Weltweit gerät die Freiheit der Wissenschaft unter Druck. In den vergangenen zehn Jahren hat diese in 50 Ländern abgenommen, während nur neun Länder Verbesserungen verzeichnen konnten. Das zeigt der kürzlich veröffentlichte Academic Freedom Index (AFI), den Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg gemeinsam mit dem schwedischen V-Dem-Institut jährlich veröffentlichen.
Für den Index bewerten mehr als 2000 Wissenschaftler weltweit, wie es um die Freiheit von Forschung und Lehre in ihren Ländern bestellt ist, wie ungehindert akademischer Austausch möglich ist und wie autonom Hochschulen agieren können. Besonders stark ist der Grad der akademischen Freiheit laut dem Report in den USA zurückgegangen. In keinem anderen Land wurde die institutionelle Autonomie von Forschungseinrichtungen in so kurzer Zeit so stark beschnitten wie in den Vereinigten Staaten unter der Regierung von Donald Trump.
Der AFI erfasst mehrere Dimensionen der Wissenschaftsfreiheit. Zum einen die Freiheit in Forschung und Lehre, also inwieweit akademisches Personal forschen und lehren kann, ohne auf politische oder andere nicht akademische Hindernisse zu stoßen. Zudem quantifiziert der Index, wie ungehindert sich Forscher untereinander austauschen und wie frei sie sich zu kontroversen Themen äußern können. Außerdem misst der Index die Integrität des Campus, inwiefern sich politisch motivierte Akteure vor Ort einmischen und etwa die Sicherheit gefährden können. Und schließlich quantifiziert der AFI die institutionelle Autonomie, also den Grad der Selbstverwaltung einer Hochschule in Bezug auf Forschung, Verwaltung und Standards. Auf diese Dimension der Wissenschaftsfreiheit fokussiert sich der aktuelle AFI-Report besonders.
Wo die Freiheit schwindet
Die Auswertung beruht auf den Daten von 2357 Experten, die ihre Einschätzung in standardisierten Fragebögen abgegeben haben. Der Datensatz deckt 179 Länder ab und ist frei zugänglich. Die Ergebnisse beruhen auf Einschätzungen der Experten, nicht aber auf direkten Messungen, worauf die Autoren im AFI-Report auch hinweisen. Dennoch gilt der Index als das beste Instrument seiner Art. Die Methodik liefert das V-Dem-Institut der Universität Göteborg, das eines der weltweit größten Demokratieforschungsprojekte beherbergt.
Der Grad der Wissenschaftsfreiheit hat sich laut dem AFI-Report zwischen 2015 und 2025 in lediglich neun Ländern verbessert. Dies sind Bahrain, Laos, die Malediven, Usbekistan, Panama, die Demokratische Republik Kongo, Gambia sowie Montenegro und Nordmazedonien. Das bedeutet aber nicht, dass es in diesen Ländern bestens um die Wissenschaftsfreiheit bestellt ist. Usbekistan, Bahrain und Laos gehören zum unteren Drittel des Index. Gambia, Montenegro und Panama zählen hingegen zu den oberen zehn bis 20 Prozent der untersuchten Länder.
Der Report stellt fest, dass sich die Wissenschaftsfreiheit zwischen 2015 und 2025 in vielen liberalen Demokratien verschlechtert hat, zum Beispiel in Polen, Österreich, Portugal, den Niederlanden, der Slowakei und der Schweiz. Die Autoren sprechen hier wie auch im Fall von Ländern wie Ungarn, der Türkei und Indien, in denen die Demokratie insgesamt unter Druck geraten ist, von einem „schleichenden Niedergang“. In den USA hingegen habe 2020 ein plötzlicher und steiler Abstieg vor allem in der institutionellen Autonomie akademischer Einrichtungen eingesetzt. Dieser habe sich 2025 mit der zweiten Regierung Trump noch einmal drastisch verschärft und sich durch massive politische Eingriffe auf Bundes- und Staatenebene geäußert, etwa durch die Kürzung von Forschungsgeldern oder dadurch, dass deren Auszahlung an politische Bedingungen geknüpft war.
Auch für Deutschland stellen die Autoren einen signifikanten Rückgang der Wissenschaftsfreiheit in den Jahren von 2015 bis 2025 fest. Jedoch schränken sie ein, dass dieser „nicht in einer substanziell bedeutsamen Weise“ erfolgt sei. Der AFI betont explizit, dass die Forschungsfreiheit in Deutschland einen starken verfassungsrechtlichen Schutz genieße. So zählt die Bundesrepublik auch zu den Staaten, in denen es weltweit um die Freiheit der Forschung nach wie vor am besten bestellt ist.
Wer dagegen sucht, wo die Wissenschaft am freiesten ist, landet in überraschenden Regionen der Welt: der Karibik und dem Pazifik. Basierend auf den Metriken des AFI sind die drei Länder mit der höchsten Wissenschaftsfreiheit die Dominikanische Republik, gefolgt von Barbados und Vanuatu. Wobei die Autoren darauf hinweisen, dass diese Rangliste mit einiger statistischer Unsicherheit behaftet sei.


