bereits vor mehr als drei Millionen Jahren von den Linien der beiden anderen Orang-Utan-Spezies. Damit gelten die Tiere in Tapanuli als die ältesten Vertreter der Gattung Pongo und als die direkten Nachfahren jener Orang-Utans, die einst vom asiatischen Festland auf die Inseln kamen. Die Linien der Sumatra- und Borneo-Orang-Utans trennten sich erst viel später, vor nicht einmal 700 000 Jahren.

Allzu optimistisch, dass es die Tapanuli-Orang-Utans auch in ferner Zukunft noch geben wird, klingen die Autoren nicht. Derzeit gibt es nur noch etwa 800 Individuen. Sie sind durch die Jagd bedroht sowie durch einen geplanten Staudamm, der einen Großteil ihres Lebensraums fluten würde.

© SZ vom 03.11.2017
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