Süddeutsche Zeitung

Wissenschaft vom Küssen:"Obsessiv auf weibliche Münder fixiert"

Sind Küsse ein Vorspiel, ein chemischer Partnertest oder ein vererbtes Ritual? Sicher ist nur: Männer tun es anders als Frauen.

Sebastian Herrmann

Vögel reiben ihren Schnabel an dem des Partners. Füchse lecken sich gegenseitig das Gesicht. Sogar Elefanten tun es: Die Tiere stecken sich gerne gegenseitig die Rüssel ins Maul. Wissenschaftler sehen in diesen Verhaltensweisen nicht mehr nur Ansätze mehr oder weniger komplexer Partnerwerbestrategien, sondern evolutionäre Vorläufer dessen, was auch Menschen auf der ganzen Welt tun: Sie küssen sich.

Eine ganze Forschungsrichtung interessiert sich mittlerweile dafür, warum Lebewesen gegenseitig ihre Lippen berühren, den Mund öffnen und, je nach Intensität, ihre Zungen dabei Kontakt spüren lassen. Philematologie nennt die Psychologin Wendy Hill vom Lafayette College in Easton, Pennsylvania die Wissenschaft vom Küssen.

Obwohl Bonobos sich gegenseitig mit anscheinend großer Begeisterung Zungenküsse geben und in der Tierwelt zahllose Beispiele für Verhaltensweisen existieren, die dem menschlichen Küssen ähneln, "gibt es zu diesem Thema vor allem viel Spekulation", sagte Hill auf der Jahrestagung der Wissenschaftsvereinigung AAAS in Chicago.

Bekannt sind vor allem Fakten von anekdotischem Wert. Demnach wird in mindestens 90 Prozent der menschlichen Kulturen geküsst - allerdings stammt diese Zahl aus den Aufzeichnungen von Charles Darwin aus dem 19. Jahrhundert.

Immerhin weiß die Forschung zu berichten, dass zwei von drei Menschen ihren Kopf beim Kuss nach rechts legen. Im Jahr 2003 erbrachte eine Studie Hinweise darauf, dass Küssen das Immunsystem stärken könnte: Zumindest reagierten Menschen nach dem Austausch von Speichel plötzlich etwas weniger heftig auf Substanzen, gegen die sie allergisch sind.

Und die antiken Römer - die männlichen Bewohner der ewigen Stadt zumindest - seien "ähnlich obsessiv auf weibliche Münder fixiert gewesen wie dies männliche Amerikaner heute auf weibliche Brüste sind", sagt der Historiker und Philologe Donald Lateiner von der Ohio Wesleyan Universität in Delaware.

Botenstoffe im Speichel

Die entscheidenden Fragen, die die so genannten Philematologen aber beantworten wollen, bleiben von diesen Anekdoten unberührt: Warum küsst der Mensch überhaupt? Und wie hat sich dieses Verhalten entwickelt? Lange schon wird spekuliert, dass das Küssen seine evolutionären Wurzeln in einer Form der mütterlichen Fürsorge habe, bei der die Mutter die Nahrung im eigenen Mund vorkaut und an das Kind weiter gibt, so wie eine Vogelmutter ihre Küken füttert.

Doch lässt sich daraus die erotisch motivierte Lust nach Küssen ableiten? Diese Art Fürsorge sei dem Verhalten zweier küssender Menschen zumindest ähnlich. Bei beiden Verhaltensweisen gebe es oralen Kontakt aus positiven Motiven, Nerven würden stimuliert und es werde etwas ausgetauscht. "Beim Kuss ist das Speichel", sagt Hill.

Und in dieser Flüssigkeit aus dem menschlichen Mund vermuten Wissenschaftler die Geheimnisse des erotischen Kusses. Im Speichel nämlich, sagte Sarah Woodley von der Dusquesne Universität, Pennsylvania, seien vermutlich chemische Botenstoffe enthalten, die bei der Partnerwahl der Menschen eine erhebliche Rolle spielten.

"Obsessiv auf weibliche Münder fixiert"

Diese Spur verfolgt auch Wendy Hill mit ihren Kollegen. Sie wollten wissen, wie sich der Hormonhaushalt knutschender Paare verändert. Erste Ergebnisse stellten sie nun in Chicago vor. Die Psychologen luden für ihre Studie 15 Paare in das Gesundheitszentrum des Lafayette College ein, wo sich sonst kranke Studenten behandeln lassen. "Eine wenig romantische Umgebung", sagte Hill.

