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Wissenschaftler-Bilder:Weltfremde Nerds und irre Maniacs

Das populäre Image des Wissenschaftlers entspricht nicht dem Selbstbild moderner Forscher. Doch es ist schwer zu ändern.

Barbara Galaktionow

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Weltfremde Nerds oder irre Maniacs: Das populäre Image des Wissenschaftlers entspricht nicht dem Selbstbild moderner Forscher. Doch es ist tief in der Kultur verwurzelt - und deshalb schwer zu ändern. Versuche gibt es trotzdem.

Es muss ja nicht gleich in der Schwerelosigkeit sein, wie bei diesem Experiment der Agentur für Luft und Raumfahrt - doch so ähnlich sieht es schon aus im Arbeitsleben moderner Forscher: Eine Gruppe von Spezialisten arbeitet gemeinsam in einem modernen Forschungsumfeld, häufig an einer Vielzahl elektronischer Geräte - und hat gelegentlich noch Spaß dabei. Und dennoch: "Der charmante und charismatische Wissenschaftler ist kein Bild, das die Populärkultur bevölkert", musste schon die US-amerikanische National Science Foundation - wohl zu ihrem Leidwesen - feststellen.

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In der Vorstellung der Öffentlichkeit zeigt sich der Forscher offenbar als etwas eigenbrödlerisch wirkender Experte an Kolben und Schläuchen. "Wissenschaftler haben anscheinend das Image von kuriosen, weltfremden und dem Leben abgewandten Menschen", stellt Petra Pansegrau fest. Die Medienwissenschaftlerin vom Institut für Wissenschafts- und Technikforschung (IWT) an der Universität Bielefeld und einige ihrer Kollegen sind diesem Bild auf dem Grund gegangen.

Ihre Ergebnisse finden sich in dem Sammelband: Bernd Hüppauf, Peter Weingart (Hg.): Frosch und Frankenstein: Bilder als Medium der Popularisierung von Wissenschaft, Bielefeld 2009

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Der "Mythos der Andersartigkeit", wenn nicht gar Verrücktheit, der Wissenschaftler umgibt, hat eine lange Geschichte - und lässt sich sogar bis in die Antike zurückverfolgen. Bestimmend wurde jedoch vor allem die Figur des Alchemisten. In seinem Streben nach reinem Wissen und/oder gar materiellem Wohlstand avancierte er im Mittelalter und der frühen Neuzeit zum Inbegriff des geheimniskundigen, mit fremden Mächten in Verbindung stehenden Forschers. Das Bild des mit Kolben und Flüssigkeiten operierenden Experten hat sich offenbar tief ins kollektive Unterbewusstsein gegraben - denn auch heute noch werden Chemiker durch dieses vormodern anmutende Utensil charakterisiert, wie Joachim Schummer und Tami I. Spector bei einer Untersuchung von Wissenschaftler-Cartoons beziehungsweise Cliparts feststellten.

Foto: iStock / Der persische Alchemist Abu Bakr al-Hazi Rhazes etwa 901 n. Chr. in seinem Labor in Bagdad

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Ähnlich sieht es in anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen aus: Anatomen werden durch Knochen, Astronomen durch ein Teleskop und Mathematiker durch Formeln kenntlich gemacht. "Tatsächlich enthalten die heutigen Cartoons der Wissenschaft nur wenige Elemente aus der Wissenschaft der letzten zwei Jahrhunderte; stattdessen beziehen sie sich meist auf eine Zeit vor der Professionalisierung der Wissenschaft im 19. Jahrhundert", schreiben der Heisenberg-Stipendiat Schummer und Chemie-Professorin Spector in dem bereits genannten Sammelband.

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Doch diese Art stereotyper Wissenschaftlerbilder wird nicht nur in Cartoons reproduziert, sondern auch von den Forschern selber - vor allem im Bereich der Chemie. Selbst erfolgreiche Forscher präsentieren sich schon immer mit den typischen Emblemen in der Hand - so wie hier der Nobelpreisträger Robert B. Woodward im Jahr 1960.

