Das Verhältnis der Nicht-ganz-so-Reichen und Nicht-ganz-so-Schönen zu den Reichen und Schönen zeichnet sich durch Ambivalenz aus. Auf der einen Seite stellen diese Hochglanzfiguren eine Projektionsfläche für die Durchschnittsträume der Durchschnittsmenschen dar: Die bewunderten Figuren besitzen Immobilien, Automobile, Yachten und anderen Statuszierrat, der von ihrem Reichtum kündet und ihre Schönheit unterstreicht. Diese Menschen werden bewundert, angehimmelt und begehrt. Dann ist da die andere Seite: Die Reichen und die Schönen gelten außerdem als Feindbild, als gewissenlose Bonzen und Kapitalisten, deren Wohlstand obszön sei, deren Immobilienbesitz enteignet und deren Vermögen besteuert werden sollte. Mal so, mal anders, es lässt sich nicht zuverlässig sagen, welche Reaktionen die Privilegierten bei den weniger Wohlhabenden auslösen.
Letzteres gilt auch für den Zusammenhang zwischen ökonomischer Ungleichheit in einer Gesellschaft und dem durchschnittlichen Wohlbefinden der Bevölkerung. Die Studienlage dazu ist ambivalent: Manche Analysen legen nahe, dass ökonomische Ungleichheit das Wohlbefinden reduziert, andere Publikationen finden keinen oder sogar den gegenteiligen Zusammenhang.
Wie kann das sein, warum sind die Forschungsergebnisse so widersprüchlich? Eine Erklärung liefern jetzt Psychologen im Fachjournal Social Psychological and Personality Science: weil sich Studien zum Thema meist auf objektive Kenngrößen ökonomischer Ungleichheit stützen, das gefühlte Ausmaß sozialer Unwucht aber einen stärkeren Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden habe, so argumentieren sie in ihrem Aufsatz.
Für die aktuelle Studie strengte ein internationales Team um Ángel Sánchez-Rodríguez von der Universität Salamanca Versuche mit fast 22 000 Probanden aus 71 Ländern an. Die Ergebnisse legten nahe, dass die gefühlte ökonomische Ungleichheit besonderen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit hatte. Das galt unabhängig vom Wohlstandsniveau der entsprechenden Länder. Andere Parameter hingegen hingen von der Wirtschaftskraft ab: Probanden aus wohlhabenden Staaten gaben reduzierten Lebenssinn, geringere Harmoniegefühle und Spiritualität zu Protokoll, wenn die empfundene Ungleichheit für sie ausgeprägt war. In ärmeren Ländern zeigte sich der umgekehrte Zusammenhang. Das könnte daran liegen, dass gefühlte Ungleichheit in ärmeren Ländern in Menschen womöglich Hoffnung weckt und als Ansporn wirkt, selbst einmal Großes zu erreichen, so die Psychologen.
Mit steigendem Reichtum, so ein weiterer Befund der Forscher, wachsen auch die durchschnittlichen Glücksansprüche der Menschen. In den Daten aus wohlhabenden Ländern zeigte sich, dass die Probanden im Schnitt ein höheres Glücksniveau als erstrebenswert oder ideal bezeichneten: Der Unterschied zwischen „Ist“ und „Soll“ kann eben auch groß sein und bleiben, wenn der Lebensstandard schon sehr hoch ist. Womöglich gilt das vor allem dann, wenn der Glitzerwelt der Reichen und Schönen besondere Aufmerksamkeit geschenkt und gleichzeitig aufgeregte Gleichheitsdebatten geführt werden: Dann steigen Ansprüche und gefühlte Ungleichheit – mit allen Konsequenzen.