Dort mussten die Paare zunächst in einen Behälter spucken und eine Blutprobe abgeben. Aus diesen Körperflüssigkeiten wurde ermittelt, wie hoch der Gehalt des Stresshormons Cortisol sowie der des aufgrund seiner Rolle bei der Zuneigung als Kuschelhormon bekannt gewordenen Oxytocin bei den Probanden war.

Eine Gruppe der Probanden - alles Paare von College-Studenten, deren Beziehung im Schnitt 525 Tage alt war - sollte anschließend 16 Minuten lang knutschen. Die übrigen Paare wurden aufgefordert, in dieser Zeit lediglich Händchen zu halten und sich auf einem Sofa aneinander zu schmiegen - ihnen war Küssen verboten.

Anschließend wurde abermals der Gehalt der zwei untersuchen Hormone im Speichel der Studienteilnehmer ermittelt. Der Cortisol-Spiegel war bei allen Probanden nach der Viertelstunde Knutscherei gefallen. Doch der Oxytocin-Gehalt überraschte die Wissenschaftler. Bei den Frauen war er nach dem Küssen gesunken, die Männer wiesen hingegen einen gestiegenen Oxytocin-Gehalt im Speichel auf. In der Kontrollgruppe, die nur Händchen gehalten hatte, waren die Ergebnisse ähnlich, wenn auch nicht so ausgeprägt.

Kuschelhormon im Männerblut

Warum Männer einen höheren Gehalt des Hormons aufwiesen, das bei Nähe, Vertrauen und der Mutter-Kind-Bindung eine wichtige Rolle spielt, konnten sich die Psychologen nicht erklären. Vielleicht habe die wenig romantische Umgebung die Frauen mehr irritiert als die Männer, vermuteten sie. Daher wiederholten sie das Experiment in einem Raum ohne medizinisch-sterile Anmutung.

"Es lief eine Jazz-CD, es gab ein Sofa, Blumen und Kerzen, auch wenn die wegen der Feuerschutzbestimmungen nur elektrisch waren", sagt Evan Lebovitz, der zusammen mit Carey Wilson an der Studie beteiligt war. Die Kontrollgruppe sollte diesmal nur miteinander reden und Körperkontakt vermeiden. Das Ergebnis glich dennoch dem des ersten Experiments.

Die Forschungsergebnisse, die noch nicht veröffentlicht sind und die wegen der kleinen Stichprobe nicht generalisierbar seien, wie die beteiligten Forscher einräumen, lassen aber doch einen Schluss zu: Männer und Frauen reagieren unterschiedlich auf Küsse. Und wie es scheint, tauschen Männer und Frauen aus anderen Motiven und auf andere Weise Speichel miteinander aus.

"Männer sind die nasseren Küsser", sagt Helen Fisher von der Rutgers Universität in New Brunswick. Das decke sich mit den Motiven der Männer: Frauen ginge es beim Küssen eher darum, potentielle Partner auf ihre Tauglichkeit zu testen, sagt die Anthropologin.

Männer küssten hingegen, um ihrem Ziel, Sex zu haben, näher zu kommen. Dies funktioniere, indem sie die Frau mit ihrem testosteronhaltigen Speichel in Kontakt bringen, um ihr so biochemisch Lust auf die Lust zu machen.

Möglich sei aber auch, dass Männer durch besonders feuchte Küsse den Östrogengehalt im Speichel der Frau ermitteln, um so unterbewusst Aufschluss über deren Fruchtbarkeit zu erhalten, sagt Fisher. Auch deshalb sei das Küssen Männern zu Beginn einer Beziehung wichtiger als Frauen.

Männer küssen also lieber? Auch diese Aussage wird rasch erschüttert, als Sarah Woodley aus einer Studie zitiert. Darin sollten Männer und Frauen die Frage beantworten, ob sie auch mit einem Partner Sex haben würden, den sie zuvor noch nie geküsst haben.

Die große Mehrheit der Männer antwortete, im Gegensatz zu den Frauen, mit "Ja". Ist also das Küssen für Männer doch nicht das große Ding? Es bleiben viele wissenschaftliche Rätsel rund um das Küssen. Irgendwie hat es wohl auch mit dem Mysterium der Liebe zu tun.

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Quelle:
SZ vom 17.02.2009/mcs
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