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Wissenschaftsethik:Die Ungereimtheiten finden sich in Fachartikeln aus den Jahren 2001 bis 2014

Umso mehr wundern sich Kollegen über die Merkwürdigkeiten in ihren Fachartikeln. Mal fiel nur auf, dass Abbildungen in manchen Studien falsch beschriftet sind. Mal fanden sich auch besagte ähnliche Abbildungen in Studien, die Ergebnisse verschiedener Experimente darstellen sollen. Und mal sollen unterschiedliche Bilder die Resultate derselben Experimente zeigen. Ähnlich wie bei Fotos verschiedener Familien, auf denen stets die gleiche Tante auftaucht. Oder Bilder einer Familie, auf denen unterschiedliche Damen vorgeben, ein und dieselbe Tante zu sein.

In den umstrittenen Abbildungen stellt Mädler vor allem sogenannte Western Blots dar. Mit diesem Verfahren finden Forscher heraus, welche Proteine in einer Zelle in welcher Menge vorhanden sind, und versuchen damit, Rückschlüsse auf molekulare Prozesse zu ziehen. Western Blots sehen in etwa so aus wie ein Strich schwarzer Wasserfarbe, der auf einem feuchten Blatt Papier verläuft. Mal stellen sich die Streifen schmäler, mal breiter dar, mal dünner oder dicker, mal intensiver oder blasser. In jedem Fall ist die Form jedes Streifens - der sogenannten Bande - sehr individuell.

"Keine Unregelmäßigkeit in den Bandenformen kommt zweimal vor", sagt die Biologin Karin Wiebauer, die vor Jahren zufällig auf veränderte WesternBlot-Daten in Artikeln aus ihrem damaligen Forschungsgebiet stieß. Seither hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, die Glaubwürdigkeit veröffentlichter Versuchsergebnisse zu prüfen und dafür zu sorgen, dass nachweislich verfälschte Veröffentlichungen wegen der verwendeten Grafiken zurückgezogen werden.

Wie also kommt es zu den merkwürdig ähnlichen Bildern? Einige der Auffälligkeiten in den Arbeiten Mädlers könnten im Einzelfall ein Versehen sein. Abbildungen wurden vielleicht kopiert oder verwechselt oder auf dem Computer falsch abgespeichert. "Diese Merkwürdigkeiten könnten ein Anzeichen für schlampiges Arbeiten sein", sagt eine Wissenschaftlerin der Uni Bremen, die unerkannt bleiben möchte. "Es sind tatsächlich Fehler passiert, die für mich zum Zeitpunkt der Veröffentlichungen nicht offensichtlich waren", schreibt Mädler in einer Stellungnahme auf der Website Retraction Watch: "Wir haben aber die nötigen Schritte unternommen, um dies künftig zu vermeiden."

Allerdings ziehen sich die Ungereimtheiten durch Fachartikel aus den Jahren 2001 bis 2014 - zu sehen vor allem auf der Website Pub Peer, auf der Wissenschaftler anonym Forschungsergebnisse diskutieren und infrage stellen können.

Und die Vorwürfe beschränken sich bei Weitem nicht auf mögliche Verwechslungen. In manchen Arbeiten nämlich wurden nicht nur frappierend ähnliche Western-Blot-Banden in Abbildungen zu verschiedenen Experimenten entdeckt. Die verdächtigen schwarzen Streifen sind teilweise sogar spiegelverkehrt dargestellt. "Ein Versehen kann die Spiegelung kaum sein", sagt ein weiterer Bremer Forscher, der sich intensiv mit den Abbildungen beschäftigt hat. Zumal in einigen Abbildungen die verdächtigen Banden vergrößert oder verkleinert auftauchen, heller oder dunkler, mal sind die dunklen Streifen lang gestreckt, mal zusammengestaucht. Als würde die besagte Tante mal schrumpfen oder sich mächtig strecken, sich in hellem oder dunklem Kleid auf den Bildern unterschiedlicher Familien unter die Verwandtschaft mischen. Und manchmal sogar vorgeben, nicht nur die Tante, sondern auch noch die Cousine oder Großmutter zu sein.

"Die Vorwürfe gegen mich lassen mich eine aggressive Kampagne gegen mich als Person vermuten, da diese in keinem Fall falsche veröffentlichte Daten gefunden haben", erklärt Mädler auf Retraction Watch.

Die Analysen der Biologin Wiebauer ergaben dagegen unter anderem, dass in fünf Artikeln aus den Jahren 2006 bis 2011 immer wieder in Bandenform und Bandenmuster gleich aussehende Western-Blot-Abbildungen auftauchen. Inzwischen hat Kathrin Mädler bereits für vier Fachartikel Korrekturen ihrer Bilder veröffentlichen müssen, darunter nicht nur Streifen in Western Blots.

782 Studien

mit Auffälligkeiten fanden amerikanische Wissenschaftler, als sie Abbildungen in 20 621 Fachartikeln aus 40 Fachjournalen aus den Jahren 1995 bis 2014 durchsuchten. Sie fanden 230 Veröffentlichungen, in denen Abbildungen wieder verwendet wurden, aber angeblich unterschiedliche Experimente darstellen sollten. In 356 Weiteren wurden die Darstellungen zusätzlich gedreht oder verschoben. Und in den übrigen 196 wurden die Bilder sogar gezielt verändert.

Auch frappierend ähnliche Immunfärbungen musste Mädler inzwischen berichtigen, in Publikationen aus den Jahren 2002 und 2004. Am 13. November 2015 zieht das Journal of Biological Chemistry sogar einen Artikel der Pharmakologin zurück. Abbildung 1E des Fachartikels enthalte Abbildungen, die zwei verschiedenen Fachartikeln Mädlers aus früheren Jahren entstammten, so schreiben Vertreter des Fachjournals in einer Erklärung. Als wenn man aus verschiedenen alten Puzzles ein neues erstellen wollte. Mädler dagegen schreibt für Retraction Watch, dass sie die Experimente in der Zwischenzeit wiederholt und bestätigt habe. Der Fachartikel war im Jahr 2011 erschienen, drei Stipendien hatten die Forschung finanziert.

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