bedeckt München

Wissenschaft vom Küssen:"Obsessiv auf weibliche Münder fixiert"

Diese Spur verfolgt auch Wendy Hill mit ihren Kollegen. Sie wollten wissen, wie sich der Hormonhaushalt knutschender Paare verändert. Erste Ergebnisse stellten sie nun in Chicago vor. Die Psychologen luden für ihre Studie 15 Paare in das Gesundheitszentrum des Lafayette College ein, wo sich sonst kranke Studenten behandeln lassen. "Eine wenig romantische Umgebung", sagte Hill.

Dort mussten die Paare zunächst in einen Behälter spucken und eine Blutprobe abgeben. Aus diesen Körperflüssigkeiten wurde ermittelt, wie hoch der Gehalt des Stresshormons Cortisol sowie der des aufgrund seiner Rolle bei der Zuneigung als Kuschelhormon bekannt gewordenen Oxytocin bei den Probanden war.

Eine Gruppe der Probanden - alles Paare von College-Studenten, deren Beziehung im Schnitt 525 Tage alt war - sollte anschließend 16 Minuten lang knutschen. Die übrigen Paare wurden aufgefordert, in dieser Zeit lediglich Händchen zu halten und sich auf einem Sofa aneinander zu schmiegen - ihnen war Küssen verboten.

Anschließend wurde abermals der Gehalt der zwei untersuchen Hormone im Speichel der Studienteilnehmer ermittelt. Der Cortisol-Spiegel war bei allen Probanden nach der Viertelstunde Knutscherei gefallen. Doch der Oxytocin-Gehalt überraschte die Wissenschaftler. Bei den Frauen war er nach dem Küssen gesunken, die Männer wiesen hingegen einen gestiegenen Oxytocin-Gehalt im Speichel auf. In der Kontrollgruppe, die nur Händchen gehalten hatte, waren die Ergebnisse ähnlich, wenn auch nicht so ausgeprägt.

Kuschelhormon im Männerblut

Warum Männer einen höheren Gehalt des Hormons aufwiesen, das bei Nähe, Vertrauen und der Mutter-Kind-Bindung eine wichtige Rolle spielt, konnten sich die Psychologen nicht erklären. Vielleicht habe die wenig romantische Umgebung die Frauen mehr irritiert als die Männer, vermuteten sie. Daher wiederholten sie das Experiment in einem Raum ohne medizinisch-sterile Anmutung.

"Es lief eine Jazz-CD, es gab ein Sofa, Blumen und Kerzen, auch wenn die wegen der Feuerschutzbestimmungen nur elektrisch waren", sagt Evan Lebovitz, der zusammen mit Carey Wilson an der Studie beteiligt war. Die Kontrollgruppe sollte diesmal nur miteinander reden und Körperkontakt vermeiden. Das Ergebnis glich dennoch dem des ersten Experiments.

Die Forschungsergebnisse, die noch nicht veröffentlicht sind und die wegen der kleinen Stichprobe nicht generalisierbar seien, wie die beteiligten Forscher einräumen, lassen aber doch einen Schluss zu: Männer und Frauen reagieren unterschiedlich auf Küsse. Und wie es scheint, tauschen Männer und Frauen aus anderen Motiven und auf andere Weise Speichel miteinander aus.

"Männer sind die nasseren Küsser", sagt Helen Fisher von der Rutgers Universität in New Brunswick. Das decke sich mit den Motiven der Männer: Frauen ginge es beim Küssen eher darum, potentielle Partner auf ihre Tauglichkeit zu testen, sagt die Anthropologin.

Männer küssten hingegen, um ihrem Ziel, Sex zu haben, näher zu kommen. Dies funktioniere, indem sie die Frau mit ihrem testosteronhaltigen Speichel in Kontakt bringen, um ihr so biochemisch Lust auf die Lust zu machen.

Möglich sei aber auch, dass Männer durch besonders feuchte Küsse den Östrogengehalt im Speichel der Frau ermitteln, um so unterbewusst Aufschluss über deren Fruchtbarkeit zu erhalten, sagt Fisher. Auch deshalb sei das Küssen Männern zu Beginn einer Beziehung wichtiger als Frauen.

Männer küssen also lieber? Auch diese Aussage wird rasch erschüttert, als Sarah Woodley aus einer Studie zitiert. Darin sollten Männer und Frauen die Frage beantworten, ob sie auch mit einem Partner Sex haben würden, den sie zuvor noch nie geküsst haben.

Die große Mehrheit der Männer antwortete, im Gegensatz zu den Frauen, mit "Ja". Ist also das Küssen für Männer doch nicht das große Ding? Es bleiben viele wissenschaftliche Rätsel rund um das Küssen. Irgendwie hat es wohl auch mit dem Mysterium der Liebe zu tun.

© SZ vom 17.02.2009/mcs
Zur SZ-Startseite