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Die große Ausnahme bildet allerdings die Darstellung von Physikern - denn für sie gibt es kaum typische Gegenstände. Der Grund: Die Physik entwickelte sich erst im 19. Jahrhundert zur eigenständigen Disziplin. Zuvor blieb sie wegen ihrer vormodernen Deutung als allgemeine Naturforschung visuell eher unspezifisch. In Cartoons und Cliparts finden sich daher nur wenige Physiker-Bilder. Und die Selbstdarstellung der Physiker trennen Welten von denen der Chemiker: Hier steht häufig nicht mehr die Person, sondern die Disziplin im Vordergrund, wie Schummer und Spector zeigen. Die Physik erscheint "als experimentelle Wissenschaft mit Apparaten, an denen meist mehrere Personen arbeiten", wie hier am Teilchenbeschleuniger LHC im Forschungszentrum Cern bei Genf.

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Diese Form der Disziplinenbilder bilden Schummer und Spector zufolge allerdings nur die Hälfte der Physik-Selbstdarstellungen. So scheinen der physikalischen Naturforschung schon früh vor allem Einzelpersonen ein Gesicht gegeben zu haben. Die zahlreichen Porträts Isaac Newtons ließen ihn im 17. Jahrhundert nicht nur zu einer wissenschaftlichen Größe, sondern auch einer kulturellen Ikone werden. Nur von Monarchen oder einigen Adligen wurden zu dieser Zeit mehr Porträts angefertigt als von dem berühmten Forscher und Mathematiker.

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Und im Gegensatz zur Chemie, in der kaum ein Wissenschaftler weitreichende Bekanntheit erlangte, gelang es den Physikern, die Anfang des 20. Jahrhunderts das mechanistische Weltbild durch die Relativitäts- und Quantentheorie erschütterten, zu populären Ikonen aufzusteigen. Und auch einige ihrer Nachfolger wie der Astrophysiker Stephen Hawkins (Bild) wurden weit über Wissenschaftlerkreise hinaus bekannt.

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Zum Inbegriff des genialen Physikers wurde jedoch vor allem einer: Albert Einstein - der hier 1931 im Carnegie-Institut des Mount-Wilson-Observatoriums in Pasadena, Kalifornien, eine Gleichung für die Dichte der Milchstraße an eine Tafel schreibt. Mit wirrem Haar und in Aktion präsentierte er sich deutlich moderner und dynamischer als der gesetzt und ehrwürdig scheinende Newton etwa zweieinhalb Jahrhunderte zuvor.

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In der Darstellung und Selbstinszenierung Einsteins finden sich auch deutliche Züge eines der hartnäckigsten Klischees: des verrückten Wissenschaftlers. Das Spektrum der diesem Typus zugeschriebenen Züge reicht von schrullig und weltfremd bis hin zu machtgierig und skrupellos. Auch Christopher Lloyd (r.) ließ sich für die Ausgestaltung seiner Rolle des genialischen Dr. Emmet L. Brown im Blockbuster "Zurück in die Zukunft" von dem berühmten Physiker inspirieren. (Auf dem vorliegenden Foto assistiert der Schauspieler bei einer Art Gedenk-Spektakel in den Kulissen des Films einem anderen Doc-Brown-Darsteller.)

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Die moderne Variante des besessenen Forschers schuf Anfang des 19. Jahrhunderts Mary Shelley mit ihrem Roman über Dr. Frankenstein. Der Wissenschaftler, der aus toter Materie Leben formte - nämlich das hier von Schauspieler Boris Karloff verkörperte Monster -, wurde zum Prototypen einer ganzen Reihe von "Mad Scientists", die sich fortan in der Literatur und später auch in Filmen und Comics tummelten.

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Ja, der verrückte Wissenschaftler avancierte zur vorherrschenden Figur in populären Darstellungen, wie die Bielefelder Forscher Peter Weingart und Petra Pansegrau anhand von Comics beziehungsweise Hollywood-Produktionen aufzeigten. Die Darstellungen mögen "zwangsläufig überzeichnet" sein, wie Pansegrau sagt, doch für die öffentliche Wahrnehmung sind sie nicht ohne Wirkung. Denn ob Dr. Jekyll und sein böses Alter Ego Mr. Hyde (in den Schauspieler Boris Karloff bei den Dreharbeiten 1953 in der Maske verwandelt wurde), ...

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... ob Viktor Frankenstein, Dr. Seltsam oder der größenwahnsinnige Wissenschaftler Dr. No (li.) aus der ersten James-Bond-Verfilmung - "fiktive Wissenschaftler sind in der Öffentlichkeit häufig bekannter als reale Personen", stellt Pansegrau fest.

