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Wissenschaft in Iran:Kopftuch und Nanotechnik

RoboCup Open 2016

Eine iranische Studentin setzt einen Roboter während des International Iran Open Robocup 2016 in Bewegung.

(Foto: picture alliance / dpa)

Aufbruchstimmung in Iran: Unter dem Druck der Sanktionen hat sich das Land in einen Hort des Erfindergeistes verwandelt. Doch der Zwiespalt zwischen Religion und Hightech ist permanent spürbar.

"Das ist das MIT Irans", raunt eine Studentin ehrfürchtig, als sich eine Labortür im Obergeschoss der Teheraner Sharif-Universität öffnet. Der stolze Vergleich mit dem berühmten Massachusetts Institute of Technology wirkt beim Betreten des Raums zunächst bizarr. Das Labor sieht aus wie eine Bastelstube. Auf einem Tisch steht eine längliche Kiste, in die ein Assistent mit einem Gartenschlauch Wasser füllt. In dem Geblubber leuchtet ein grüner Laserstrahl. Doch es ist wie so vieles in Iran: Der äußere Schein trügt. Mit unbestreitbarer Kompetenz erklären die anwesenden Physiker, wie die Dispersion des Laserlichts unter Wasser von Sauerstoff- und Salzgehalt abhängt. Und ein Schaubild an der Wand zeigt, dass der Laser im Wasserbecken keine Spielerei ist: Es ist der erste Schritt zu einem vernetzten Kommunikationssystem für U-Boote. Ein Unterwasser-Internet.

In anderen Laboren der Universität arbeiten Nanotechniker, Quantenphysiker, Biotechnologen und Robotiker. Sharif, das ist Irans führende Adresse für Natur- und Ingenieurwissenschaftler. Von den etwa 700 000 Schülern, die jedes Jahr einen landesweiten "Concours" absolvieren, eine mehrstündige Eignungsprüfung, werden die hundert begabtesten an die Elite-Uni zugelassen. Mit besonderem Stolz blickt die Universität im Herzen Teherans auf ihre ehemalige Studentin Maryam Mirzakhani. Die heute als Professorin im amerikanischen Stanford forschende Mathematikerin hat 2014 die höchste Auszeichnung ihres Fachs erhalten, die mit einer Million Dollar dotierte Fields-Medaille.

Leidenschaft für Technik und Naturwissenschaft ist auch an den anderen Hochschulen der Hauptstadt spürbar, der Iran University und der Universität von Teheran. Weder die Rumpelkammerhaftigkeit der Labore noch der Smog über der Millionenstadt und der Dauerinfarkt in den völlig überfüllten Straßen sollten über die Aufbruchstimmung des Landes hinwegtäuschen. Das Ziel der iranischen Regierung ist, das Land vom Öl-Exporteur in eine "Wissens-Gesellschaft" zu überführen.

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Man trifft an den Universitäten reihenweise Forscher, die Zeit in Deutschland verbracht haben

Iran, dessen Bild im Westen wahlweise zwischen Rosenwasserromantik und Nuklearaggression schwankt, hat sich unter dem Druck der Sanktionen der vergangenen Jahre in einen innovativen Mikrokosmos entwickelt. Neun von zehn Produkten sind hausgemacht, wovon man sich nicht nur in den vielen Süßigkeitenläden überzeugen kann. Die Selfmadekunst reicht weit in die Hochtechnologie hinein: Es gibt eigene soziale Netze, Dutzende Apps, eine eigene Pharmaindustrie. Bezahlt wird mit einem Chipkartensystem namens ezpay. "Die Sanktionen hatten den Vorteil, dass wir uns um Patente nicht mehr scheren müssen", sagt die Chefin einer Biotechfirma augenzwinkernd.

Nun, nach dem Atomabkommen mit dem Westen und der Lockerung der Fesseln, rechnet Irans Regierung mit sechs Prozent jährlichem Wirtschaftswachstum in den kommenden 20 Jahren. Einwohner gibt es so viele wie in Deutschland, und sie sind jung. Viele Intellektuelle sind zwar ausgewandert. Fünf Millionen Menschen mit iranischen Wurzeln leben im Ausland, einhundertzwanzigtausend von ihnen in Deutschland. Doch die Beziehung zum Herkunftsland ist eng. Man trifft an den Universitäten reihenweise Forscher, die einige Zeit in Deutschland verbracht haben. Ein Physiker, der mit supraleitenden Magnetfeldsensoren Hirnwellen messen will, hat einst im Forschungszentrum Jülich mit dem Nobelpreisträger Peter Grünberg gearbeitet.

Der Forscherdrang sowie das Potenzial einer jungen, gut ausgebildeten Studentengeneration ist für den Westen interessant. Nachdem Brexit und Trump vielen Iranern den Weg in die angelsächsische Welt erschwert haben, sehen deutsche und europäische Institute und Universitäten die Chance für verstärkte Zusammenarbeit. Mehrere Delegationen besuchten jüngst Iran, so auch der EU-Forschungskommissar Carlos Moedas. In der vergangenen Woche sondierte die in der Wissenschaftsförderung aktive Robert-Bosch-Stiftung die Situation. Deren Chef Joachim Rogall fand vor der iranischen Handelskammer deutliche Worte: Die politische Entwicklung im anglikanischen Raum sei zwar bedauerlich, biete für Europa und Deutschland aber beträchtliche Chancen. Dies gesagt, bedrängten Dutzende Vertreter iranischer Start-ups den Gast aus Deutschland mit Fragen und Förderanträgen.

"Viele Iraner wünschen sich sehnlich, die Isolation zu überwinden und wieder als geachtetes Mitglied der Gemeinschaft der Nationen zu gelten", schreibt die Iran-Kennerin Charlotte Wiedemann in dem soeben bei dtv erschienenen und sehr lesenswerten Buch "Der neue Iran". Das ist zweifellos einer der Gründe, warum Irans Forscher und Ingenieure den Wettbewerb suchen, ob bei Solarautorennen, wo die "Persische Gazelle" ganz vorne mitfährt, oder beim Roboterfußball, wo iranische Kicker schon mal deutsche Roboter vom Platz fegen. Mehrere Millionen Euro hat die Regierung in ein Brain-Mapping-Labor investiert. Dort wird Kernspin-Tomografie auf westlichem Niveau betrieben.

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