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Wissenschaft und Politik:Bleibt bei den Fakten

Das US-Magazin Scientific American hat sich für den Präsidentschaftskandidaten Joe Biden ausgesprochen.

(Foto: JIM WATSON/AFP)

So schwer es fällt, im US-Wahlkampf nicht Partei zu ergreifen - die Wissenschaft sollte sich mit Wahlempfehlungen zurückhalten.

Kommentar von Julian Rodemann

Das US-Wissenschaftsmagazin Scientific American hat zum ersten Mal in seiner 175-jährigen Geschichte eine Wahlempfehlung abgegeben - für den demokratischen Kandidaten Joe Biden. Damit rüttelt das renommierte Blatt, für das schon Albert Einstein schrieb, an einem Grundpfeiler der Wissenschaft: der Unparteilichkeit. Der Scientific American ist eine populärwissenschaftliche Zeitschrift mit großem Einfluss. Wissenschaftliche Fachjournale könnten dem Beispiel folgen und sich öffentlich für Biden aussprechen; etliche Forscher haben dies bereits getan, darunter Nobelpreisträger wie Rainer Weiss und Edmond Fischer.

Diese endorsements bergen eine große Gefahr. Denn wenn sich die Wissenschaft auf eine parteipolitische Seite schlägt, verliert sie langfristig das Vertrauen der anderen - und schadet so nicht nur sich selbst, sondern auch dem Ziel einer wissensbasierten Gesellschaft.

Die Gesellschaft vertraut in die Unparteilichkeit der Wissenschaft

Auf den ersten Blick kann man die Unterstützung Bidens nur allzu gut nachvollziehen. Donald Trump ist ein Feind der Wissenschaft. Er ignoriert konsequent den Rat von Virologen und Klimaforschern. Tausende Covid-Tote hätten verhindert werden können, säße im Weißen Haus ein halbwegs vernunftbegabter Mensch. Sein Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen wird die Klimakrise weiter verschärfen.

Und doch könnte sich etwas anderes aus Trumps Amtszeit als noch fataler erweisen: Dem Präsidenten ist es gelungen, ein uraltes, ehernes Prinzip aufgeklärter Gesellschaften zu diskreditieren - die Trennung zwischen Fakt und Meinung. Das eine liefert die Wissenschaft, das andere diskutiert die Politik. Die Gesellschaft vertraut in die Unparteilichkeit der Forschung, die sich im Gegenzug auf den Respekt vor ihren Ergebnissen verlässt. Trump kündigt diesen - wie er sagen würde - Deal auf. Er maßt sich an, über beides bestimmen zu können. Und noch schlimmer: Seine Anhänger, also immerhin beinahe die Hälfte der US-Wähler, folgen ihm dabei.

Wenn nun aber Nobelpreisträger ihre öffentlichen Positionen dafür nutzen, zur Wahl Bidens aufzurufen, dann geben auch sie diese Trennung auf - und Millionen Trump-Wähler gleich mit. Denn ob sie damit einen einzigen von ihnen zurückgewinnen, ist mehr als fraglich. Wahrscheinlicher ist, dass sie das Misstrauen dieser Menschen gegenüber der Wissenschaft nur vergrößern.

Wissenschaftler sollten, ja müssen sich zu politischen Sachfragen äußern. Aber es ist ein Unterschied, ob etwa die Scientist for Future auf konkrete Mängel in der Klimapolitik hinweisen oder sich Wissenschaftler pauschal für einen Kandidaten oder eine Partei aussprechen. Tun sie das, droht ihnen ein ähnliches Schicksal wie den Politikern selbst - nämlich, nur noch von der ihnen wohlgesonnenen Hälfte ernst genommen zu werden.

Das Fachjournal Science übrigens druckt immer wieder Meinungsstücke, die hart mit Trumps Politik ins Gericht gehen. Ein endorsement zugunsten Bidens war noch nicht dabei. Gut so.

© SZ/cwb
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