Wissenschaft mal anders Getanzte Thesen

Die Titel von Doktorarbeiten sind für Laien meist rätselhaft. Junge Wissenschaftler haben nun versucht, ihre Arbeit auf ungewöhnliche Art zu vermitteln: mit einem Tanz.

Von Markus C. Schulte von Drach

Wissenschaftler kämpfen ständig mit einem großen Problem: Wie können sie Menschen, die keine Ahnung vom Gegenstand ihrer Forschung haben, vermitteln, worum es eigentlich geht?

Manche schreiben Bücher, die häufig auch niemand versteht außer ihren Kollegen. Andere beantworten die Fragen von Journalisten und hoffen, dass diese begreifen, was sie sagen und es in eine dem Laien verständliche Sprache übersetzen.

Großes Aufsehen erregten kürzlich auch Wissenschaftler des Forschungszentrums Cern in Genf, die die Arbeit am Teilchenbeschleuniger LHC in einem Rap erklärten.

Und dann gibt es Forscher, die tanzen, um die These ihrer Doktorarbeit choreographisch auszudrücken. Im Ernst. Allein oder mit Partnern haben eine ganze Reihe von Wissenschaftlern die sperrigen Titel ihrer Arbeit in rhythmische Bewegungen zur Musik umgesetzt, anhand derer sich die Öffentlichkeit einen Eindruck von ihrer Arbeit machen soll.

Ob das funktioniert, muss der Zuschauer selbst entscheiden. Die Herausforderung jedenfalls ist angesichts der Thesen, mit denen angehende Wissenschaftler sich in der Regel beschäftigen, riesig. Denn dass die Titel von Doktorarbeiten nicht gerade reine Poesie sind, ist kein Klischee, sondern eine empirisch belegte Tatsache.

So sah sich zum Beispiel Miriam Sach von der Universität Düsseldorf vor die Aufgabe gestellt, die "Cerebral activation patterns induced by inflection of regular and irregular verbs with positron emission tomography" tänzerisch darzustellen - und zwar als "Comparison between single subject and group analysis".

Immerhin hat es die junge Wissenschaftlerin im Tanz-Wettbewerb der amerikanischen Wissenschaftlervereinigung AAAS auf den ersten Platz in der Kategorie "Post-Doc" geschafft. Die Organisation, die größte ihrer Art in den USA, hatte Forscher in aller Welt aufgefordert, an ihrem "Dance Your PhD"-Contest teilzunehmen.

Sieger in der Kategorie Doktoranden wurde Sue Lynn Lau von der University of Sydney in Australien. Die These ihrer Arbeit lautet: "The role of vitamin D in beta cell function". Zur Musik der Nussknacker-Suite von Tschaikowski tanzt die junge Wissenschaftlerin als Zuckerfee, die Marshmallows an drei Betazellen-Tänzer verteilt, während ein Kollege Laus mit einer Stirnlampe als Sonne um sie herumspringt und sie mit der Energie versorgt, die für die Vitamin-D-Synthese notwendig ist.

Den ersten Platz in der Kategorie "Professor" schaffte Vince LiCata von der Louisiana State University in Baton Rouge. Ihre Doktorarbeit, die allerdings schon 18 Jahre zurückliegt, hatte sich mit dem Thema beschäftigt: "Resolving Pathways of Functional Coupling in Human Hemoglobin Using Quantitative Low Temperature Isoelectric Focusing of Asymmetric Mutant Hybrids".

Bei diesem Titel scheint die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass das Tanzvideo den Zuschauer schlauer macht als eine Übersetzung der These ins Deutsche. Nur so viel sei verraten: Es geht um Hämoglobin im Blut.

In der vierten Kategorie bekamen jene Tänze eine Chance, die zwar nicht die Ansprüche der Juroren erfüllten, dafür aber die des Youtube-Publikums. Am besten angekommen war Markita Landry von der University of Illinois at Urbana-Champaign mit ihrem Tango zum Thema: "Single Molecule Measurements of Protelomerase TelK-DNA Complexes".

Die Teilnehmer hatten die von ihnen entwickelten Tänze bei Youtube veröffentlicht. 36 Beiträge kamen zusammen und wurden von einer von der AAAS berufenen Jury bewertet. Drei Wissenschaftler der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, gehörten zu den Wertungsrichtern, darunter eine Entwicklungspsychologin, ein Molekularbiologe und ein Astrophysiker.

Außerdem urteilten drei professionelle Choreographen des amerikanischen Tanztheaters Pilolobus über die Teilnehmer sowie die drei Gewinner des Vorgänger-Wettbewerbs, den der Wissenschaftsjournalist John Bohannon, bekannt als "Gonzo Scientist" ausgerufen hatte. Bewertet wurde, wie gut es den Tänzern gelungen war, eine Brücke zwischen Kunst und Wissenschaft zu schlagen sowie ihre Kreativität. Die Qualität der Videos dagegen spielte keine große Rolle.

Alle Siegerinnen bekommen nun Gelegenheit, ihre Doktorarbeit einem professionellen Choreographen zu erklären, so dass die Experten einen großen, vierteiligen Wissenschaftstanz entwickeln können. Außerdem dürfen sie die Jahrestagung der AAAS 2009 in Chicago als Ehrengäste besuchen.

Die geleistete Arbeit bedeutet für die Gewinnerinnen demnach noch mehr Arbeit und ein klein wenig Ruhm. Ob die Siege auch für die akademische Karriere förderlich sein werden, ist fraglich. Immerhin: Die Tänzerinnen demonstrieren deutlich: Wir können auch anders. Oder sind zumindest bereit, es zu versuchen.