Wissenschaftsjournalismus:Die Pflicht, sich zu informieren

Der Biophysiker Manfred Eigen (Nobelpreis 1967) erklärte 1970, über die Evolutionslehre von Charles Darwin hinausgehend, wie allein nach den Gesetzen der Physik und Chemie aus toter Materie lebende Strukturen entstehen. Alle Gesetze der Biologie seien, so Eigen, auf die Gesetze der Physik zurückzuführen (SZ vom 28.10.1970). Dennoch verbreiten christliche Fundamentalisten, insbesondere in den USA, zunehmend aggressiv eine archaische biblische Schöpfungsgeschichte als "Schöpfungslehre" - und verhindern damit zum Beispiel Maßnahmen gegen den menschengemachten Klimawandel.

Anders als vor einem halben Jahrhundert, machen heute die Erkenntnisse naturwissenschaftlicher Forschung vielen Menschen Angst. Nicht zuletzt den Geisteswissenschaftlern, denen dank neurowissenschaftlicher Beobachtungen der Geist abhandenzukommen droht. Bereits 1979 hatte nämlich der US-Physiologe Benjamin Libet gezeigt, dass zwischen der Nervenaktivität im Gehirn, die einer bestimmten Handbewegung vorausgeht, und dem erst danach zustande kommenden Bewusstwerden ein zeitlicher Abstand liegt. Was heißt das für die Vorstellung eines "freien Willens" des Menschen? Deutsche Gehirnforscher wie vor allem Wolf Singer haben nicht nur weiter gehende eigene bahnbrechende Arbeit dazu geleistet, sondern bemühen sich auch unablässig darum, die Konsequenzen ihrer Arbeit verständlich zu machen.

Wolf Singer sieht es sogar als "moralische Verpflichtung" an, "wissen zu wollen", als "Pflicht, sich zu informieren", wie er im Februar 2017 während eines Vortrags an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität erklärte. Singer verlangt seit Langem: "Wir brauchen kritischen Wissenschaftsjournalismus" (FAZ vom 9.7.2001). Doch heute ist ein Wolf Singer die große Ausnahme. Aus Angst vor möglichen beruflichen Konsequenzen verstecken sich die meisten Forscher hinter ihrer Arbeit. Sie schweigen in der Öffentlichkeit gerne, wenn es über rein fachliche Fragen oder Eigen-PR hinausgeht.

"Postfaktisch" erklärte die Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres 2016. Lügen, also nichts anderes als verbaler Betrug, werden im neuen Amerika seit Januar 2017 Alternative Fakten (alternative facts) genannt. An den von besorgten Wissenschaftlern organisierten Märschen für die Wissenschaft gingen im Vorjahr auch in Deutschland viele Wissenschaftler auf die Straße, unter dem Motto: "Frag nach Beweisen". Doch gegen den alltäglichen Aberglauben, der gesellschaftlichen und umweltpolitischen Fortschritt bremst, erhebt sich zu wenig Widerstand.

Absurderweise muss Forschung heute gegen eine Diffamierung als Fake News ankämpfen

Das Jubeljahr 2017, fünfhundert Jahre nach Beginn der Reformation in Deutschland, diente nicht gerade der Erinnerung an die damit auch verbundene Aufklärung. Der Wissenschaftsjournalismus ist heute so wichtig wie vor einem halben Jahrhundert. Damit hat Wolf Singer recht. Denn längst ist der vor 500 Jahren aufgekommene Jubel des Humanisten Ulrich von Hutten: "Die Studien blühen, die Geister erwachen: es ist eine Lust zu leben" verflogen. Und dies, obgleich gerade in den letzten Jahren experimentelle Forschung so fantastische Erkenntnisse gebracht hat wie den Nachweis der vor hundert Jahren von Albert Einstein vorausgesagten Schwerkraftwellen. Absurderweise muss Forschung heute gegen eine Diffamierung ihrer "Studien" als Fake News ankämpfen.

Dabei haben die Forscher unter Schmerzen gelernt, saubere Statistiken anzufertigen und diese richtig zu lesen. Damit wurde auch manche Hoffnung zunichte. Der Krebs zum Beispiel wurde nicht besiegt. Die "parapsychologische" Forschung wurde als unwissenschaftlich identifiziert und weltweit eingestellt. Hochkomplexe Prozesse, wie die Entwicklung des Klimas, lassen sich dagegen seit einem halben Jahrhundert trotz der Fülle zufälliger Ereignisse tendenziell richtig deuten. Fake News sind ein Produkt der Propaganda, um die Wahrheit zu verschleiern. Auch das zu entlarven, ist heute Aufgabe eines kritischen Wissenschaftsjournalismus.

Seine Grenzen wurden im letzten halben Jahrhundert immer genauer erklärbar. Nicht nur ist die Sprache der Wissenschaft, insbesondere die Mathematik, schwer zu verstehen. Das menschliche Gehirn ist auch nicht in der Lage, sich wirklich vorzustellen, was über die von den Sinnesorganen erfassten Bilder hinausgeht. Deshalb kann man zwar von einem Urknall oder einem Multiversum sprechen, oder gar von Wurmlöchern, durch die Information aus schwarzen Löchern kriecht, ja sogar damit rechnen, aber sich kein angemessenes Bild davon machen.

Diese Grenzen erscheinen heute unüberschreitbar.

Der Autor hat die SZ-Wissenschaftsredaktion 1968 gegründet und bis zum Frühjahr 2002 geleitet.

© SZ vom 22.02.2018/fehu
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