Nobelpreis:Vom Menschen und seinen Verwandten

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Nobelpreis: Das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig erforscht seit 25 Jahren die Ursprünge des Menschen. Nun hat es seinen ersten Nobelpreisträger.

Das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig erforscht seit 25 Jahren die Ursprünge des Menschen. Nun hat es seinen ersten Nobelpreisträger.

(Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa)

Das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig forscht seit 25 Jahren zu den Ursprüngen der Menschheit. Und hat jetzt seinen ersten Nobelpreisträger.

Von Jakob Wetzel

Es ist schon damals ein Coup gewesen für die Max-Planck-Gesellschaft. Im Jahr 1997, vor 25 Jahren, warb die Forschungsorganisation der Ludwig-Maximilians-Universität München einen Jung-Star der Wissenschaft ab, den schon seinerzeit von Universitäten weltweit begehrten Begründer der "molekularen Archäologie" Svante Pääbo. Der Schwede verließ seine Münchner Biologie-Professur und ging nach Leipzig, um dort als einer von zunächst vier Direktoren das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie mitaufzubauen - ein Institut, das es in dieser Form auf der Welt noch nicht gab. Genetiker und Urgeschichtler, Linguisten, Ökologen und Primatologen sollten sich unter einem Dach gemeinsam und interdisziplinär auf die Suche nach den Ursprüngen der Menschheit machen. Mit dem "Wolfgang-Köhler-Zentrum für Primatenforschung", betrieben gemeinsam mit dem Zoologischen Garten Leipzig, verfügt das Institut gar über einen eigenen, kleinen Zoo, um das Verhalten lebender Menschenaffen analysieren zu können.

Heute arbeiten am Max-Planck-Institut insgesamt mehr als 400 Menschen, darunter 250 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Die Einrichtung widmet sich sechs Forschungsschwerpunkten; Svante Pääbo leitet davon einen, den für evolutionäre Genetik. Er ist der erste Nobelpreisträger aus dem Leipziger Institut. Doch dieses hat immer wieder von sich Reden gemacht - und nicht nur wegen der Arbeit Pääbos.

Andere Wissenschaftler erforschten die Ursprünge der Sprache - oder auch von Seuchen

Der Primatenforscher Christophe Boesch zum Beispiel, der in Leipzig 22 Jahre lang die Abteilung für Primatologie leitete, beobachtete, dass nicht nur Menschen, sondern auch Schimpansen regional unterschiedliche "Kulturen" ausprägen. Der Anthropologe Jean-Jacques Hublin fand vor wenigen Jahren dank Fossilienfunden in Marokko heraus, dass es den Homo sapiens schon 100 000 Jahre früher gab als bislang gedacht. Der aktuell am Institut wirkende Archäogenetiker Johannes Krause forschte zu historischen Seuchen, wobei es ihm und anderen gelang, anhand mittelalterlicher DNA-Proben nachzuweisen, dass für den berüchtigten "Schwarzen Tod" des späten Mittelalters tatsächlich das heute als Erreger der Beulenpest bekannte Bakterium Yersinia pestis verantwortlich war. Und der 2018 emeritierte Verhaltensforscher Michael Tomasello formulierte eine einflussreiche Theorie zur Evolution der Sprache, derzufolge sich selbige nicht aus Urschreien oder anderen Lauten entwickelt hat, sondern aus Gesten, zu denen grundsätzlich auch Tiere fähig sind. Eine Sprache im heutigen Sinne entstehe dann, wenn Gesten nicht nur als Aufforderung verwendet werden, sondern auch, um sich nur etwas zu zeigen oder sich gegenseitig auf etwas aufmerksam zu machen. Dieser geteilte Rahmen sei die Grundlage für eine komplexe Sprache.

Zuletzt veröffentlichten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts zum Beispiel Gen-Analysen zur Bevölkerung der britischen Inseln im frühen Mittelalter. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs zogen Angeln und Sachsen ab dem fünften nachchristlichen Jahrhundert über den Ärmelkanal. Den Forschern zufolge bestand die Bevölkerung im heutigen Ost- und Südostengland nach 300 Jahren bereits zu drei Vierteln aus Einwanderern vom europäischen Kontinent.

Andere Forscher des Instituts haben kürzlich ermittelt, dass es nicht nur für Menschenkinder frustrierend sein kann, wenn sie ein Geschwisterkind bekommen und die Eltern fortan diesem ihre ganze Aufmerksamkeit schenken. Auch bei Menschenaffen sorgt die neue Konkurrenz für Stress - und das ist sogar biologisch messbar. Die Wissenschaftler untersuchten wildlebende Bonobo-Affen im kongolesischen Regenwald. Und sie fanden heraus: Bei der Geburt eines Bruders oder einer Schwester schüttete der ältere Nachwuchs die fünffache Menge des Stresshormons Cortisol aus. Und der Stress nimmt nur langsam wieder ab. Der Hormonspiegel blieb über sieben Monate erhöht.

Martin Stratmann, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, äußerte sich am Montag stolz zu dem Nobelpreis für Svante Pääbo, den einstigen Jung-Star. Der habe zum Beispiel nachgewiesen, dass Neandertaler und andere ausgestorbene Vormenschen einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Homo sapiens geleistet hätten, sagt er. "Seine Arbeiten haben unser Verständnis der Evolutionsgeschichte der modernen Menschen revolutioniert."

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Der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin geht an den schwedischen Mediziner und Biologen Svante Pääbo. Er forscht und arbeitet in Leipzig.

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