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Kein Wunder also, dass manche Wissenschaftsorganisation um das Image der Forscher besorgt ist - und versucht, genau an diesem Punkt anzugreifen: Die US-amerikanische National Academy of Sciences (NAS) gründete Ende 2008 den "Science and Entertainment Exchange". Durch diesen Beratungsservice sollen nun selbst Actionfilme wie "Mission Impossible" einen höheren Wahrscheinlichkeitsgehalt bekommen. Wenn in Filmen "facettenreichere, positive Bilder von Wissenschaftlern" gezeigt würden, könne dies helfen, auch das reale Image der Forscher zu beeinflussen, meint die Chefin des Dienstes, Jennifer Ouellette. Bewirken wolle man dies durch einen direkteren Austausch zwischen Wissenschaftlern und der Unterhaltungsindustrie.

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"Wir wollen nicht jeden Film oder jede TV-Show in einen Dokumentarfilm verwandeln", erklärt Ouellette. So spiele beispielsweise die Science-Fiction-Serie "Fringe" in der Figur des Dr. Walter Bishop durchaus mit dem Bild des verrückten Wissenschaftlers - die TV-Produktion wurde vom "Science and Entertainment Exchange" in technischer Hinsicht beraten. Doch hoffe man, dass die größere Nähe der Film- und Fernsehproduzenten zur Wissenschaft "Kreativität begünstigt und zu innovativen Charakteren und Drehbüchern führt".

Screenshot: Fox

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Sehr diffizil hat sich die Bekanntschaft mit der realen Welt der Wissenschaft in der erfolgreichen US-Serie "The Big Bang Theory" niedergeschlagen, wie Ouellette berichtet. Der beratende Physikprofessor David Saltzberg nahm die Autoren, Schauspieler, Set- und Kostümdesigner mit in sein Labor, als die Serie entwickelt wurde. Mit einem großen Zuwachs an Wirklichkeitsnähe, wie Ouellette feststellt: "Keiner der Charaktere trägt Laborkittel, die TV-Labore haben eine alte Ausstattung" - ganz wie im realen Forscheralltag.

Screenshot: CBS

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Eine ähnliche Initiative gibt es in Deutschland bislang nicht. Hier setzt man eher auf die Kraft der realen Forschung, um das Image der Wissenschaftler zu beeinflussen - und auf die Verbesserung der Kommunikation zwischen Forschern und Medien. Sowohl die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) als auch die vor knapp zehn Jahren gegründete Organisation Wissenschaft im Dialog bieten unter anderem Medientrainings für Wissenschaftler an. Die DFG vergibt zudem seit 2000 jedes Jahr den Communicator-Preis an einen Wissenschaftler, der "auf originelle Weise seine eigenen Forschungsergebnisse in die Öffentlichkeit trägt", wie DFG-Pressesprecher Marco Finetti sagt. In diesem Jahr wird mit der Berliner Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger erstmals eine Frau ausgezeichnet. Zuvor erhielt unter anderem Astrophysiker Harald Lesch den Preis, vor allem für sein Fernsehengagement.

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Doch auch in fiktiven Wissenschaftler-Darstellungen steckt - bei aller Überzeichnung - immer auch ein Stück weit Realität. Denn Wissenschaftsdarstellungen im Film sind Forscherin Pansegrau zufolge auch "eine Metapher für die vorherrschenden Ängste und Probleme". So spiegelt die in den 1960er Jahren entwickelte und später verfilmte Comic-Figur des Dr. Bruce Banner die damals weitverbreitete Angst vor der Atombombe wieder: Der Nuklearphysiker verwandelt sich nach einem Unfall mit einer Gamma-Bombe bei jedem Wutanfall in das Monster Hulk. Jüngere Filme nehmen Bezug auf gentechnologische Experimente oder Gehirnmanipulationen.

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Doch Wissenschaftler sollten sich nicht zu sehr um ihr Image sorgen. Denn weltfremde Nerds und irre Maniacs mögen das Film- und Comic-Universum in großer Zahl bevölkern - doch es gibt sie auch: die fiktiven Forscher-Helden. Die kompetent in einem hypermodernen Umfeld zugange sind. Die spezialisiert im Team arbeiten, aber im Notfall auch keine Einzelentscheidungen scheuen. Und die trotz aller Fortschrittsversuchungen letztlich immer auf der Basis moralischer Werte handeln. Wohl kaum jemand verkörpert das besser, als die Star-Trek-Forschercrew - und das schon seit mehreren Jahrzehnten.

Foto: dpa Text:sueddeutsche.de/beu/bgr

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