Zauberei und Psyche:Die Illusion der Wahrnehmung

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Kuhn mutmaßt, dass außerdem Neuronen im hinteren Scheitellappen der Hirnrinde angedeutete Bewegungen bereits als reale wahrnehmen. Schließlich gäbe es eine winzige Verzögerung, bis die optischen Signale vom Auge bis ins Bewusstsein gelangten. Diese Millisekunden messende Lücke kompensiere das Gehirn, indem es vorausdenke. Hunde erliegen dieser Finte, wenn Herrchen einen Stock nur zum Schein ins Weite wirft.

Der Große Tomsoni spielt mit der Trägheit des Auges

Auf ähnliche Weise nutzt der "Große Tomsoni", bürgerlich Johnny Thompson, eine Schwäche des menschlichen Auges aus. Bei einem seiner Auftritte verspricht er, das weiße Kleid seiner schönen Assistentin in ein rotes zu verwandeln. Scherzhaft strahlt er sie erst mit rotem Scheinwerferlicht an. Gelächter. Dann schaltet er die Lampe aus und ein weißes Spotlight leuchtet auf - schon steht die Frau in einem roten Kleid vor einem.

Das Phänomen dahinter ist Physiologen lange bekannt. Auf der Netzhaut der Zuschauer verbleibt kurz ein Nachbild der rot angeleuchteten Assistentin - das ist genug, um in dem Augenblick, in dem der eine Scheinwerfer aus- und an der andere eingeschaltet wird, das weiße Kleid abzustreifen und das rote darunter zu enthüllen.

Wie einfach sich die Aufmerksamkeit von Tricksern irritieren lässt, wird schmerzhaft bei einem weiteren simplen Gauklertrick deutlich. Ein Zauberkünstler sitzt hinter einem Tisch und zündet sich eine Zigarette verkehrt herum an. Der Filter fängt Feuer. Der verhinderte Raucher bläst die Flamme aus, dann schnippt er überrascht mit den Fingern: Unbemerkt ist sein Feuerzeug verschwunden. Dann blickt er abermals verwundert auf das Publikum - denn jetzt hat sich, ohne jegliches Abrakadabra, die Zigarette nicht in Rauch, sondern in Luft aufgelöst.

Die Erklärung: Der Beobachter folgte stets dem Blick des Zauberers. Als der die brennende Kippe ansah, tat das Publikum es ihm gleich. Gerade da ließ er aber das Feuerzeug fallen. Als er dann mit den Fingern schnalzte, starrten er und nahezu jeder Zuschauer verblüfft auf die plötzlich leere Hand.

Doch just in dem Moment fällt die Zigarette - eigentlich für jedermann sichtbar - aus der anderen Hand in seinen Schoß. Die Sehnerven empfangen alle nötigen Sinnesdaten, um den Trick zu entlarven, doch der Fokus der Aufmerksamkeit selektiert nur, was er für wichtig hält. Psychologisch ist das sinnvoll - würden Menschen bewusst alles wahrnehmen, was sie durch ihre Pupillen wahrnehmen, wäre der Geist rasch überfordert. "Unbeabsichtigte Blindheit" nennen Psychologen diesen Filter.

Das bekannteste Experiment zur selektiven Wahrnehmung stammt vom amerikanischen Psychologen Daniel Simons. Er ließ Versuchspersonen in Videos die Basketballpässe zweier Teams mit je drei Spielern zählen. Eine schwierige Aufgabe, die Konzentration verlangt. Prompt bemerkte nur die Hälfte der Probanden, wie sich nach einer Minute ein Gorilla seinen Weg durch die Teams bahnt, innehält und sich auf die Brust trommelt.

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